+
Am 12. September 2009 wurde Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln zu Tode geprügelt.   

Zehn Jahre nach tödlicher Attacke

Gedenkfeier für Dominik Brunner: Redner fordern mehr Zivilcourage

Alle Autoren
    schließen
  • Stefanie Wegele
    Stefanie Wegele
  • Christopher Meltzer
    Christopher Meltzer
  • Kathrin Braun

Dominik Brunner sieht die Not von Schulkindern und greift ein. Dafür zahlt er mit seinem Leben. Das Vorbild Brunner ist indes unsterblich. Gestern haben sich über hundert Menschen genau an der Stelle versammelt, an der Brunner vor zehn Jahren ermordet wurde.

Update vom 12. September 2019, 19.31 Uhr: Manchmal dauert es nur eine Sekunde. Da hat man etwas entschieden, das auf einmal alles verändert. So wie Dominik Brunner (50) innerhalb von einer Sekunde entschied, nicht wegzusehen. Sich stattdessen am S-Bahnhof in Solln vor Schulkinder stellte, um sie vor Schlägern zu schützen. Und dafür mit seinem Leben zahlte. Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Über hundert Menschen kamen gestern an genau dieser Stelle zusammen – Menschen, die Dominik Brunner ihr Leben lang kannten, die zusammen mit ihm arbeiteten, die ihn liebten. Um gemeinsam zu zeigen: Auch nach zehn Jahren, nach über 300 Millionen Sekunden – sein Lächeln bleibt für immer.

Gedenkfeier für Dominik Brunner: Uli Hoeneß und OB Dieter Reiter halten Reden

„Der 12. September 2009 hat München verändert“, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). „Selten hat eine Tat unsere Stadt so bewegt.“ An jenem Tag sah Dominik Brunner, wie Markus S. und Sebastian L. (damals 17 und 18) vier jüngere Schüler bedrängten und Geld von ihnen verlangten. Brunner ging dazwischen. Dann kam es zur Schlägerei – die beiden Täter traten noch auf Brunner ein, als der schon am Boden lag. Keiner half ihm. Brunner verlor das Bewusstsein und starb im Krankenhaus an einem Herzstillstand infolge eines vergrößerten Herzmuskels. Bis heute ist Brunners Tat bundesweit ein Symbol für Zivilcourage.

Zwei Monate nach der Tat gründeten Eltern, Freunde und Kollegen die Dominik-Brunner-Stiftung. Darunter zum Beispiel Claus Girnghuber. Seit sie kleine Buben waren, kannten er und Brunner sich. „Wenn irgendwas passiert, fallen mir immer noch Bemerkungen von Dominik ein. Immer wieder frage ich mich: Was würde er jetzt sagen?“ Dann lächelt er. „Dominik war ein lustiger, humorvoller Mensch.“ Regelmäßig haben sich die Freunde getroffen, sind essen gegangen und haben über alles geredet, was sie miteinander verbunden hat: „Zum Beispiel über die Bücher, die wir gerade lesen. Dominik war sehr gebildet. Es hat immer Spaß gemacht, ihm zuzuhören.“ Als Brunners Vater Girnghuber um 6 Uhr in der Früh anrief, um ihm die schlimme Nachricht mitzuteilen, zerbrach etwas in ihm. „Ich erinnere mich oft an sein Lächeln…“

Bei dem Gedenktag mahnte Uli Hoeneß, FC-Bayern-Präsident und Kuratoriumsvorsitzender der Dominik-Brunner-Stiftung: „Gleichgültigkeit, wegschauen – das darf keinen Platz in den Köpfen der Menschen haben.“

Hunderte Menschen gedachten Dominik Brunner an dessen Todestag.

