+
Laut Sozialreferat übernachteten unter beiden Brücken „zeitweilig über 30 Personen“.

Drei Brände in einer Woche

Wie die Räumung der Münchner Obdachlosenlager lief - Und was die Beteiligten sagen

  • schließen
  • Christian Masengarb
    Christian Masengarb
    schließen

Keine Gnade für Münchens Obdachlose: Die Stadt ließ die Lager unter Reichenbachbrücke und Wittelsbacherbrücke räumen. Die Bewohner protestierten, eine Initiative konnte das Schicksal nicht abwenden.

Update vom 29. November, 20.21 Uhr: Sterio Iliev (60) verfolgt mit starrem Blick, wie die Männer in orangen Westen das Zuhause seiner Nachbarn unter der Wittelsbacherbrücke auseinandernehmen. Matratzen, Sofas, Schränke, Kochgeschirr – alles muss weg! Ilievs Bleibe an der Reichenbachbrücke war da schon futsch. Drei Stunden nach Beginn der Räumung um 7.15 Uhr war der gesamte Hausstand der Obdachlosen in acht großen Containern bereit zum Abtransport. „Die haben alles mitgenommen“, sagt Iliev. Vier Jahre lang wohnte der Bulgare zusammen mit anderen Osteuropäern unter der Reichenbachbrücke. Bis Donnerstag. Grundsätzlich werde „wildes Campen“ in München nicht geduldet, teilt die Stadt mit. Denn die ungesicherten Behausungen würden Gefahren bergen – Überfälle, Kälte, unabsichtlich angefachte Brände. 

Räumung: „Niemand muss in München auf der Straße schlafen.“

Laut Sozialreferat übernachteten unter beiden Brücken „zeitweilig über 30 Personen“. Die meisten unfreiwillig, weil sie auf dem Münchner Wohnungsmarkt keine Chance haben. „Die Menschen, die bereits obdachlos sind, sind am stärksten betroffen von der steigenden Konkurrenz um Mietwohnungen und um Plätze im Wohnungslosenhilfesystem“, kritisieren die Obdachlosen in der Initiative Wir wollen wohnen. Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, hatte die Initiative auf Facebook zu einer Kundgebung aufgerufen. Rund 20 Betroffene waren gekommen. So auch Angel Danajanov. „Wenn man keine Arbeit hat, landet man zwangsläufig auf der Straße“, sagt der Bulgare, der sich jeden Morgen mit anderen Osteuropäern auf dem Arbeiterstrich am Hauptbahnhof trifft und Tagesjobs sucht, meist auf dem Bau. „Wir wollen legal arbeiten“, betont er. In die Kälteschutzeinrichtung in der Bayernkaserne will er nicht – wie viele hier. „Man hat keine Privatsphäre und muss Polizeikontrollen fürchten“, sagen zwei andere Männer.

Im Morgengrauen rückten am Donnerstagfrüh die Polizeibeamten an.

Man lasse die Leute „nicht im Regen stehen“, betonte eine Sprecherin des Sozialreferats. „Die Obdachlosen werden regelmäßig von den Streetworkern aufgesucht und beraten.“ Es gebe zahlreiche Anlauf- und Beratungsstellen. „Niemand muss in München auf der Straße schlafen.“ Generell versuche das Sozialreferat, Obdachlose dabei zu unterstützen, eine dauerhafte Unterbringung zu realisieren, wenn ein Anspruch besteht. Doch die Situation habe sich angesichts der Wohnungsnot in der Stadt „massiv“ verschärft. Ihre Forderungen haben die Obdachlosen gestern dem Leiter des Wohungsamtes übergeben. „Es gab erste Gespräche“, sagt die Soziologin Saskia Gränitz, Unterstützerin der Initiative Wir wollen wohnen. Einen Start, der für viele Betroffene möglich sein soll, fordert sie. „Wir müssen jetzt dranbleiben!“

Sozialreferat erklärt Brückenräumung: „Massive Gefahr“ für Obdachlose

Update vom 29. November, 13.05 Uhr: Die Stadt München hat anlässlich der Räumung der Obdachlosenlager unter der Reichenbachbrücke und der Wittelsbacherbrücke in München und dem angekündigten Protest an die Obdachlosen sowie ihre Unterstützer appeliert. In einer am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung schreibt das Sozialreferat: „Die mittlerweile drei Brände unter den Brücken haben gezeigt, dass für Menschen, die dort nächtigen, eine massive Gefahr besteht, zu Schaden kommen.“ Die Verwaltung bitte Sie daher, sich dem Einsatz nicht zu widersetzen.

