Baby unterwegs! Herzogin Kate mit Wehen im Krankenhaus

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Hildegard und Paul Breitner helfen jeden Montag an der Ausgabestelle der Münchner Tafel, Bedürftige mit Lebensmittel zu versorgen.

FC-Bayern-Legende und Frau Hildegard im Interview

Breitner: „Armut ist ein unaufhaltsamer ICE“

Hildegard und Paul Breitner erlebten Armut in ihrer Kindheit hautnah. Ein Gespräch über Armut in der reichen Stadt München.

Hildegard (67) und Paul Breitner (66) engagieren sich seit zwölf Jahren für die Münchner Tafel. Hildegard Breitner ist mittlerweile Leiterin der Haidhauser Ausgabestelle. Beide erlebten Armut in ihrer Kindheit hautnah, beide erleben jeden Montag, wie die Zahl der Bedürftigen ständig steigt. Ein Gespräch über Armut in der reichen Stadt München.

Das Interview führte Hüseyin Ince

Frau Breitner, Herr Breitner: Wann sind Sie mit dem Thema Armut zum ersten Mal in Berührung gekommen?

Paul Breitner: Als Kind, damals in den 50er-Jahren in Kolbermoor bei Rosenheim. Armut war überall. Nachkriegsgeneration eben. Armut hatte damals natürlich andere Ursachen als heute.

Hildegard Breitner: In meiner Kindheit war das ähnlich, damals in Freilassing.

Haben Sie ein Beispiel?

Paul: Hunger in der Volksschule, im Kindergarten, überall. Wenn ich am Bolzplatz gekickt habe, nahm ich danach einige Freunde mit nach Hause zu meiner Tante Anni, bei der ich aufgewachsen bin. Und dann bekamen alle ein Butterbrot. Für viele das erste seit Tagen. Meine Tante kannte alle Familien, wusste genau, welches Kind am meisten hungert. Die Scheibe Brot war für die Jungs wertvoller als alles andere. Wir selbst mussten zum Glück nicht hungern.

Könnte man sagen, Ihre Tante hat die Rolle der Tafel übernommen?

Paul: Das können Sie so sehen, ja.

Hildegard: Was mir in Erinnerung bleibt, ist die Verpflegung an der Schule. Da gab es immer Milch, Haferflocken und Kakaopulver. Dinge, die nicht jeder zu Hause hatte. Diesen damals so seltenen Geschmack werde ich nie vergessen. Vor allem von Kakao. Und aus dieser Zeit stammt auch meine Abneigung gegen rote Rüben. Wir hatten glücklicherweise einen kleinen Garten, aber unglücklicherweise gab es eben sehr sehr oft rote Rüben. Ich konnte sie nicht mehr sehen.

Paul: Wir waren 46 Kinder in der ersten Klasse. Ein Viertel hat gehungert. Und der Großteil kam wochenlang mit derselben Kleidung in die Schule.

Welche Ursachen hatte Armut damals und welche hat sie heute?

Paul: Damals war es der Krieg. Heute ist es sehr häufig die Rentnerarmut, die wir erleben. Die Rente reicht vielen Menschen nicht, um den Alltag zu meistern, obwohl sie jahrelang in die Kassen einbezahlt haben. Deshalb sind viele auf die Tafel angewiesen.

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Ist Hunger bei der Tafel auch ein Thema?

Hildegard: Ein großes! Einige Bedürftige kommen zur Ausgabe und sagen: Ich habe Hunger! Das kann man sich in München kaum vorstellen. Aber es ist die Realität.

Paul: Das macht einen ziemlich fertig, wenn man solche Sätze hört. Das erdet einen.

Hildegard: Da ist es auch egal, ob sie eine offizielle Berechtigungskarte haben, um Nahrungsmittel zu bekommen oder nicht. Wir weisen dort natürlich niemanden ab.

Warum gibt es so viel Rentnerarmut?

Paul: Ich denke, vor 20 bis 30 Jahren haben die Politiker die falschen Entscheidungen getroffen. Armut ist heute ein D-Zug und keiner kann ihn aufhalten. Es gab ja diesen unsäglichen Spruch: Die Rente ist sicher. Da frag ich heute: Ja verdammt noch mal, was ist denn da sicher? Von diesem Spruch haben sich über Jahrzehnte Politiker beruhigen lassen. Ich muss mich korrigieren: Armut ist kein D-Zug, sie ist ein ICE. Und dieser ICE fährt irgendwann gegen die Wand.

