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Paul Barth sammelt Olympia-Memorabilien – noch in seinem Keller. Der Olympiapark will ein 1972-Museum errichten.

Paul Barth sammelt Exponate

Dieser Medaillengewinner will ein Olympiamuseum für München

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Der 26. August 1972 war ein glanzvoller Tag in der Geschichte Münchens und des deutschen Sports. Unterm Zeltdach wurden die Olympischen Spiele eröffnet. 45 Jahre später versucht eine Gruppe von Idealisten um den Münchner Judo-Medaillengewinner Paul Barth, die Erinnerung festzuhalten.

München Neulich hat Paul Barth an Kirk Douglas geschrieben. Douglas, der große amerikanische Filmstar, war nämlich Besucher der Olympischen Spiele 1972 in München. Es gibt Fotos, die ihn in der Schwimmhalle zeigen. „Er ist jetzt 100, seine Frau lebt auch noch, sie ist genauso alt“, sagt Paul Barth. Er dachte sich, es wäre doch eine tolle Sache, wenn das Ehepaar Douglas die Fotos von damals signieren würde. Also hat er zwei Abzüge angefertigt, die Adresse der Agentur des Stars recherchiert und die Fotos in die USA geschickt. Dazu ein freundliches Anschreiben und einen mit US-Briefmarken frankierten Rückumschlag. Tatsächlich kam der dann wieder bei Paul Barth in Gröbenzell bei München an. Allerdings – Enttäuschung: „Das Kuvert war leer und gar nicht abgestempelt.“ Rätselhaft: Hatte wohl jemand in irgendeiner Poststelle die Bilder gemopst.

Die Zeit drängt: Die Beteiligten sterben weg

Nicht nur im Fall Kirk Douglas drängt die Zeit, wenn es darum geht, Erinnerungen an 1972 festzuhalten. Paul Barth haben diese Olympischen Spiele in München, die einzigen in Deutschland nach dem Krieg, besonders viel bedeutet. Sie haben sein Leben geprägt: Er war Judoka, er gewann die Bronzemedaille. Dafür war Barth, der ganz zivil als Bankkaufmann arbeitete, zum Trainieren in Japan gewesen. Hatte Drill und Entbehrung auf sich genommen.

Farbenpracht: das Deutsche Team mit Fahnenträger Detlef Lewe bei der Eröffnungsfeier.

1972 hat ihn nie losgelassen, er und andere aus dieser Zeit haben einen Olympia-Stammtisch gegründet. Klaus Wolfermann zum Beispiel ist dabei, der Speerwerfer, auch Wintersportler, die ihre 72er-Spiele in Sapporo hatten wie die Bobfahrer Zimmermann und Utzschneider, die Eisschnellläuferin Monika Pflug (später Holzner), Eishockeyspieler Alois Schloder. Sie sind zusammen alt geworden, sie sind jetzt alle Rentner, es wird bei einigen sogar mit der Regelmäßigkeit der Stammtischbesuche schwer. „Denn mit 80 willst du nachts vielleicht auch nicht mehr mit dem Auto heimfahren müssen“, sagt Paul Barth.

Am Olympia-Stammtisch (Barth: „Gibt’s nur in München, in keiner anderen Olympiastadt ist so etwas jemals entstanden“) wurde die Idee geboren: Man müsste unsere Erinnerungen für die Nachwelt festhalten. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die Leute, die München 1972 aktiv mitgestaltet haben, sterben weg. Der erste Olympiasieger, der die Welt verließ, war der Schütze Conny Wirnhier, und mittlerweile ist sogar der Sohn tot, der die Skeet-Schützenanlage in München-Hochbrück im Sinne des Vaters weiterbetrieben hatte.

Ein Museum mit offiziellem Auftrag der Olympiapark GmbH

Paul Barth ist 71, er ist fit und er hat eine Mission: Aus der großartigen Sache von 1972 soll ein Museum entstehen. Am Olympia-Stammtisch sitzt auch Arno Hartung, der die Spiele als Student miterlebt hat und später Geschäftsführer der Olympiapark GmbH wurde. Seine Nachfolgerin Marion Schöne hat sich auf die Idee eingelassen: Ja, im Olympiapark soll ein Olympia-1972-Museum entstehen.

Paul Barth hat einen offiziellen und schriftlichen Auftrag der Olympiapark GmbH erhalten, dass er beauftragt ist, Exponate zu sammeln – es soll schließlich niemand glauben, er kassiere da was für eigene Zwecke ein. Der Olympiapark hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, ein externes Unternehmen soll prüfen, wo im Park ein solches Museum am besten positioniert wäre (Turm? Eisstadion?), wie man finanziell planen müsste. Auch die Stadt München hat beschlossen, das zu unterstützen, Sportbürgermeisterin Christinie Strobl ist involviert. Gerade erst ist eine Museums-Expertin bei Barth in Gröbenzell im Kreis Fürstenfeldbruck gewesen, er hat Tipps bekommen, wie er die Dinge ordnen soll.