Und dass Dominik Brunner nie weggeschaut hätte, weiß Petra Pohlmeyer (60) am besten. „Er war lange mein Lebensgefährte“, sagt sie. „Und danach mein bester Freund.“ 14 Jahre waren sie ein Paar, bis 2005. Und auch danach waren die beiden eng befreundet. „Dominik ging wachsam durchs Leben“, erzählt sie. Immer wieder habe es Situationen gegeben, in denen er für andere eingetreten ist. „Das war natürlich etwas anderes, wenn wir zusammen waren. Zu zweit ist man stärker.“ Jetzt denkt sie oft daran, was gewesen wäre, wenn sie damals bei ihm gewesen wäre. „Ich bin 20 Minuten nach ihm in Solln ausgestiegen“, erzählt sie. Die beiden wollten sich treffen. „Bis heute geht mir das Bild nicht aus dem Kopf, wie seine Lederjacke da auf dem Bahnsteig lag.“ Immer wieder denkt sie an ihren Freund. „Ich vermisse ihn sehr…“

So geht es auch Franz Gabriel Roeckl (79). 20 Jahre lang waren er und Brunner Arbeitskollegen. „Dominik war ein sportlicher, eleganter, junger Mann“, erinnert sich Roeckl. „Und ein echter Freund.“ Er hat das Denkmal für Dominik Brunner gestiftet. „Ich denke oft an ihn.“

Worte von Innenminister stimmen nachdenklich

Innenminister Joachim Herrmann gab bei der Gedenkfeier zu bedenken: „Dominik Brunner hätte vielleicht nicht sterben müssen, wenn die anderen am Bahnsteig nicht nur zugeschaut hätten!“ Jeder Einzelne müsse sich fragen: „Was würde ich machen, wenn mir so etwas morgen passieren würde? Eine Frage, die sich seit zehn Jahren viele Menschen stellen.

Dominik Brunner: Uli Hoeneß spricht über den Tag, der München schockte

München – Als sich die schlimme Nachricht aus seiner Heimat verbreitete, war Uli Hoeneß in Dortmund. Es war der 12. September 2009, ein Samstag, Hoeneß hatte gerade auf der Tribüne des Fußballstadions in Dortmund mitangesehen, wie sein FC Bayern den BVB 5:1 besiegt hatte. Mario Gomez, Bastian Schweinsteiger, Franck Ribéry und Thomas Müller schossen die Tore, letzterer sogar zwei, Hoeneß war zufrieden. Alle, so erzählt es der Präsident des FC Bayern heute, lagen sich hinterher in den Armen. Dann hörten sie, was in der Heimat passiert war.

An jenem Tag vor zehn Jahren beginnt am Münchner S-Bahnhof Donnersbergerbrücke, mehr als 600 Kilometer vom Dortmunder Fußballstadion entfernt, eine Auseinandersetzung, die tödlich endet. Dabei fängt es mit nur 15 Euro an. Jugendliche, 17 und 18 Jahre alt, bedrängen Schüler, 13 bis 15, verlangen Geld von ihnen. Dominik Brunner, damals 50 Jahre alt, fällt das auf. Der Geschäftsmann ruft noch in der S-Bahn die Polizei, am Bahnhof Solln steigt er mit den Schülern aus, stellt sich vor sie. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Brunner stürzt, die beiden Jugendlichen treten auf ihn ein. Er verliert das Bewusstsein. Die Ärzte können ihn nicht mehr retten.

Jetzt, genau zehn Jahre später, sagt Uli Hoeneß, dass der Tod Brunners „ein einschneidendes Erlebnis“ für ihn war: „Weil ich es niemals für möglich gehalten hätte, dass sich so eine Tat in meinem, in unserem München, in unserer Heimat ereignen könnte.“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand stirbt, der helfen wollte. „Ich kann es mir bis heute nicht vorstellen.“

Dominik-Brunner-Stiftung: Uli Hoeneß engagiert sich bis heute

Was im September 2009 in Solln passierte, bewegte Hoeneß so sehr, dass er schon im Heimspiel des FC Bayern gegen Nürnberg, nur sieben Tage nach Brunners Tod, im Stadion eine Rede hielt – und es mit seiner Unterstützung bis heute nicht sein ließ. Das gilt besonders für die Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage, die kurz danach ins Leben gerufen wurde. In seinem Amt als Vorsitzender des Stiftungskuratoriums ist Hoeneß gerade für fünf Jahre bestätigt worden. „Wir möchten nicht“, sagt er, „dass diese Geschichte vergessen wird.“

Ort des Mahnmals: Am Bahnhof Solln stieg Dominik Brunner am 12. September 2009 aus, um Schüler zu beschützen. Hier verlor er daraufhin bei einer Schlägerei das Bewusstsein. Später starb er im Klinikum Großhadern.

