Untypisch München

Neun (ernüchternde) Weisheiten aus dem Leben einer Wohnungssuchenden

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Die Bloggerinnen von Untypisch München erzählen von ihren subjektiven Erlebnissen in München. Dieses Mal: Wie schwer ist es wirklich, eine bezahlbare Wohnung in München zu finden?

Lisa von Untypisch München* erzählt in ihrem Blog: „Seit knapp drei Jahren lebe ich in München. Mit bereits 16 Jahren bin ich wegen meiner Ausbildungsstelle von zu Hause ausgezogen. Damals fand ich es aufregend und total erwachsen, Wohnungen zu besichtigen, mit Maklern zu verhandeln oder einfach stundenlang nach den verschiedensten Annoncen zu suchen - Betonung liegt auf damals. Genau in diesem Moment sitze ich mit meinem zweiten Glas Wein vor dem Laptop und suche mir buchstäblich die Finger nach einer passenden Unterkunft - Wohnung trifft es nicht ansatzweise - wund. Vom Chardonnay getrieben möchte ich meine bisher skurrilsten Momente und gesammelten Erfahrungen mit euch teilen.

Punkt 1 - Sei niemals du selbst

Wer dein Bewerbungsformular liest muss denken, du wärst ein Übermensch - Superman und Wonder Woman würden vor Neid erblassen. Natürlich hast du keinen festen Lebenspartner und schon gar keine zu lauten Freunde. Haustiere sind für dich nur deine Staubmäuse unterm Bett - und selbst davon hast du natürlich kaum welche. Das letzte Musikinstrument in deinen Händen war die Blockflöte während der Schulaufführung der vierten Klasse und dass dein Netto-Jahreseinkommen über 20.000 Euro betragen muss erklärt sich ganz von selbst.

Punkt 2 - Stalking 2.0

Wer auf Wohnungssuche ist, entwickelt sich zur Spürnase. Sherlock Holmes-artig werden Online-Portale, Facebook-Gruppen und Zeitungen akribisch durchsucht. Profile werden angelegt, Postfächer alle 30 Minuten aktualisiert und Benachrichtigungen wieder aktiviert. Plötzlich sind alle Stadtteile bekannt und Straßennamen können sofort zugeordnet werden. Außerdem können plötzlich Hieroglyphen entziffert werden: Von priv.: attr. 4-Zi.-DG-Whg., 152m², Südlg., Parkett, 2 Bäd., EBK, Blk., Keller, Gge. + Abstellpl., 1775,- + Gge + NK, ab sof., EA vorh. – Bitte was?!

Punkt 3 - Der Chirurg aus Großbritannien

Du kannst nicht von dir behaupten anständig nach Wohnungen gesucht zu haben, wenn keine Nachricht von einem Chirurg aus England in deinem Postfach lag. Nach der allerersten Email freut man sich über eine so rasche und nette Antwort aus Übersee. Dass der potentielle neue Vermieter kaum Deutsch spricht und dich bittet, mit ihm auf Englisch weiter zu schreiben, kümmert dich nicht. Die Tatsache, er hätte extra für das Studium seines Sohnes in München eine Wohnung gekauft und möchte es nun an dich weitervermieten, rührt dich zutiefst. Voller Vorfreude schreibst du munter drauf los - bis zu dem Punkt als der nette Onkel Doktor gerne Geld von dir überwiesen bekommen möchte. Von diesem Moment an wirst du stutzig und fängst an zu googeln. Gibt es die besagte Adresse seiner Arztpraxis wirklich? Ist der Name auch zu finden? Schon die ersten Suchergebnisse lassen den Tagtraum deiner neuen Inneneinrichtung zerplatzen - der charmante Prof. Dr. XY entpuppt sich als Immobilienmafia, Wohnort: Darknet.

Punkt 4 - And the Oscar goes to…!

Sollte man dennoch in den Genuss einer Zusage zu einer seriösen Besichtigung gekommen sein - bitte ich erst mal um eine Runde Beifall. Nun gibt es unterschiedliche Kategorien von Besichtigungen. Zum einen gibt es die klassische Variante: der ausgemachte Termin. Hier darf jeder Mitstreiter in Einzelgesprächen von sich überzeugen - die perfekte Möglichkeit sein schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. Und an dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass nicht nur ich allzu gerne die tragische Geschichte meiner derzeitigen Wohnsituation mit dramatischen Szenen ausschmücke. Nach einer etwas länger anhaltenden Unterhaltung mit einem weiteren potentiellen neuen Mieter wurde mir brühwarm berichtet, wie schlecht es um seine Zukunft in München steht. Laut seiner Schilderung würde nur diese Wohnung ihn davor bewahren, in eine Asylbewerberheim-ähnliche ähnliche Unterkunft ziehen zu müssen. Als ich nach dem Termin das Haus verließ, sah ich genau diese Person im BMW X6 davon brausen. Nun ratet mal, wer nicht im Asylbewerberheim wohnen muss…

