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Lebt heute freier als vor der Amputation: Sportler Maximilian Schwarzhuber.

Sportler Maximilian berichtet von seiner Amputation 

Mit voller Kraft in ein neues Leben: Sechs Menschen berichten von ihren Schicksalsschlägen

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Bei ihnen allen schlug das Schicksal zu, sie alle kämpften sich zurück ins Leben. Nun berichten sechs Menschen über ihre ganz persönliche Lebensgeschichte. 

Krisen gehören zum Leben. Doch was, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Wenn das Schicksal mit voller Wucht zuschlägt und das Leben plötzlich sinnlos scheint? Die Menschen, die wir Ihnen auf dieser Seite vorstellen, haben schlimme Schicksalsschläge verkraften müssen. Sie haben ihr altes Leben unwiederbringlich verloren. Wie geht es ihnen jetzt? Woher nehmen sie die Kraft zum Weitermachen? Zum Fest der Auferstehung erzählen wir hier ihre Geschichten. Geschichten von außergewöhnlichen Menschen - und ihrem Weg zurück ins Leben. 

Der harte Kampf von Stadtrat Mittermaier

Ingo Mittermaier lebt heute vermutlich nur deshalb, weil er seiner Frau versprochen hat, gleich zum Essen zu kommen. „Hätten wir das nicht ausgemacht, hätte man mich möglicherweise vier oder fünf Stunden später gefunden. Ich weiß nicht, was dann passiert wäre.“ Nach dem Abend des 28. Oktober 2017 ist nichts mehr normal. Der SPD-Stadtrat erleidet einen Schlaganfall im Hobbykeller seines Hauses in Trudering. Die rechte Körperhälfte wird taub, Mittermaier bricht zusammen. „Ich konnte niemandem mehr Bescheid geben. Dann habe ich das Bewusstsein verloren.“ Seine Frau findet ihn. 

Erinnerungen an die Momente nach dem Schlaganfall, an die nächsten Tage, sogar Wochen hat er nicht. Der gebürtige Passauer wird ins Klinikum rechts der Isar gebracht. „Es hat drei Wochen gedauert, bis ich wieder ansprechbar war. Meine Frau sagt, dass ich ab und zu wach war.“ Erst nach diesen drei Wochen ist er wieder bei Bewusstsein. Die rechte Körperhälfte ist gelähmt, das Sprachvermögen verschwunden. Der 51-Jährige fasst aber da bereits den Entschluss, sich zurück ins Leben zu kämpfen, zurück in die Normalität. Die beiden kleinen Kinder, seine Frau, sie geben ihm Kraft für seinen Kampf. Der beginnt jeden Morgen um 9 Uhr, endet um 17 Uhr. Therapie, wieder lernen, wie man spricht, wie man den Arm bewegt, wie man geht. Quälend lange Stunden. 

„Man sitzt ja nicht locker irgendwo.“ Doch am Abend macht er weiter. Übungen für den Arm oder den Fuß. „Das habe ich ein Jahr durchgezogen. Man will es einfach, und wenn man es will, dann geht das auch.“ Ihm ist bewusst, dass er Glück hatte, wieder sprechen zu können. „Reden war am Anfang nicht möglich.“ Zeitsprung: 28. Februar 2019, Umweltausschuss. Mittermaier steht auf und geht zum Rednerpult. Er sagt, er freue sich, wieder da zu sein. Es gibt Applaus der Kollegen. Ingo Mittermaier hat sich zurückgekämpft. In die Normalität.

Lebt heute freier als vor der Amputation: Sportler Maximilian Schwarzhuber

Maximilian Schwarzhuber (26) wird sich immer an den Tag seiner Wiederauferstehung erinnern: der 14. Oktober 2017. An diesem Tag blickte er nach einer Operation im Aufwachraum auf sich herab - und hatte keine Beine mehr. „Ich habe mich unfassbar befreit gefühlt,“ erinnert er sich. „Obwohl ich nicht wusste, wie es ab jetzt weitergeht.“ Denn bis zu diesem Moment hat er täglich gelitten. Seit er zwei Jahre alt war. Als er damals von seinem Mittagsschlaf aufwachte, war er querschnittsgelähmt. Ganz plötzlich. Bis zur Brust. „Die Lähmung ging wieder zurück - aber von den Knien abwärts habe ich nie wieder etwas gespürt.“ Ein Leben ohne Rollstuhl und Krücken war ab diesem Zeitpunkt undenkbar. 

