Boote kentern reihenweise

Lebensgefährliche Gaudi auf der Isar: Wasserwacht verzweifelt an Schlauchbooten - „Kaum eine Chance ...“

  • vonKathrin Braun
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Die Münchner Wasserwacht war wegen in Havarie geratener Schlauchboot-Fahrer im Großeinsatz - das Risiko auf der Isar wird notorisch unterschätzt.

  • Die Stadt München* verbietet Schlauchbootfahren auf der Isar.
  • Allein an einem Tag verloren 32 Menschen die Kontrolle über ihr Boot.
  • Die Wasserwacht München erklärt, was es mit den lebensgefährlich Wasserwalzen auf sich hat.

Update vom 20. Juli: Ehrenamtliche Retter mussten sich in München schon wieder in Lebensgefahr begeben. Am Wochenende waren erneut „unverbesserliche Hobbykapitäne“ auf der Isar unterwegs.

München/Isar: Wasserwacht wegen Schlauchboot-Fahrten im Dauereinsatz

München - Als Elisabeth Müller (53) die Sirenen hört, radelt sie gleich zur Wasserwacht an der Marienklause. Eigentlich ist die Wasserretterin gar nicht im Dienst. Aber sie weiß: Wenn der Isarpegel steigt wie in diesen Tagen, dann entstehen lebensgefährliche Walzen. Wie an diesem Samstagnachmittag. Das erste Schlauchboot war bereits gekentert, als Müller am Fluss ankam. Sie und andere Ehrenamtliche haben allein an diesem Tag 32 Menschen gerettet, die durch die reißende Isar gepaddelt waren und dabei die Kontrolle über ihre Boote verloren hatten. Was als Gaudi begann, wurde lebensgefährlich. Die Stadt schiebt jetzt einen Riegel vor: Sie hat Isar-Bootsfahrten bis auf Weiteres untersagt – vom Großhesseloher Wehr bis zum Flaucher.

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Trotz ausgesprochenem Fahrverbot auf der Isar, waren immer noch einige leichtsinnige Schlauchbootfahrer auf der Isar in München unterwegs. Die Wasserwacht München-Mitte postierte einige Wasserretter oberhalb des Großhesseloher Wehres, um die Hobbykapitäne vom Befahren der Münchner Isar abzuhalten. Leider gab es einige Schlauchbootfahrer, die die Rufe des Wasserwacht Trupps ignorierten und trotz Fahrverbot fröhlich weiter schipperten. Für zwei dieser Schlauchbootfahrer endete die Fahrt trotz allem am Wehr der Großhesseloher Brücke. Ihr Boot kenterte in der Strömung und sie konnten sich nur auf einen Abweiser im Wehr retten. Ohne Hilfe wäre hier kein Weiterkommen und die Wasserwachtler setzten sofort einen Notruf ab. Der angeforderte Hubschrauber konnte mit der Seilwinde die Personen nicht erreichen Deswegen setzte die Feuerwehr ihre Leitern ein, um an die verunfallten zu kommen. Die Wasserwacht sicherte die Aktion wasserseitig ab und so konnten die beiden schlussendlich gerettet werden. Wir warnen weiterhin ausdrücklich davor, in der Isar schwimmen zu gehen oder Schlauchboot zu fahren. Derzeit ist die Strömungsgeschwindigkeit immer noch erheblich erhöht und es befindet sich sehr viel Treibgut im Wasser. #isar #schlauchboot #gefahr #brk #rettungsschwimmer #wirsuchendich #machmit #wasserwacht @freiwillige_feuerwehr_munchen

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Für die Retter bedeutet das eine Verschnaufpause – sie waren am Wochenende im Dauereinsatz. Elisabeth Müller berichtet: „Wir haben gerade Menschen aus zwei Booten mit Wurfsäcken an Land gezogen, da kamen schon zwei weitere Schlauchboote. Sie gehörten zu einer Gruppe.“ Die insgesamt vier Personen wurden von der Walze, die sich an der Stufe nach der Marienklausebrücke gebildet hat, unter Wasser gezogen. Müller: „Drei von ihnen konnten wir aus der Isar ziehen, aber einer ist immer wieder abgetaucht.“

Die Strömung sei so stark gewesen, dass selbst die Rettungskräfte nicht in die Fluten steigen konnten. „Ich war geschockt, wie schnell alles ging“, erinnert sich Müller. Ein Hubschrauber musste den Ertrinkenden mit einem Retter am Seil aus dem Wasser holen. „Wir waren sehr angespannt, hatten Angst. Ich habe einfach nur gehofft: Bitte schaff es!“ Der Gerettete wurde mit Verdacht auf Wasser in der Lunge in ein Krankenhaus gebracht – er hat überlebt. Elisabeth Müller ist seit elf Jahren Retterin bei der Wasserwacht, „aber so einen Einsatz habe ich noch nie erlebt.“

Eine Wasserwalze auf der Isar in München

Isar-Einsätze in München: „Man wird wie in einer Waschmaschine unter Wasser gedrückt“

