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Florian Schönhofer ist ein Mann klarer Worte, der München schätzt, nur die Auswüchse der Wiesn nicht.

Interview mit Florian Schönhofer

Barbetreiber mit unschöner Erfahrung in Münchner Szene-Viertel: „Dort hatte ich den Ärger meines Lebens“

Florian Schönhofer betreibt das Café Kosmos und ist Mit-Initiator des Münchner Nachtbeauftragten. Wie er die Entwicklung der Landeshauptstadt beurteilt, erzählt er im Interview mit „Neu in München“.

  • Florian Schönhofer (45) betreibt das Café Kosmos.
  • In Interview verrät er, was er über die Entwicklung Münchens denkt.
  • Außerdem erzählt er was hinter dem „Trachtenverbot“ steckt.

München - Der Café-Betreiber Florian Schönhofer äußerst sich im Interview mit „Neu in München“ 2020 unter anderem zum Münchner Bahnhofsviertel, der ehemaligen Disco-Szene der Landeshauptstadt und zu Musiklegende Freddie Mercury.

München: Der Betreiber des Café Kosmos entkräftet Münchens Vorurteile 

Neu in München: Florian, wer im Ausland unterwegs ist, bekommt Aussagen zu hören wie „Du kommst aus München – eine Wahnsinnsstadt“. Wie beurteilen das die Münchner?

Florian Schönhofer: Na ja, als Bewohner sieht man die eigene Stadt immer anders. München und Bayern werden oft gleichgesetzt. Das stimmt überhaupt nicht. München ist total urban. Leider erkennen viele nicht, was wir alles geleistet haben. Es ärgert mich, wenn München auf den FC Bayern und BMW reduziert wird. Es kommt auf die Zwischentöne an. Das Urbane, das wir im nördlichen und südlichen Hauptbahnhofviertel haben, diese Seiten kennen viele Leute gar nicht. Nicht nur dort, in ganz München, funktioniert der Multi-Kulti-Anteil besser als irgendwo anders auf der Welt. München ist die absolute Integrationsmaschine – meiner Meinung nach mehr noch als Berlin.

Hängt das auch mit Münchens Geschichte zusammen?

Florian Schönhofer: Klar, historisch sowieso! Das fängt mit Werner Heisenberg und Albert Einstein an. Die Leute würden mit den Ohren schlackern, wenn sie wüssten, was wissenschaftlich oder kulturell hier alles passiert ist. In den 70er Jahren gab es noch 300 Tonstudios – von Tina Turner bis Freddy Mercury gaben sich die Superstars die Klinke in die Hand. München war auch die Disco-Stadt. Wir waren alles andere als Laptop und Lederhose.

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Florian Schönhofer über das Bahnhofsviertel: „Da musst du schauen, dass die Haustür abgeschlossen ist“

Wo lebt Florian Schönhofer in München?

Florian Schönhofer: Aus Familiengründen bin ich in die Borstei in München-Moosach gezogen. Ich habe 15 Jahre am Hauptbahnhof mit direktem Blick auf die Gleise gelebt. Die Ruhe ist in Moosach eine andere. In der Borstei, die 1920 geplant wurde, lebt es sich supergut. Der Begründer Bernhard Borst hat mit seinem Siedlungskonzept 100 Jahre in die Zukunft geschaut. Die Straßen stammen aus den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Es gibt dort einen Rosengarten, einen Garten der Ruhe. Von der Apotheke über den Metzger bis zum Kramerladen oder Schuster – alles ist vorhanden. Der Kindergarten ist im Haus. Die Mischung dort ist perfekt, das ist vorbildhaft. Die Kinder kann man auf die Straße oder im Winter alleine zum Rodeln lassen.

Am Hauptbahnhof geht das nicht?

Florian Schönhofer: Natürlich nicht, am Hauptbahnhof musst Du schauen, dass die Haustür abgeschlossen ist. Das ist nicht schlimm. In einer Millionenstadt wird es immer Menschen geben, die über die Stränge schlagen. So etwas konzentriert sich eben zum Beispiel im Bereich des Bahnhofs. Die Menschen, die aus Deggendorf kommen, können zuhause nicht über die Stränge schlagen. In der Großstadt geht das! Das macht für mich so auch Sinn. Auch Menschen am Rande der Gesellschaft benötigen Platz.