Lebt heute freier als vor der Amputation: Sportler Maximilian Schwarzhuber.

Mit neun riss er sich mit einem Nagel seine Ferse auf - ohne es zu merken. Ständig litt er unter Knochenbrüchen und Entzündungen. Irgendwann rebellierte sein Körper - und empfand doch Schmerzen, zwischen Knie und Leiste. Und als er eines Tages, mit 22 Jahren, mit einer schweren Entzündung ins Krankenhaus kam, sagte der Arzt zu ihm, dass sie ihm das Bein hätten amputieren müssen - hätte er länger gewartet. Mit 24 hat er eine Entscheidung getroffen: die Amputation seiner Unterschenkel. Schon vier Tage nach seiner OP beginnt er mit dem Training - auf Prothesen. Nach 136 Tagen läuft er einen Zehn-Kilometer-Lauf.

 „Es war Wahnsinn, als ich durchs Ziel gelaufen bin.“ Früher hat die Krankheit sein Leben bestimmt. „Heute liegt mein Fokus beim Sport - und wie ich immer wieder an meine Grenzen gehen kann.“ Seine Entscheidung hat er nie bereut. „Vielleicht gibt es ja in den nächsten Jahren ein Medikament, das mich geheilt hätte. Aber es geht nicht darum, die richtige Entscheidung zu treffen. Sondern darum, die getroffene Entscheidung zur richtigen zu machen.“

Freya von Stülpnagel begleitet andere in der schwersten Zeit ihres Lebens

Von einer Fensterbank im Wohnzimmer lächeln einem traurige Schicksale zu: Louisa, mit sieben Jahren überfahren. Stefanie, 23, plötzlicher Herztod. Daniel starb mit drei Jahren an Leukämie. Trauer ist zu einem Teil des Lebens von Freya von Stülpnagel (69) geworden - nicht nur, weil die Juristin andere unterstützt, mit dem Verlust eines Kindes oder des Partners umzugehen, sondern auch, weil sie selbst eine solche Tragödie erlebt hat. Montag nach Palmsonntag 1998. Das Telefon klingelt. Die Nachricht bricht über von Stülpnagel herein wie ein Tsunami: Ihr zweitjüngster Sohn Benni ist tot. Suizid. 

„Am Anfang fühlte es sich so an, als stürzte man in einen tiefen Abgrund“, beschreibt die Mutter vierer Söhne ihren Verlust. Die erste Trauer sei ähnlich wie eine Panik-Attacke: Sie überfällt einen und lässt einen nicht mehr los: viele Tränen, noch mehr Weinen und Klagen - Freude scheint Teil eines anderen, vergangenen Lebens. Dann folgt das erste Schlüsselerlebnis: Von Stülpnagel besucht einige Monate nach dem Todesfall eine Selbsthilfegruppe des Vereins Verwaiste Eltern München. „Da saßen ganz normale Menschen auf den Stühlen. Davor dachte ich, wem so etwas widerfährt, der muss ein Monster sein“, sagt die Mutter. 

Sie merkt, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist und entdeckt eine neue Seite an sich, die sie stärkt. Sie kann sich gut in Menschen einfühlen, hat Worte für das, was für viele nicht zu beschreiben ist. Sie macht eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Drei Jahre nach Bennis Tod entscheidet sie: Sie hängt die Juristerei an den Nagel, mittlerweile betreut und begleitet sie über 50 Trauernde im Jahr. Über ihre eigene Trauer hat die 69-Jährige eine Trilogie geschrieben. Den Tod eines Sohnes verarbeiten: Das könne man nicht. „Man kann nur lernen, mit dem Schmerz zu leben.“ Unbeschwert, sagt sie, sei ihr Leben seit Bennis Tod nicht mehr, „aber es ist wieder lebenswert“.

Bernhard Gaßner saß im ersten Wagen eines der Züge - Er lebt heute bewusster 

Den 9. Februar 2016 wird Bernhard Gaßner nie vergessen.