Er lässt jetzt seine Kontakte spielen. Schreibt alte Gefährten an, telefoniert ihnen hinterher. Was hast du noch von den Spielen? Souvenirs, Bilder, Wettkampfbekleidung? „Es wurde vieles schon weggegeben, teils an andere Museen.“ Die aber sind wiederum vielleicht bereit, Exponate herzuleihen. Barth durchforstet auch die Angebote bei Ebay. „Wenn da was Gescheites ist für 30 oder 40 Euro – dann bezahl’ ich das halt.“

Barth sucht die Sammlerstücke im Internet

Das Internet macht manches einfacher. Auf Youtube hat Paul Barth einen Film entdeckt, auf dem Otl Aicher, der für das visuelle Erscheinungsbild der Spiele zuständig war, erzählt, wie die berühmten Sportartenpiktogramme entstanden sind. Und schon stellt Barth sich vor, dass der Film ja auch im Museum laufen könnte.

Design, die Mode mit ihren friedvollen Farben, das ist ja alles ein Thema. Das hat diese besondere Atmosphäre beeinflusst, diese Fröhlichkeit, die bis zum Tag des Attentats auf die israelischen Olymp-Mannschaft vorherrschte. Nach dem 5. September 1972 war die Welt des Sports unwiderruflich eine andere. Olympia wurde für alle Zeiten zur Hochsicherheitsveranstaltung. Die Wettkämpfe, das Attentat – das gehört in eine Ausstellung. Die Nachhaltigkeit ist ebenfalls wichtig. Wie der Geist von München weiterlebte, wie er jetzt noch spürbar ist, wenn Touristen andächtig durch den Park gehen und zum Zeltdach hochblicken, wie die Gebäude weiterhin ihre Bestimmung als Sportstätten erfüllten. Paul Barth hat einen eigenen Bilderordner für „Nachhaltigkeit“ angelegt. Mit lauter hochwertigen Fotografien. Die könnten später mal an den Museumswänden hängen.

Vieles hat Klaus Wolfermann schon weggeben.

Vieles, was mal ein Exponat werden soll, ist noch bei den Besitzern. Auf Abruf. Paul Barth will es nicht im Keller seines Einfamilienhauses horten. Da hat er bereits ein kleines Olympia-Lager. Mit Büchern, Platten, Zeitschriften, mit allem, was ihm an olympischem Krimskrams irgendwie zugeflogen ist. Kunst und Kitsch.

Paul Barth tastet sich durch die Vergangenheit. Er muss noch in diverse Archive oder an die Kanuslalom-Rennstrecke nach Augsburg. „Faszinierend ist: Es geht immer wieder eine neue Tür auf.“ Wie die zu ganz wertvollem Filmmaterial. Dietmar Hötger war DDR-Judoka, wie Barth gewann er (zwei Gewichtsklassen tiefer) Bronze. Barth, der West-, und Hötger, der Ostdeutsche, hatten sich schon vor 45 Jahren wunderbar verstanden, sie pflegten eine Freundschaft, die der Eiserne Vorhang nicht verhindern konnte. Der Kontakt hielt.

Hötger verlieh einmal seine Bronzemedaille und bekam sie nicht mehr zurück. Barth erfuhr davon, und weil er erahnen konnte, wie ärgerlich der Verlust eines solchen Symbols ist, fand er heraus, welche Münzprägeanstalt die Medaillen von 1972 geschaffen hatte. Seine eigene, ja ebenfalls in Bronze, also passte das, ließ er nachprägen – und schickte sie dem Sportkameraden Hötger. Der war so begeistert, dass er sich mit einem Gegenpräsent bedankte.

Paul Barth erhielt eine längliche Kassette zugestellt. In dieser: sechs Rollen mit DEFA-Filmen, also den Original-Filmaufnahmen des DDR-Fernsehens von 1972. Ein wahrer Schatz. Auch deshalb, weil der Bayerische Rundfunk nicht mehr all sein Olympia-Material zur Verfügung hat – Folge eines Wasserschadens vor ein paar Jahren. Wieder ein Fund, der Paul Barth anspornt.

2018 und 19 werden die entscheidenden Jahre für das Projekt Olympia-Museum sein. Eröffnen sollte es – spätestens – 2022. Zur 50-Jahr-Feier. Mit den unterschriebenen Fotos von Kirk Douglas in der Olympia-Schwimmhalle? Paul Barth wird noch einmal nach Amerika schreiben.

Exponate gesucht:

Wer Erinnerungsstücke an die Olympischen Spiele 1972 in München hat und bereit ist, sie dem Museum zur Verfügung zu stellen, kann sich per E-Mail an Paul Barth wenden: olm.barth@gmx.de

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