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Coronavirus in München: „Darf ich jetzt meinen Enkel nicht mehr sehen?“ - Oberarzt beantwortet dringende Fragen

  • Oliver Menner
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Wie gehe ich mit dem Coronavirus um? Bei welchen Symptomen muss ich handeln? Oberarzt Dr. Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar beantwortet dringende Fragen.

  • Der Coronavirus hat die Gesellschaft fest im Griff.
  • Der leitende Oberarzt für Infektiologie vom Klinikum rechts der Isar in München beantwortet Leser-Fragen.
  • Er berät bei Themen rund um Antibiotika und Impfen, und gibt Tipps im Bezug auf Reisen und Saunagänge*. 

München - Schulschließungen, abgeriegelte Länder, immer mehr Infizierte und Tote in Deutschland. Die Verunsicherung wegen der Corona-Pandemie ist groß. Immer noch gibt es viele offene Aspekte. Dr. Christoph Spinner, leitender Oberarzt für Infektiologie am Klinikum rechts der Isar, hat die drängendsten Fragen unserer Leser beantwortet.

Er sagt: „Unser Gesundheitssystem gibt sein Maximales; ich würde mir aber wünschen, dass auch die Einzelnen etwas mehr Solidarität, Verständnis und Miteinander zeigen. Ärzte und Krankenhäuser müssen sich gerade vor allem um die Schwerkranken kümmern.“

Ingrid E. (74) aus Fürstenfeldbruck: Mein Mann ist Mitte Siebzig und hatte eine schwere Lungenentzündung. Ich bekleide ein Ehrenamt und bin viel unterwegs auch in U-Bahnen und Bussen, habe Kontakt zu vielen Personen. Ich trage schon Einweghandschuhe. Aber soll ich das Amt letzt lieber momentan ruhen lassen?

Dr. Spinner: Das Tragen von Handschuhen im Alltag ist nicht nötig. Soziale Kontakte sollten Sie auf das Mindestmaß reduzieren und häufiger die Hände waschen.

Halmagi G. aus Taufkirchen: Ich bin 86 Jahre alt und Rentnerin. Ich rauche nicht und bin gegen Pneumokokken und die Grippe geimpft. Ich habe aber ein leichte Herzinsuffizienz. Wie gefährdet bin ich denn nun?

Dr. Spinner: Das höhere Lebensalter ist mit einem deutlichen Risiko für einen schweren Verlauf verbunden.. Allerdings sind sie gegen Grippe und Pneumokokken geimpft, wie Sie sagen. Das ist schon mal gut. Denn dann können Grippe und Corona oder Lungenentzündung schon mal nicht gleichzeitig auftreten.

Coronavirus: „Muss ich jetzt dauernd zuhause bleiben?“

Muss ich denn jetzt dauernd zuhause bleiben? Kann ich nicht mal Einkaufen gehen?

Dr. Spinner: Nein natürlich nicht. Aber sie sollten das Risiko bewusst minimieren. Vor allem Massenansammlungen meiden. Gehen Sie nicht zu viel raus. Versuchen Sie das Einkaufen auf ein, zwei Mal pro Woche zu reduzieren.

Walburga R. aus München: Ich bin 67 Jahre alt und Rentnerin. Bei welchen Temperaturen geht denn das Virus kaputt?

Dr. Spinner: Die gute Nachricht ist hier, dass das Virus nicht sehr stabil ist. Bereits der richtige Gebrauch normaler Seife oder von Waschmittel, wenn Sie Ihre Wäsche waschen, kann es zerstören.

Und welches Desinfektionsmittel hilft?

Dr. Spinner: Eigentlich ist kein besonderes Desinfektionsmittel erforderlich in normalen Situationen wie im Haushalt. Wichtig ist eben, dass Sie sich regelmäßig die Hände mit Seife waschen. Ansonsten hilft jedes sogenannte begrenzt viruzide Desinfektionsmittel, aber auch Alkohol.

Gesine B. aus Germering. Ich bin 44 Jahre und fahre mit der U-Bahn in die Arbeit. Wie viel Viren sind denn da in der Luft?