Der Begriff „Corona“ wird seit mehreren Wochen mit einer tödlichen Lungenkrankheit assoziiert - für die gleichnamige Biermarke gewiss kein Imagegewinn. Münchner Getränkehändler berichten.

Der 45-Jährige erklärt, warum sein Café zur Wiesnzeit „Sperrgebiet“ ist

Magst Du keine Tracht? Zur Wiesnzeit ist das Café Kosmos ja „trachtenfrei“.

Florian Schönhofer: (Lacht) Darauf werde ich gerne reduziert! Ich bin kein engstirniger Klamottenfetischist. Ich habe nichts gegen Tracht. Jeder soll anziehen, was er will. Als Betreiber eines Lokals verkaufen wir natürlich auch Alkohol. Aber es geht darum, dass es gesittet zugeht. Bei der Wiesn ist das aber nicht mehr der Fall. Ich bin dafür, absolut Grenzen zu setzen. Ich finde die soziale Kontrolle in der Gastronomie sehr gut. Wir wollen hier keinen, der über die Stränge schlägt. Als Frau oder Diverser kann man bei uns rein, ohne belästigt zu werden.

In welchen Bereichen muss die Stadt gegensteuern?

Florian Schönhofer: München ist in den vergangenen Jahren absurd gewachsen. Dadurch ist einiges schiefgegangen. Die städtische Verwaltung muss wieder mehr Einfluss auf ihre Stadt gewinnen. Das beginnt dabei, dass es eben nicht nur um Geld und Wachstum geht. Eine Auswirkung ist die Nachverdichtung. Viele sind für Wachstum, aber nicht vor der Haustür. Das Glockenbachviertel ist ein Beispiel dafür. Dort hat es die Stadt einfach laufen lassen. Man braucht sich nicht wundern, wenn sich Leute mit unlauteren Mitteln über das Allgemeininteresse hinwegsetzen. Die Gastronomen werden dort geknebelt. Man sollte sich erinnern: Freddie Mercury ist nackt auf einem Pferd durch die Müllerstraße zum Schumanns geritten. Heute besteht die Gefahr, dass die Liberalität Münchens verloren geht.

Die Isar hat viele Freunde - und wird dadurch massiv belastet. Die „Neu in München“-Redaktion verrät, wie die nachhaltige Nutzung des Flusses gelingt.

Florian Schönhofer: „Die Stadt ist ein Lebensraum für alle und den gilt es zu erhalten!“

Was können die Münchner machen – welchen Einfluss hat jeder Einzelne?

Florian Schönhofer: Jeder kann sich dafür einsetzen. Man muss ja nicht einen Laden aufmachen. Wichtig sind Freiräume und nicht immer höhere Preise. Viele wissen das gar nicht: Die Clubszene war in München absolut fortschrittlich. München war die erste Stadt mit einer Afterhour. Heute ist das weltweit in allen Großstädten normal. München hat nun endlich einen Nachtbeauftragten. Ich habe den Bürgermeister genervt mit allen meinen Briefen. Auslöser war meine Erfahrung mit einem Laden im Glockenbachviertel. Dort hatte ich den Ärger meines Lebens. Ich habe lediglich Veranstaltungen zur Netzpolitik gemacht – von Themen wie KI (Künstliche Intelligenz, Anm. der Red.) bis Bitcoin. Das war Erwachsenenbildung auf hohem Niveau. Jedoch wurde mir dort unterstellt, Disco zu machen – das ging sogar bis zum Gericht. In einer anderen Stadt wie Augsburg hätte ich wahrscheinlich einen Orden bekommen.

Zum Schluss: Dein Appell an die Stadtoberen?

Florian Schönhofer: München muss sich unbedingt das Integrative bewahren! München muss auf seine Liberalität schauen und nicht so aufs Geld. Es darf nicht darum gehen, dass die Reichen immer reicher werden. Die Stadt ist ein Lebensraum für alle und den gilt es zu erhalten!

Das Interview führte Bodo-Klaus Eidmann. 

Die Landesmetropole gilt als teuerste Stadt in Deutschland. “Neu in München“ 2020 stellt Aktivitäten vor, die nichts kosten.

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