Schrecklicher Unfall in Tirol

Augenzeuge berichtet: So stürzte der Münchner beim Eisklettern in den Tod

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Zwei Eiskletterer aus Bayern, einer davon aus München, stürzen in Tirol 350 Meter in den Tod. Ein Alpinpolizist ist zufällig am Fuße der Wand – und muss das Unglück aus unmittelbarer Nähe hilflos mit ansehen.

Reutte/München – Es sind Geräusche, die Walter Schimpfössl nicht definieren kann: keine Schreie, eher Schläge, ausgelöst von rutschendem Schnee oder abstürzenden Steinen. Dann schaut er nach oben – und sieht zwei Körper an der Wand herunterfallen.

Der Montagnachmittag in den Ammergauer Alpen: Schimpfössl, 57 Jahre alt und ausgebildeter Bergführer,erkundet das Gelände am Fuße der Nordwand des westlichen Geierkopfs. Der stellvertretende Bezirkskommandant will eine Übung der Polizei aus Reutte (Tirol) vorbereiten. Doch dann unterbrechen ihn besagte Geräusche. Sekunden später liegen die beiden Körper auf dem Boden. „Sie sind unmittelbar neben mir aufgeschlagen, etwa zehn Meter entfernt.“ So schildert Schimpfössl das Unglück, bei dem am Montag gegen 15.15 Uhr zwei Eiskletterer aus Bayern – ein 25-jähriger aus München-Solln und ein 28-jähriger aus Sulzberg im Oberallgäu – ihr Leben verloren. Etwa 350 Meter stürzten sie nach Angaben der Reutter Polizei in die Tiefe.

Innerhalb von zehn Minuten ist der Hubschrauber da

Walter Schimpfössl zögert nach seiner eigenen Schilderung nicht und geht rüber zu den jungen Männern. „Sie haben kein Lebenszeichen von sich gegeben“, sagt er. Der Rettungshubschrauber, den der Alpinpolizist ruft, kommt nach etwa zehn bis 15 Minuten. Die Sanitäter können nur noch den Tod feststellen.

Die Freunde waren auf einer neuen Eis-Fels-Tour unterwegs. „Das Gelände in der westlichen Geierkopf-Nordwand ist sehr anspruchsvoll. Es gibt keine fixen Bohrhaken. Man muss alle selbst anbringen“, sagt Schimpfössl. Den sogenannten Standplatz, den letzten Rettungsanker, hätten sie selbst gesetzt. Einer der Kletterer sei aus ungeklärter Ursache etwa 30 Meter oberhalb seines Partners abgestürzt. Anschließend brach die Standplatzsicherung aus, was laut dem Alpinpolizisten nicht passieren darf. „Es liegt auf der Hand, dass der Standplatz im Fels nicht optimal gesetzt war“, analysiert Schimpfössl. Weitere Zwischensicherungen habe es nicht gegeben. „Das ist in der Nordwand aber oft gar nicht möglich.“ Der genaue Unfallhergang ließe sich nicht vollends rekonstruieren.

Alpenverein gedenkt dem verstorbenen Kameraden

Die Alpenvereinssektion des Sulzbergers reagierte am Dienstag auf den Verlust ihres „außerordentlich engagierten Vereinskameraden“. Der Homepage-Artikel widmet sich dem verstorbenen Martin H. (28) aus Sulzberg, der Touren-, Kursleiter und Fachbereichssprecher gewesen sei. H. habe „viele wirksame Impulse“ ins Sektionsleben gebracht, „Stiftung von Gemeinschaftssinn und Schulungskonzepte für mehr Sicherheit am Berg“ seien noch vergangene Woche Themen von Besprechungen gewesen.

Den Mix aus Eis- und Felsklettern bezeichnet Florian Hellberg (36), Sicherheitsforscher beim Deutschen Alpenverein, als „eigene Spielart des Alpinismus“, bei der viele verschiedene Kompetenzen gefragt sind. Man müsse Fixpunkte selbst setzen sowie bestehende Sicherungen, Lawinengefahr und Eisqualität richtig einschätzen. Aus Erhebungen wisse man, dass das Unfallrisiko – vom Steinschlag bis zum Sturz – höher ist als beim Sportklettern. Das Unglück in Tirol will Hellberg aus der Ferne nicht bewerten. Als Alpinist macht es ihn betroffen: „Der Standplatz-Sturz ist das Worst-Case-Szenario. Davor ist kein Alpinkletterer hundertprozentig sicher.“

Rubriklistenbild: © picture alliance 

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