Gibt es nicht mehr: Die Obdachlosenlager unter Reichenbachbrücke und Wittelsbacherbrücke wurden geräumt. 

Die Behörde gab an, in den letzten Tagen der Initiative „Wir wollen wohnen“ bereits mehrfach Gesprächsangebote unterbreitet zu haben. Der Amtsleiter des Amtes für Wohnen und Migration habe einem Vertreter der Initiative vorgeschlagen, dass Betroffene, die derzeit unter den Brücken leben, mit ins Amt kommen, um sich individuell beraten zu lassen. Dieses Angebot wurde von Seiten der Initiative bisher abgelehnt. Auch die Einladung zum Gespräch hätten die Vertreter bisher nicht angenommen. Das Amt für Wohnen und Migration hat deshalb heute nochmals ein Gespräch angeboten.

Obdachlosenlager unter Reichenbachbrücke und Wittelsbacherbrücke geräumt

Update vom 29. November, 9.45 Uhr: Angestellte des Sozialreferats haben am Donnerstagmorgen die Obdachlosenlager unter der Reichenbachbrücke und der Wittelsbacherbrücke in München geräumt. Wie der BR berichtet, wurde zuerst das Obdachlosenlager unter der Reichenbachbrücke, dann das Lager unter der Wittelsbacherbrücke aufgelöst. Die Räumung war etwa einen Monat vorher angekündigt worden. Die Obdachlosen hatten für ihr Verbleiben gekämpft. In der letzten Woche waren die Behausungen auch durch zwei Feuer in die Schlagzeilen geraten, die in dem Lager unter der Reichenbachbrücke ausgebrochen waren. Die Landeshauptstadt will die wohnungsähnlichen Lager nicht länger dulden.

Feuer unter der Reichenbachbrücke: Obdachlosenunterkunft in Flammen

Münchner Obdachlose unter Reichenbachbrücke flehen: „Wir wollen bleiben“

Artikel vom 27. November: München - Es ist bitterkalt in München, doch unter der Reichenbach- oder Wittelsbacherbrücke finden viele Obdachlose zumindest einen trockenen Platz zum Schlafen. Vielleicht nicht mehr lange... Vergangene Woche hatte die Stadt angekündigt, die Lager an diesem Donnerstag räumen zu lassen. Am Montagabend gingen deshalb die Obdachlosen selbst mit einer Pressekonferenz der Kampagne „Wir wollen wohnen“ an die Öffentlichkeit – mit einem klaren Appell: „Wir fordern die Landeshauptstadt auf, die Wohnstätten von obdachlosen Menschen in München nicht zu räumen!“ Einer von ihnen, Herkules Asenov (54) sagt: „Ich will hier nicht weg. Mein Herz hängt an diesem Platz.“

Bereits im April 2018 hatte es unter der Reichenbachbrücke ein Feuer gegeben.