Dr. Spinner: Das neuartige Corona-Virus wird vor allem durch Tröpfcheninfektion verbreitet. Dann hängt es schon davon ab, wie sehr die Luft mit Viren durchsetzt ist. Das kann man in Nahverkehrsmitteln natürlich nicht immer genau wissen.

Soll ich mir das Gesicht verhüllen und die Augen? In die kann ja auch was gelangen?

Dr. Spinner: Das ist nicht nötig. Wichtig ist hier, wie ganz allgemein in jeder öffentlichen Situation im Moment, dass man genug Abstand hält zum Nächsten. So etwa um die zwei Meter. Man sollte sich zum Beispiel nicht anniesen lassen und selber auch die Nies- und Hustenetikette genau einhalten.

Coronavirus: „Prima, dass Sie geimpft sind“

Helene M. aus München: Ich bin 50 und Kauffrau. Ich hatte in den letzten Tagen wirklich massive Halsschmerzen und Fieber, war beim Hausarzt. Meine Blut- und Vitalwerte sind aber okay. Ist das jetzt das Virus?

Dr. Spinner: Wenn Sie auch Fieber und Schüttelfrost hatten, tippe ich jetzt eher auf die echte Influenza oder einen grippalen Infekt, der scheinbar schon abklingt. Sie sollten aber auf jeden Fall noch einige Tage nach dem Abklingen der Symptome zuhause bleiben, damit Sie niemanden anstecken und sich selbst schonen. Ansonsten sollten Sich alle Personen, auch Kontaktpersonen dringend an die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts halten, also bei fieberhaften Erkältungen zwei mal am Tag Fieber messen, nicht sofort in Notaufnahmen von Kliniken oder in Arztpraxen gehen, sondern den Hausarzt oder das Gesundheitsamt telefonisch informieren.

Helen Z, aus München: Ich bin 70 Jahre alt, bin zwar gegen Grippe und Pneumokokken geimpft, habe aber etwas Asthma; ich nehme so ein Spray. Außerdem bin ich leidenschaftliche Oma. Darf ich jetzt meinen Enkel, er ist in der vierten Klasse, nicht mehr sehen?

Dr. Spinner: Prima, dass Sie geimpft sind. Das ist schon mal was. Andererseits ist es so, dass Kinder ganz allgemein weniger stark bis kaum Symptome zeigen, wenn sie sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben, es aber dennoch weitergeben können. Das heißt, der Kontakt mit Kindern kann für Risikogruppen – und mit Asthma oder Lungenkrankheiten ganz allgemein gehören Sie jetzt einfach dazu – schon eine erhebliche Gefährdung darstellen. Sie müssen das abwägen. Meine Empfehlung ist für Sie tatsächlich: Meiden Sie den direkten Kontakt zu ihrem Enkel, auch wenn es schwer fällt. Telefonieren Sie lieber öfter.

Coronavirus: „Das klingt nach der echten Influenza“

Ingrid K. aus München: Ich bin 76 und hatte Fieber mit um die 39,6 Grad. Mein Arzt hat mit dann Tamiflu gegeben und es ist auch wirklich besser geworden. Ich habe aber immer noch Angst, dass es Corona ist, weil ich ja eine Vierfach-Impfung habe machen lassen.

Dr. Spinner: Das klingt mir trotzdem eher nach der echten Influenza. Dazu muss man nämlich wissen, dass es auch trotz Vierfach-Impfung in seltenen Fällen zu einer Grippe-Ansteckung kommen kann. Es ist nämlich so, dass die Impfung im Alter manchmal schlechter wirkt, sozusagen nicht ganz anspringt. Das liegt an Besonderheiten unseres Immunsystems. So oder so sollten sie aber mindestens noch 48 Stunden nach dem Abklingen ihrer Symptome Kontakte meiden, auch wenn es jetzt „nur“ die Grippe war.

Brigitte K. aus Aying: Ich bin 65 und habe gerade Antibiotika genommen wegen einer Harnwegsinfektion. Bin ich jetzt dadurch weniger geschützt gegen das Corona-Virus?