Es gibt viele, die so denken wie Hoeneß. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann zum Beispiel will heute am S-Bahnhof persönlich zum 10. Todestag an „Dominik Brunners heldenhaften Einsatz“ erinnern, wie es in einer Pressemitteilung seines Ministeriums heißt. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter wird erwartet.

So ist das Bild, das sich heute in der Öffentlichkeit verfestigt hat: Dominik Brunner, der Held, der Mut und Zivilcourage zeigte.

Es haben sich aber seit jenem Samstag vor zehn Jahren die Zweifel an diesem Bild ein wenig vermehrt. Im Prozess kam heraus, dass Brunner zuerst zugeschlagen hatte (aus Notwehr, heißt es vor Gericht) – und dass er nicht an den Folgen der Schläge und Tritte gestorben ist, wie die Obduktion ergab, sondern an einem Herzstillstand infolge eines vergrößerten Herzmuskels. Die Angeklagten, die als Haupttäter galten – Markus S. und Sebastian L. –, wurden trotzdem hart bestraft: neun Jahre und zehn Monate Gefängnis für den einen, sieben Jahre für den anderen. Mittlerweile ist der Mörder von Dominik Brunner wieder auf freiem Fuß.

„Deutlich zu hoch“ findet Roland Autenrieth, damals Anwalt von Sebastian L., heute. „Für die beiden Angeklagten war es auch eine Verkettung unglücklicher Umstände.“ Und auch die Richterin Andrea Titz, als Sprecherin des Oberlandesgerichts München bekannt geworden, hält es für recht „außergewöhnlich“, dass im Laufe des Brunner-Prozesses „die öffentliche Meinung rapide umgeschwungen ist, als vor Gericht alle Details benannt wurden“.

Nun ist es zehn Jahre später eher egal, wie man die Ergebnisse des Prozesses bewertet, wenn man sich eine andere, zweifelsohne wichtige Debatte ansehen will, die Dominik Brunners Tod in Deutschland angestoßen hat. Es geht um: Zivilcourage – und was genau sich seitdem verändert hat.

Tod von Dominik Brunner: Wieviel Zivilcourage besitzt München?

Der Moment, der sich Matthias Würl eingebrannt hat, ereignete sich am Faschingssonntag 2018. Würl, 31, Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität, fuhr mit seiner Freundin nach dem Bouldern mit der U-Bahn nach Hause. Am Bahnsteig am Marienplatz sah er, dass ein Mann – etwa in seinem Alter – eine ältere Frau aufs Übelste beschimpfte, ihr mit den Füßen in den Hintern trat und dann bedrohlich auf sie zuging. Er ging sofort dazwischen.

An ihn wird erinnert: Dominik Brunner.

Auch Felix Kaiser, 28, rannte zu dem offenbar betrunkenen oder berauschten Angreifer und seinem Opfer. Als der Aggressor die beiden jungen Männer sah, ließ er von der Seniorin ab und flüchtete. Kaiser wählte den Notruf, gleichzeitig verfolgten die Retter den Mann. Die Wut des Täters richtete sich daraufhin gegen die beiden, er drehte sich um, bedrohte und beschimpfte Würl. Dann flüchtete der Täter die Rolltreppe hinauf Richtung Dienerstraße. Die beiden Männer liefen sofort hinterher. Sie folgten dem Mann ins Tal und zum Viktualienmarkt. Dort nahm die Polizei den Angreifer fest.