Den 9. Februar 2016 wird Bernhard Gaßner (43) nie vergessen. Es war der Tag, an dem er fast sein Leben verloren hätte. Der Familienvater saß in einem der Züge, die um 6.48 Uhr am Stadtrand von Bad Aibling auf eingleisiger Strecke ineinandergerast waren. Zwölf Menschen starben bei der Katastrophe, fast 90 wurden teils lebensgefährlich verletzt. An den Morgen des Unglückstags kann sich Bernhard nur schemenhaft erinnern. „Vom Crash selbst weiß ich nichts“, sagt der Lagerist, der damals auf dem Weg zu seiner Arbeit in Heufeld war. Als die zwei Züge ineinanderkrachten, saß er im ersten Waggon des Rosenheimer Zugs.

Er wurde durch den Meridian geschleudert. Die Kopfverletzung, die er dabei erlitt, war so schwer, dass er das Bewusstsein verlor. „Erst zehn Stunden später bin ich im Krankenhaus aufgewacht.“ Mit einem aufgeschlitzten Kopf, einem zertrümmerten Bein und einem Körper voller Schnittwunden und Prellungen. Sechs Wochen konnte er das Krankenhaus nicht verlassen. Es folgte eine monatelange Reha. Kraft in dieser schweren Zeit gaben ihm seine Frau und seine beiden Töchter: „Sie haben mir immer so viel Mut gemacht.“ Heute arbeitet Bernhard wieder in seiner alten Firma. Doch er hat gesundheitliche Schäden davongetragen, die wohl nie wieder ganz verheilen. „Ich bin nicht mehr voll einsatzfähig, habe Probleme mit dem Fuß und oft Kopfschmerzen.“ Trotz allem, sagt er, lebe er bewusster. „Ich genieße das Leben mit meiner Familie noch intensiver, weil ich weiß, wie schnell es vorbei sein kann.“ 

Heide half Kurt aus der Krise

Vor zwei Jahren steckte Kurt in einer tiefen Krise. „Ich wollte weg aus München, die Vergangenheit hinter mir lassen“, erzählt der 79-Jährige. Doch dann sei er Heide über den Weg „gestolpert“. Und alles kam anders. Heide und Kurt wohnen bereits seit Jahren in derselben Senioren-Wohnanlage nahe dem Sendlinger Tor. Er damals noch mit seiner Frau. Bis diese vor zwei Jahren starb. Und Kurt in ein tiefes Loch fiel. „Ihr Tod hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Wir waren fast 25 Jahre verheiratet. Ich wurde depressiv, wollte weg. Doch ich hatte damals keine Kraft, Entscheidungen zu treffen.“ Im November 2017 begegnete er Heide in der Wohnanlage das erste Mal. „Wir hatten Blickkontakt“, sagt die 77-Jährige. Schon bald folgten die ersten Telefonate. 

„Wir haben stundenlang telefoniert - oft bis tief in die Nacht.“ Er, der Introvertierte, Grüblerische. Ein Mann von Welt, der als Angestellter in der Automobilbranche viel im Ausland lebte. Sie, die extrovertierte Freidenkerin, Aktivistin der 1968er-Bewegung, die ihr Herz als junge Frau an Indien verlor, dort immer wieder hinreiste. Und die später, mit über 50, ihrem dritten Ehemann noch einmal nach Norddeutschland gefolgt war, wo sie zu vereinsamen drohte. Sie kehrte allein zurück nach München, musste sich wieder einen Job suchen. „Das war hart“. Doch es ist ihr gelungen: Als Regionalleiterin des Freizeitclubs München brachte sie ältere Singles bei bunten Aktivitäten zusammen, machte mit ihrem offenen Wesen einsamen Herzen Mut, ermöglichte ihnen wieder Teilhabe am sozialen Leben. 

Eigenschaften, die auch Kurt an Heide schätzt. „Wir kommen aus verschiedenen Welten“, sagt er. „Aber wir wissen beide, wie viel Glück wir haben, dass wir in unserem Alter noch mal jemanden getroffen haben, mit dem wir uns so gut verstehen“, meint die 77-Jährige. „Man kann sich blind auf den anderen verlassen. Das gibt mir eine unheimliche Ruhe“, ergänzt Kurt. Und weil das so ist, haben sie im November 2018 geheiratet. Vier Monate nach dem ersten Blickkontakt, mit dem alles begann. 

Sein Tod war ein Schock für die Musikwelt und all seine Fans. Am 20. April 2018 starb Avicii im Oman. Ein Jahr später erscheint seine neue Single als Andenken. Jetzt werden neue schockierende Details aus seinem Leben bekannt.

das, kab, stm, ska

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