Dr. Spinner: Ganz klar nein. Keine Angst. Antibiotika schwächen in der Regel nicht das Immunsystem. Sie wirken ja gegen Bakterien, und nicht gegen Viren.

Jennifer R. aus München: Ich bin Mitte 20, berufstätig und mein Chef ist positiv getestet worden. Wie soll ich mich verhalten?

Dr. Spinner: Überlegen Sie mal Folgendes, ganz prinzipiell: Hatten Sie Kontakt mit Ihm? Bei direktem Kontakt, einem Abstand unter zwei Metern über eine Dauer von mindestens 15 Minuten oder mehr gilt man als relevant risikogefährdet. Dann muss man dringend in Quarantäne, um ein Weitertragen des Virus zu vermeiden. Sprich: 14 Tage daheim, zwei Mal täglich Fieber messen, Meldung beim Gesundheitsamt. Hatten Sie keinen Kontakt mit ihm, besteht auch keine Gefahr für Sie, außer durch andere Personen in ihrem Büroumfeld.

Jutta M. aus München: Ich bin Rentnerin, 73, und noch nicht gegen Pneumokokken oder Grippe geimpft. Außerdem starke Raucherin – leider. Macht es jetzt noch Sinn, mich impfen zu lassen?

Dr. Spinner: Aber klar. Und zwar so rasch wie nur möglich. Denn bis der Impfschutz voll greift, vergehen etwa eine, wahrscheinlich aber eher zwei Wochen. Das heißt, sie sollten so schnell es geht, beim Hausarzt einen Impftermin ausmachen. Allerdings fürchte ich, werden Sie zumindest bei Pneumokokken Probleme kriegen. Es kann sein, dass der Stoff schon knapp wird. Mit solch einem Ansturm hat leider niemand gerechnet.

Infektiologie-Oberarzt aus München über Coronavirus: „Reisen meiden, Kontakte meiden“

Ingrid E. (74) aus Fürstenfeldbruck: Mein Mann ist Mitte Siebzig und hatte eine schwere Lungenentzündung. Ich bekleide ein Ehrenamt und bin viel unterwegs auch in U-Bahnen und Bussen, habe Kontakt zu vielen Personen. Ich trage schon Einweghandschuhe. Aber soll ich das Amt letzt lieber momentan ruhen lassen?

Dr. Spinner: Das empfehle ich Ihnen schon. Ihr Mann ist wahrscheinlich noch geschwächt durch die Krankheit, und auch Sie gehören mit 74 zur Risikogruppe. Mein Rat: Bleiben Sie daheim. Noch mal: Reisen meiden, viele Kontakte meiden, regelmäßig Hände waschen! Meiden Sie Kontakt mit Infizierten, vor allem unter zwei Metern Abstand und länger als 15 Minuten. Fassen sie sich nicht ins Gesicht, vor allem in der Öffentlichkeit oder dem öffentlichen Nahverkehr.

Stefan R. (42) aus München: Ich habe seit zwei Wochen Juckreiz am Kopf. Kann das auch ein Zeichen sein?

Dr. Spinner: Definitiv nicht. Sie sollten da mal eher beim Hautarzt nachfragen. Im Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus haben wir von Juckreiz-Symptomatik eigentlich bisher nicht gehört.

Coronavirus: „Soll ich MTX absetzen?“

Sabine B. (53) aus Schongau: Ich nehme gegen mein Rheuma MTX. Das dämpft ja mein Immunsystem. Soll ich es jetzt absetzen, wegen des Virus?

Dr. Spinner: Methotrexat ist besonders bei Autoimmunerkrankungen wie Rheuma das Mittel der Wahl. Und ja, es dämpft natürlich das Immunsystem. Andererseits, wenn Sie es jetzt absetzen, tritt wieder ihre Grunderkrankung in den Vordergrund, und das ist ja auch nicht wirklich toll. Mein Rat: Sprechen Sie mit ihrem behandelnden Arzt und meiden Sie im Zweifel strikt ihre Kontakte, minimieren Sie konsequent die Risiken, bleiben Sie viel Zuhause und halten Sie die bekannten Vorsorgemaßnahmen wie Abstand halten, Hände waschen, Enkelkontakte meiden penibelst ein. Alles Gute!