„Mein erster Gedanke, als ich die Situation wahrnahm, war: Ich muss jetzt etwas unternehmen, sonst passiert etwas Schlimmes“, sagt Würl heute. In einem Moment fürchtete er, dass ihm selbst etwas passieren könnte – „als der Angreifer mich geschubst und bedroht hat“. Denn die anderen Menschen am Bahngleis – bis auf Felix Kaiser – schauten nur zu.

Nur zwei Monate später starb die 73-Jährige, einen Zusammenhang mit der Attacke gab es wohl nicht. Davor hatte sie ihren Fall aber noch an die Dominik-Brunner-Stiftung weitergegeben. Sie wollte, dass Würl und Kaiser gewürdigt werden. Es klappte.

Auf der Website der Stiftung findet sich nun die Geschichte von Würl und Kaiser. Dort sind viele Fälle aufgelistet, in denen Menschen Zivilcourage zeigten. Es gibt dort auch etliche Projekte, die das fördern. Uli Hoeneß hat daher „schon den Eindruck, dass sich etwas geändert hat“. Die Richterin Andrea Titz dagegen nimmt das „persönlich nicht wahr“, sie sagt: „Es ist vielleicht sogar eher das Gegenteil, denke ich mir, dass manche Leute noch mehr Angst und Hemmungen haben, einem anderen beizustehen, wenn sie einen Vorfall im öffentlichen Raum bemerken.“ Sie glaubt, dass einige Menschen damals abgeschreckt wurden – „weil der Fall leider mit dem Tode Brunners geendet hat“.

In dem Fall vom Marienplatz offenbaren sich generelle Probleme. Es gibt Menschen, die helfen, aber eben auch sehr viele, die es nicht tun. Und diejenigen, die eingreifen, fürchten nicht selten um ihre eigene Sicherheit. Jetzt, da Uli Hoeneß sich also für weitere fünf Jahre der Dominik-Brunner-Stiftung verpflichtet hat, bleibt ihm und vor allem all jenen, die täglich an der Zivilcourage arbeiten, genug zu tun. „Wir alle sollten darauf achten, dem zu helfen, der in Not ist“, sagt Hoeneß. „Sonst kommt eine Gesellschaft nicht weiter.“

Video: Schock-Studie zu Zivilcourage: Nur jeder 70. hilft

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Irrsinn“: Finanzamt München fordert drastische Mieterhöhung - doch Vermieterin wehrt sich
Das Finanzamt München hat von einer Vermieterin verlangt, die Miete drastisch zu erhöhen. Doch die wehrte sich gegen die Forderung der Behörde.
„Ein Irrsinn“: Finanzamt München fordert drastische Mieterhöhung - doch Vermieterin wehrt sich
Gesundheitsexperte der TU München rät zu Bewegung im Alter - ein bestimmter Grund mindert die Sturzgefahr
Wer sich im Alter viel bewegt, mindert die Sturzgefahr. Ein Gesundheitsexperte der TU München erklärt, warum das so ist.
Gesundheitsexperte der TU München rät zu Bewegung im Alter - ein bestimmter Grund mindert die Sturzgefahr
Mehr Wasser in der Stadt: München soll wieder zum Isar-Venedig werden - Kritik kommt von den Grünen
In München sollen alte Bachläufe wieder freigelegt werden und so die Lebensqualität erhöhen. Die Projekte stoßen allerdings auf Kritik.
Mehr Wasser in der Stadt: München soll wieder zum Isar-Venedig werden - Kritik kommt von den Grünen
In dieser Münchner Straße ignorieren Autofahrer die Verkehrsregeln - Polizei überlegt Maßnahmen
Kürzlich ist die Verkehrsregel geändert worden und viele Autofahrer ignorieren sie in einer Münchner Straße. Die Polizei hat keine Kapazitäten, um das Problem anzugehen.
In dieser Münchner Straße ignorieren Autofahrer die Verkehrsregeln - Polizei überlegt Maßnahmen

Kommentare