Punkt 5 - In den Arsch kriechen muss gelernt sein

Ein weiterer Typ von Besichtigung ist die allseits so beliebte Massenbesichtigung. Bei der man zu dreißigst in einer 25qm Wohnung um die Gunst des Vermieters buhlen darf. Hier eine kleine Anekdote von meiner ersten Massenbesichtigung. Die Wohnung meines Interesses befand sich nahe dem Hauptbahnhof und war somit für ihre großzügig geschnittene Wohnfläche dennoch zu bezahlen. Das dachten sich auch 45 weitere Interessenten. Ölsardinengleich standen alle um den Vermieter rum. Höchst interessant zu beobachten war das plötzliche Interesse der weiblichen Interessenten am circa 65 Jahre alten, leicht schmuddelig wirkenden Vermieter. Es wurde mit den Wimpern geklimpert, Ausschnitte wurden zurecht gezupft und Haarsträhnen aus dem Gesicht gestrichen. Dass die Männer in der Runde breitbeinig und mit Handwerkerfachwissen von sich überzeugen wollten, überraschte niemanden mehr. Nach zwei Minuten war für mich klar, das wird nicht meine letzte Besichtigung dieser Art gewesen sein.

Punkt 6 - Blinddate oder Besichtigung?

Irgendwann erreicht man während seiner Suche nach der perfekten Wohnung den Punkt, an dem der Anspruch sinkt - ähnlich wie bei Tinder. Die mickrige Auswahl überzeugt einen nicht wirklich und an jedem Angebot ist immer ein Haken. Dennoch wird alles angeschrieben, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Im besten Fall verabredet man sich zu einem gemeinsamen Treffen/Besichtigung und ähnlich wie bei Herzblatt klopft einem das Herz bis zu den Ohren kurz bevor die Wohnungstür zum ersten Mal geöffnet wird. Man stellt sich ein gemeinsames Leben vor, räumt imaginär schon seine Schränke mit Büchern voll und sieht sich selbst auf dem Balkon sonnen. Die Floskel „Wir melden uns dann bei Ihnen“ schürt Hoffnung in einem. Doch das darauf folgende „Ghosting“ lässt einen schnell die rosa-rote Brille wieder abnehmen. Wenn sich die andere Person nach der dritten Nachricht auf der Mailbox nicht zurückmeldet, sollte man einsehen, dass das wohl kein Match war - eben wie bei Tinder.

Punkt 7 - Plan B wird überbewertet

Schlussendlich erreicht jeder deprimierte Wohnungssuchender den Punkt, an dem wirklich jeder im Freundeskreis von deiner momentanen Misere Bescheid weiß. Nachdem jede skurrile Anekdote erzählt wurde, kommt irgendwann die Frage aller Fragen: „Was ist dein Plan B?“ Sonst so schlagfertig, schnürt sich einem die Kehle bei diesem Thema zu. Wieder zu den Eltern ziehen und jeden Tag über eine Stunde in die Arbeit pendeln? Bei Freunden auf der Couch vor sich hinvegetieren? Oder ein heruntergekommenes WG-Zimmer hinnehmen? Niemals! Das goldene Mantra: Es gibt keinen Plan B - hartnäckig bleiben und Punkt 1-7 immer wieder von Neuem wiederholen.

Punkt 8 - Ist der Ruf mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert

Und ganz ähnlich wie beim Dating gibt es auch im Spiel um die perfekte Wohnung die sogenannte unerwiderte Liebe. In meinem Fall: WG-Zimmer. Das Interesse ist von der anderen Person da, man selbst jedoch ist nicht so ganz angetan - der Funke sprang nicht über. Um aber trotzdem am Ende darauf ausweichen zu können, lässt man den anderen so lange wie möglich zappeln, um nicht schlussendlich kurz vor knapp doch mit einer feigen Nachricht „Schluss zu machen“. In diesem Sinne: Max, solltest du das jemals lesen: Es tut mir wirklich Leid, dir nicht von Anfang an offen und ehrlich gesagt zu haben, dass es nicht klappen wird - du findest mit Sicherheit eine viel bessere Mitbewohnerin.

Punkt 9 - Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn

Und irgendwann kommt der Moment und es macht Klick. Man betritt gelassen die zu besichtigende Wohnung und spürt im Unterbewusstsein, dass es dieses Mal klappt. Die Tür geht auf und man hat keine Hemmungen. Die bereits eigenen vorhandenen Möbel passen optisch und platztechnisch perfekt ins neue Heim. Der Vermieter vermittelt einem das Gefühl, nicht eine Interessentin von vielen zu sein - sondern die Eine. Und im Endeffekt ist es das gleiche Spiel wie mit der Liebe - für jeden Topf gibt es den passenden Deckel. Und für alle, die sich fragen sollten, ob ich tatsächlich noch eine Wohnung gefunden habe: Ja habe ich!

Untypisch München stellt sich kurz vor

Dieser Artikel wurde von Lisa auf Untypisch München veröffentlicht.

*Untypisch München ist ein Blog von vier Frauen, auf dem ihr Inspirationen für die bayerische Hauptstadt findet. Zum Beispiel alternativ angehauchte Bars und Clubs, gemütliche Cafés und angesagte Restaurants. Neben der Ess-und Trinkkultur findet ihr Geschichten der Bewohner sowie die ganz persönlichen München-Eindrücke der Bloggerinnen.

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nm/ls

Rubriklistenbild: © dpa

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