Ingeborg F. (73) aus München: Seit 14 Tagen habe ich Tag und Nacht Husten. Ich bin nicht geimpft. Bisher hatte ich kein Fieber gemessen, heute habe ich 39,4. Muss ich mir Sorgen machen?

Dr. Spinner: Wahrscheinlich haben Sie eine echte Virusgrippe. Sie sollten Ihren Hausarzt konsultieren und sich untersuchen lassen oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 anrufen. Zum Drive-in für Corona-Tests sollten Sie nicht ohne Vorklärung gehen. Und es ist leider nicht vernünftig, sich über 60 Jahre nicht gegen Grippe impfen zu lassen.

Manfred S. (77) aus Gröbenzell: Ich soll nächste Woche wegen einer Schmerztherapie ins Krankenhaus gehen. Ist das sinnvoll? Man könnte es auch verschieben.

Dr. Spinner: Wenn es nicht notwendig ist, sollten Sie es verschieben. Fragen Sie doch noch mal im Krankenhaus nach. Überall, wo man mit vielen Menschen zusammen ist, besteht ein Risiko.

Coronavirus in München - Antworten vom Infektiologen: „Kann ich in die Sauna gehen?“

Herbert S. (69) aus Unterschleißheim: Kann ich angesichts von Corona in die Sauna gehen?

Dr. Spinner: Wenn Sie darauf verzichten können, würde ich Ihnen Sauna nicht empfehlen.

Astrid R. (78) aus München: Ich bin am Sonntag und Montag beim Stimmauszählen bei der Kommunalwahl aktiv. Ich möchte mich noch impfen lassen und könnte dadurch dann aber geschwächt sein. Reicht es, wenn ich damit bis Dienstag warte?

Dr. Spinner: Der Impfstoff wird in der Regel sehr gut vertragen. An Ihrer Stelle würde ich mir keine Sorgen machen. Sie können ruhig bis Dienstag warten. Allerdings ist der Impfstoff häufig schon vergriffen.

Helga N. (82) aus München: Mir geht es noch gut. Ich hatte vor vier Wochen eine Erkältung, die mit pflanzlichen Mittel behandelt werden konnte. Ich bin Diabetikerin, habe aber gute Werte. Kann ich einmal in der Woche eine Dame empfangen, die 52 Jahre alt ist und erwachsene Kinder hat, damit sie mir Einkäufe mitbringt und im Haushalt hilft? Und ich fahre auch nur mit dem Taxi.

Dr. Spinner: Wenn Sie sich an die Regeln halten, zu der Dame zwei Meter Abstand zu halten und sich nicht 15 Minuten mit ihr im gleichen Raum aufzuhalten, ist das in Ordnung. Und bei Taxifahrten ist das Risiko viel geringer als bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs.

Bernhard G. aus München: Ich habe seit zwei Wochen einen Juckreiz. Könnte ein Zusammenhang zu Corona bestehen?

Coronavirus in München - Oberarzt klärt auf: „Kann ich im Zug auf die Toilette gehen?“

Dr. Spinner: Wenn bei Ihnen nicht die klassischen Corona-Symptome Fieber, Husten und Atemprobleme aufgetreten sind, haben Sie keinen Grund zur Sorge.

Wolfgang F. aus München: Ich möchte mit der Bahn nach Mainz fahren. Kann ich im Zug auf die Toilette gehen?

Dr. Spinner: Ganz wichtig ist es, sich im öffentlichen Raum immer wieder die Hände zu waschen. Das höchste Risiko besteht aber durch Tröpfcheninfektion im Kontakt mit anderen. Sie sollten sich zweimal fragen, ob die Reise notwendig ist. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, Reisen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Zusammengefasst von Oliver Menner und Bernd Kreuels

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Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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