Insgesamt sind am Samstag elf Schlauchboote an der Marienklausen- und Thalkirchner Brücke gekentert. Die meisten Passagiere blieben zwar unverletzt, waren aber in großer Gefahr. Daniela Haupt, Sprecherin der Wasserwacht: „Die Menschen unterschätzen den hohen Wasserstand der Isar. Dabei sollte klar sein: Wenn das Wasser braun und trüb ist, sollte man auf keinen Fall rein!“

Hobbykapitäne könnten sich am Treibgut verletzen. Haupt: „Besonders gefährlich ist aber die Wasserwalze. Man wird wie in einer Waschmaschine unter Wasser gedrückt und geschleudert. Und man hat kaum eine Chance, zu entkommen.“ An der Marienklause ertrank vor drei Jahren ein Student, als er sich im Wasser treiben ließ. Mehrere Schilder warnen hier vor der tödlichen Walze. Bisher konnte man die Stelle über eine Floßrutsche umfahren. Weil die aber derzeit beschädigt ist, hat die Stadt sie gesperrt. „Wir haben ja gehofft, dass die Leute einfach aus dem Wasser steigen“, sagt Haupt. Stattdessen hätten aber viele den Weg über die Walze gewählt…

An der Thalkirchner Brücke verfing sich ein Schlauchboot und kenterte.

Es ist nicht die einzige Gefahrenstelle. Die meisten Boote havarierten zwar an der Marienklause, einige wurden aber auch gegen Baumstämme an der Thalkirchner Brücke getrieben. Wasserretter Roland Kaess (41) hat dort allein am Samstag drei Schlauchboot-Crews ans Ufer geholt. „Ein paar Menschen konnten sich hinter Brückenpfeilern in Sicherheit bringen“, sagt er. Andere mussten die Retter aus dem Wasser ziehen.

Schlauchboot-Fahren auf der Isar: Die Retter sind nur am Wochenende und feiertags vor Ort

Dass Menschen so häufig in der Isar in Lebensgefahr geraten, ist für Kaess unverständlich. „Vor allem, weil es abzusehen ist: Bei schönem Wetter und erhöhtem Wasserstand passiert das immer wieder.“ Eigentlich herrsche an Wehren generell Badeverbot. Kaess: „Das wird aber seit Generationen ignoriert. An manchen Tagen treibt hier eine einzige Perlenkette aus Schlauchbooten durch. Das ist auch in Ordnung – aber ab einem gewissen Wasserpegel wird es kritisch.“ Schon gestern Nachmittag gab’s weitere Einsätze: ein gekentertes Boot am Großhesseloher Wehr und einen Schwimmer in Not an der Corneliusbrücke.

Kaess wünscht sich, dass mehr Menschen über die Folgen nachdenken würden. Auch Elisabeth Müller kann nicht nachvollziehen, warum sich so viele Menschen in Gefahr bringen. „Vielleicht sehen die Leute einfach viele Schlauchboote im Wasser und denken sich: Das wird schon nicht gefährlich sein.“

Ausflug auf der Isar: Auch für Schlauchboote gelten Vorschriften

Die Retter leisten viel, um Tragödien zu verhindern. Aber: Sie sind nur am Wochenende und feiertags da. Wenn zu einer anderen Zeit etwas passiert, können die in Not Geratenen nur darauf hoffen, dass jemand möglichst schnell die Feuerwehr ruft. Daniela Haupt weist darauf hin: „Auf der Webseite der Wasserwacht wird regelmäßig angezeigt, ob der Isarpegel zu gefährlich für eine Bootsfahrt ist.“ Aber die sind fürs Erste ohnehin gestrichen. 

Schlauchboote auf der Isar/München: Was ist alles erlaubt?

Einfach einsteigen – und los geht die Schlauchbootfahrt von Süden nach Norden auf der Isar? Nein, so einfach ist (und war) es nicht: Neben baulichen Hindernissen (Wehre und Schleusen) schränken auch Vorschriften den Spaß ein. Das sollten Bootler für die einzelnen Isar-Abschnitte wissen:

Bad Tölz bis Icking: Befahrbar. Aber: Hier gilt seit 2019 eine 0,5-Promille-Grenze.

Schäftlarn bis Pullach: Befahrbar. Hier müssen Schlauchboote seit diesem Jahr eine DIN-Norm erfüllen. Wassertiere wie Gummi-Einhörner und Beiboote (Bild) sind tabu. Maximal 0,5 Promille!

Stadtgebiet München: Hier darf die Isar (außerhalb des aktuell verhängten Verbotes) von Süden aus nach München kommend ab dem Großhesseloher Wehr bis unterhalb der Thalkirchner Brücke und im Norden von der Max-Joseph-Brücke bis knapp oberhalb des Oberföhringer Wehrs genutzt werden. Laut Bade- und Bootsverordnung ist das Bootfahren oberhalb des Oberföhringer Wehrs bis zur nördlichen Stadtgrenze an der Leinthaler Brücke verboten. Nördlich davon gibt es grünes Licht für „kleine Fahrzeuge“.

Freising bis Moosburg: Grundsätzlich befahrbar.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa / Tobias Hase

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