„Wachstum Münchens ist unökologisch“

Mehr Gewerbefläche trotz Bodenknappheit in München: Stadtrat-Beschluss sorgt für Kritik

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München: Trotz Bodenknappheit plant der Stadtrat bis 2030 neue Gewerbeflächen zu schaffen. Das sorgt für viel Kritik. 

  • Der Stadtrat will bis 2030 über 30 Hektar neue Gewerbeflächen ausweisen. 
  • Doch es gibt Kritik an dem Vorhaben, denn die Lage auf dem Wohnungsmarkt bereitet nach wie vor Sorgen. 
  • Der Ausgang des Konkurrenzkampfs zwischen Gewerbe und Wohnungsbau scheint unklar. 

München - Der Motor brummt: Münchens Wirtschaft meldet einen Rekord nach dem anderen. Auch im Jahr 2018 freute sich Referent Clemens Baumgärtner (CSU) über die erfolgreiche Entwicklung, obwohl im Rest der Republik die Dynamik eher nachlässt. Die Zahl der Beschäftigten erreichte 2018 einen Höchststand, allein 23 700 Arbeitsplätze sind neu hinzugekommen. Die Arbeitslosigkeit sank auf 3,5 Prozent – der niedrigste Wert der vergangenen 20 Jahre. Die rund 91 200 Unternehmen spülen 2,7 Milliarden Euro Gewerbesteuer in die Kasse. Der Standort floriert und weckt Begehrlichkeiten. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen ist hoch – doch Boden ist rar. „Die Flächennachfrage ist häufig nicht kompatibel mit den Voraussetzungen des Münchner Immobilienmarktes“, sagt der Sprecher des Wirtschaftsreferats, Wolfgang Nickl. „Insbesondere kann die Nachfrage nach großflächigen Gewerbearealen nicht annähernd berücksichtigt werden.“

Bodenknappheit in München: Stadtrat will in den kommenden zehn Jahren 35 Hektar neue Gewerbeflächen ausweisen 

Der Stadtrat hatte unlängst beschlossen, in den kommenden zehn Jahren 35 Hektar neue Gewerbeflächen auszuweisen. Das entspricht etwa der Größe von 35 Fußballfeldern. Und es ist zu wenig, sagt etwa Handwerkskammer-Präsident Franz Xaver Peteranderl. Es gibt aber auch Stimmen im Rathaus, die würden gar keine Flächen mehr ausweisen.

Der OB-Kandidat der ÖDP, Tobias Ruff, etwa sagt: „Das Wachstum Münchens ist unökologisch und unsozial. Denn es zerstört die letzten Freiflächen und macht die Stadt unbezahlbar. In München sollen deshalb keine neuen Gewerbegebiete ausgewiesen werden, bis sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt entspannt.“ Die Stadt habe Vollbeschäftigung, 400 000 Einpendler und einen ausgeglichenen Haushalt. „Wenn wir die Verkehrsprobleme, die fehlenden Kitaplätze, die Belastungen mit Lärm und Abgasen in den Griff bekommen und gleichzeitig die Grünflächen und Frischluftschneisen erhalten wollen, dann darf die Stadt nicht mehr in diesem Tempo wachsen.“

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OB Dieter Reiter: „Den Branchenmix müssen wir unbedingt weiter erhalten“

Auf der Warteliste des Referats für Arbeit und Wirtschaft stehen permanent rund 300 Firmen, die einen Flächenbedarf zwischen 800 und 4000 Quadratmetern angegeben haben. Allein dieser Bedarf addiert sich auf etwa 52,7 Hektar. Von diesen 300 Firmen gehören rund 200 zum klassischen produzierenden Gewerbe sowie Handwerk und Logistik mit einem Bedarf von insgesamt 40 Hektar.

OB Dieter Reiter (SPD) sieht die Stärke der Münchner Wirtschaft vor allem in der Mischung: „Den Branchenmix von kleinen Unternehmen, Mittelstand, Großunternehmen, Start-ups sowie traditionellen Handwerksbetrieben müssen wir unbedingt weiter erhalten“, sagt er. „Von dieser vielfältigen Wirtschaftsstruktur hängt auch der Erfolg des Wirtschaftsstandorts München ab und nicht zuletzt die hervorragende Arbeitsmarktsituation.“

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FDP-OB-Kandidat widerspricht Reiter: „Stadt muss für den Mittelstand attraktiv bleiben“

Diese Unternehmen bräuchten natürlich Entwicklungsmöglichkeiten. Das Flächenangebot habe sich in den vergangenen Jahren für das klassische Gewerbe per Saldo sogar um 64 Hektar verringert. „Deshalb geht es darum, eine gute Balance zwischen Wohnen und Gewerbe zu erreichen“, erklärt das Stadtoberhaupt. „Die Ausweisung neuer Gewerbeflächen muss in Zukunft auch noch intensiver mit dem Bau von Werkswohnungen verknüpft werden.“ Daher hat die Stadt für die eigenen Gewerbeflächen entschieden, bei der Vergabe im Erbbaurecht das Kriterium Werkswohnungsbau neu einzuführen. „Wer selbst Werkswohnungen baut oder Belegungsrechte für Wohnungen sichert, erhält im Vergabeverfahren zusätzliche Punkte“, betont Reiter. „Damit wollen wir dieses Engagement fördern und auch belohnen.“

FDP-OB-Kandidat Jörg Hoffmann sieht das anders. Die 35 Hektar neue Flächen sollten zwar vorrangig mittelständischen Betrieben und Handwerkern zur Verfügung gestellt werden. „Für diese fordern wir aber keine Auflagen – im Gegenteil: Die Stadt muss für den Mittelstand attraktiv bleiben. Wir fordern auch, dass die Flächen nicht nur im Erbbaurecht, sondern auch als Eigentum erworben werden können.“ Grundbesitz sei für Mittelständler bei der Finanzierung sehr wichtig. Und die jetzigen Ausschreibungskriterien wirkten sich oft zum Nachteil für kleinere und mittlere Betriebe aus.

Rubriklistenbild: © dpa / Peter Kneffel

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