Sozialreferentin Dorothee Schiwy hatte die Gründe für die beabsichtigte Räumung erläutert: Die Stadt habe die Sorge, dass die Menschen dort im Winter erfrieren, sich versehentlich selbst verbrennen oder bei Hochwasser ertrinken könnten. Kein Argument für die Obdachlosen: „Wir wohnen derzeit lieber unter der Reichenbachbrücke, als dass wir in der Kälteschutzeinrichtung in der Bayernkaserne übernachten“, erklärten sie. Die Gründe: Die Bayernkaserne müssten sie jeden Morgen verlassen und dürften sich tagsüber dort nicht aufhalten. Vasil Damianov (25): „Dort können wir auch unsere Sachen nicht aufbewahren, weil es keine Schließfächer gibt. Wir haben keine Kochmöglichkeiten. Wir können uns nicht aussuchen, mit wem wir in einem Zimmer schlafen. Oft schlafen mehrere Personen in einem Raum. Es gibt keinerlei Privatsphäre.“

Obdachlosen-Lager sorgten in der vergangenen Zeit immer wieder für Schlagzeilen

Regelmäßig fänden in der Früh am Ausgang des Kälteschutzes zudem Polizeikontrollen statt, denen die Obdachlosen nicht ausweichen könnten. Immer wieder würden dabei auch Personen verhaftet, sodass manche den Kälteschutz nicht in Anspruch nehmen, weil sie einfach Angst haben, verhaftet zu werden. Meist sei Schwarzfahren dabei der Grund. Alles Gründe, weshalb die Obdachlosen einen „Stopp der Räumungsvorbereitungen“ fordern.

Die Lager hatten in der vergangenen Zeit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Erst in der Nacht auf vergangenen Donnerstag war wie berichtet das Lager unter der Reichenbachbrücke abgebrannt, in dem etwa 14 Menschen regelmäßig schlafen – verletzt wurde zum Glück niemand. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei war das Feuer an der Kochstelle ausgebrochen. Bereits im April hatten die Schlafplätze unter der Reichenbachbrücke gebrannt, auch damals verloren die Menschen ihr einziges, geringes Hab und Gut. Zunächst war die Polizei sogar von Brandstiftung ausgegangen. Später hatte sich herausgestellt, dass wohl Zigarettenkippen das Feuer ausgelöst hatten. 

Auch lesenswert: Im Winter ist die Teestube „komm“ in der Zenettistraße ein wichtiger Anlaufpunkt für obdachlose Menschen. Doch völlig überlaufen. Eine zweite Einrichtung sollte im Herbst öffnen, doch das klappt nicht.

Andrea Stinglwagner/Achim Schmidt

Lesen Sie auch:

Ehefrau findet Mann leblos im Schlafzimmer: Notarzt versucht ihn zu reanimieren - vergeblich

Tragischer Drogentod in München: Am Mittwochabend fand eine Frau ihren Ehemann leblos im Schlafzimmer. Unter laufender Reanimation kam er in eine Klinik - und starb.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Polizeieinsatz am Flughafen beendet: S1 und S8 fahren wieder bis zum Airport
Pendler sind in München auf die S-Bahn angewiesen. Doch immer wieder gibt es Störungen, Sperrungen und Ausfälle. Wir informieren Sie in unserem News-Ticker.
Polizeieinsatz am Flughafen beendet: S1 und S8 fahren wieder bis zum Airport
Ist das Münchens schlechteste Post-Filiale? Schonungslose Abrechnung im Netz
Klagen über die Post haben zur Weihnachtszeit Hochkonjunktur. In einer Münchner Filiale scheint die Lage allerdings das ganze Jahr über fatal zu sein.
Ist das Münchens schlechteste Post-Filiale? Schonungslose Abrechnung im Netz
Vermeintliche Vergewaltigung von 15-Jähriger in München: Spektakuläre Wende
Ein Mädchen (15) soll von mehreren Männern in zwei Wohnungen in München vergewaltigt worden sein. Nun wurden fünf Tatverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen.
Vermeintliche Vergewaltigung von 15-Jähriger in München: Spektakuläre Wende
Stromausfall in München: U-Bahn-Stationen, Radio, 1860 und Tierpark betroffen - Probleme auch im Südbad
Stromausfall in München: Am Freitagnachmittag gab es nicht nur bei der U-Bahn Probleme. Auch 1860 und der Tierpark waren betroffen.
Stromausfall in München: U-Bahn-Stationen, Radio, 1860 und Tierpark betroffen - Probleme auch im Südbad

Kommentare