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Überraschung bei der Planung der 2. Stammstrecke: Eine weitere Röhre muss her.

Zeitplan bis 2028 wackelt gehörig

Tunneldesaster bei Münchner Mammutprojekt: „Was für ein Versagen“

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    Sascha Karowski
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Schon wieder eine Umplanung: Die 2. Stammstrecke benötigt einen Rettungstunnel. Nur äußerst widerwillig bestätigt die Bahn unsere Berichterstattung. Rathauspolitiker fordern jetzt dringend „Klarheit und Transparenz“.

München - Wird die zweite Stammstrecke nach dem Flughafen Berlin und Stuttgart 21 der nächste Planungswitz der Nation? Münchner Politiker jedenfalls sind stocksauer auf die Bahn: Grünen-Chefin Katrin Habenschaden spricht von einem „weitreichenden Planungsversagen, das schlimmste Befürchtungen für die Zukunft dieses Projekts weckt“. Wie wir exklusiv berichteten, muss die 2. Stammstrecke umgeplant werden. Grund: In den neuen Tunnel muss eine dritte Röhre als Fluchttunnel. Laut Bahn habe das keine Auswirkungen auf den Zeitplan, die Inbetriebnahme der neuen S-Bahn-Strecke soll 2028 erfolgen. Wirklich? Insider gehen eher vom Jahr 2031 aus. 

Auch im Rathaus herrscht Verwunderung. Warum zum Beispiel am Dienstag vergangener Woche allein der nun geplante U9-Bahnhof als Grund für eine Verschiebung des Zeitplans um zwei Jahre genannt wurde, obwohl da bereits klar war, dass der Rettungstunnel auch gebraucht wird? Wollte die Bahn vom eigenen Versagen ablenken und den schwarzen Peter der Stadt zuschieben? Die Bahn bestreitet das: „Wir waren vergangene Woche in der Staatskanzlei und haben über die Optimierungen gesprochen“, so Bayerns Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel. „Bei diesen Optimierungen war diese dritte Röhre, die Sicherheitsröhre, auch schon mit dabei.“ Teilnehmer bestätigen dies zwar, merken aber an, die dritte Röhre sei „nur ganz am Rande“ angesprochen worden. Bei der Pressekonferenz blieb sie gänzlich unerwähnt. „Die Informationspolitik ist ein Desaster“, schimpft Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher. „Scheibchenweise enthüllt sich nun eine Summe an Fehlplanungen und Versäumnissen.“ Kaum weniger deutlich der SPD-Stadtrat Jens Röver. „Die Bahn muss dringend Klarheit und Transparenz schaffen. Ich erwarte, dass sie Stadtrat und Öffentlichkeit zeitnah über den Stand der Planungen informiert.“

Grünen-Chefin Katrin Habenschaden spricht von einem „weitreichenden Planungsversagen“.

Denn noch sind viele Details unbekannt. Weder zu den Kosten für die Röhre noch zur Lage gab es Angaben. Am kommenden Dienstag soll sich der Ministerrat mit den Umplanungen befassen. Kultusminister und Münchens FW-Chef Michael Piazolo drängt auf Aufklärung: Die Kritik am Brandschutz sei nicht neu. „Das sind Punkte, die liegen seit Jahren auf dem Tisch.“ Er will wissen, warum die Bahn nun wieder umplant.

Zweite Stammstrecke: 3. Röhre als Rettungstunnel gefordert

Erstmeldung: Auswirkungen auf Kosten und Zeitplan sind unbekannt, zu vermuten ist aber, dass sich die Fertigstellung des Mammutprojekts erneut verschieben wird – auf die Zeit nach 2028. Es ist die zweite große Änderung am bisher 3,8 Milliarden Euro teuren Stammstreckentunnel innerhalb weniger Tage. Erst vergangene Woche hatten Freistaat, Bund und Bahn bekannt gegeben, dass am Hauptbahnhof zusätzlich ein Bahnhof im Rohbauzustand für die geplante U-Bahn-Linie 9 eingebaut werden muss. Allein dadurch verschiebt sich der Zeitplan um zwei Jahre – von 2026 auf 2028. Zudem wird am Ostbahnhof umgeplant – der neue Bahnhof für die 2. Stammstrecke soll nicht am Orleansplatz, sondern weiter östlich an der Friedenstraße entstehen.

Bauarbeiten für die zweite Stammstrecke in München. Eine Forderung nach einer dritten Röhre für einen Rettungstunnel bringen jetzt den Zeitplan gehörig durcheinander.

Dass die Bahn als Bauträger noch weitere Umplanungen vorsieht, wurde damals verschwiegen. Auf Nachfrage unserer Zeitung teilte aber das Eisenbahn-Bundesamt in Bonn mit: „Die Vorhabenträgerin hat dem Eisenbahn-Bundesamt in einer Besprechung vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass eine sogenannte dritte Röhre zur Entfluchtung geplant sei, mit der ursprünglich geplante Rettungsschächte entfallen sollen.“ Ursprünglich sollten Fahrgäste im Fall einer brennenden S-Bahn über insgesamt neun vertikale Rettungsschächte ins Freie flüchten. Statt der Schächte ist nun der Zusatztunnel geplant. Die Dimension des Bauwerks und seine Lage – auf gleicher Höhe mit den Gleisröhren oder tiefer – sind unklar. 

DW, SKA, LAF

Lesen Sie auch: Entlastung bis 2037: Neue Linie U9 kommt in München - zur Finanzierung wird geschwiegen 

Zweite Stammstrecke: Bahn setzt auf auf Geheimhaltung - dagegen geht Bürgerinitiative vor

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