Welche Entscheidungen meinen Sie genau?

Paul: Man hätte einfache Arbeit aufwerten müssen. Sie wird nicht gut entlohnt. Und für einige ist es komfortabler, nicht zu arbeiten, weil man dann auch nicht viel weniger Einkommen hat. Das darf nicht sein. In dem Zusammenhang muss ich auch an die Gewerkschaften denken. Lächerlich, wie die immer eine Gehaltssteigerung von 1,5 Prozent als Erfolg vermarkten. Dabei steigen die Lebenshaltungskosten deutlich stärker.

Hildegard: Ich glaube, Sie werden zum Beispiel gar keine Rente mehr kriegen, wenn es so weitergeht.

Gut möglich.

Paul: Es gibt ja nicht nur die Münchner Tafel. In jeder Stadt und sogar in kleinen Orten gibt es mittlerweile eine Tafel, in ganz Deutschland! Sogar in Gebieten, die als sehr wohlhabend gelten wie in Grünwald.

Auch der Armutsbericht weist ja auf eine steigende Zahl der Armen hin.

Paul: Statistiken hin oder her. Ich mag sie nicht. Die sind doch häufig so hingebogen, wie man sie braucht. Und irgendwann brechen sie zusammen. Arbeiten Sie einen Tag bei der Münchner Tafel, sehen Sie der Armut ins Gesicht und sie wissen mehr, als Ihnen jede Statistik sagen kann. Das ist die Realität. Zahlen bilden nie die Realität ab. Statistiken dienen nur für plakative Schlagworte. Darauf pfeife ich!

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Aber die Zahlen der Münchner Tafel sind doch ein klarer Hinweis.

Paul: Sie sprechen von den 1000 bis 2000 Personen, die pro Jahr zur Tafel hinzukommen. Wissen Sie was, die Dunkelziffer ist viel viel höher, bestimmt drei oder vier Mal so hoch.

Wie kommen Sie auf eine solche Dunkelziffer?

Hildegard: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Die Schamgrenze ist sehr hoch, zur Tafel zu kommen. Ich versuche, den Leuten dann diese Scham zu nehmen und sage: Keine Sorge, hier sind alle gleich. Egal, welche Nationalität, egal, welche Hautfarbe.

Reden Sie mit den Menschen, die zur Tafel kommen, über deren Alltag?

Paul: Unbedingt. Kommunikation ist ein großes Grundbedürfnis, vor allem der Älteren.

Welche Geschichte ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Paul: Ich hielt einer älteren Dame einen frischen Salatkopf hin. Ich sagte, die seien heute besonders knackig. Ich kenne die Frau schon lange. Sie lehnte ab. Da war ich verwundert und fragte natürlich, warum. Und ihre Antwort erschütterte mich. Sie sagte, sie habe nur noch 80 Cent in der Tasche. Und das reiche nicht mehr für Öl und Essig,weil sie in dem Monat unerwartete Ausgaben hatte. Am liebsten hätte ich ihr fünf Euro gegeben und den Salatkopf. Aber das dürfen wir nicht bei der Münchner Tafel. So etwas haut dich zusammen.

Hildegard: Die Leute sind oft isoliert und haben kaum jemanden zum Reden. Es tut ihnen richtig gut, einfach nur zu sprechen.

Wie sieht der Alltag eines Tafel-Rentners aus?

Hildegard: Viele haben etwa 200 Euro netto für den ganzen Monat. Davon müssen sie aber noch zum Beispiel Medikamente zahlen. Wenn da etwas Unvorhergesehenes passiert, wissen die Leute nicht weiter. Etwas ganz Banales, wie etwa eine neue Winterjacke, die gekauft werden müsste. Dann bricht alles zusammen. Daher haben wir jeden ersten Montag im Monat eine Kleiderausgabe bei der Haidhauser Tafel. Und zum Glück haben wir mittlerweile viele Unterstützer, wie zum Beispiel Freunde beim FC Bayern oder bei Hirmer.

Spenden die Menschen lieber ins Ausland?

Paul: Ich denke schon. Und ich glaube, dass Armut in Deutschland oft unterschätzt wird. Meine Frau und ich sind ja schon seit fast zwölf Jahren bei der Münchner Tafel aktiv, weil wir an den Sinn dieser ehrenamtlichen Arbeit immer geglaubt haben. Die Medien sind bisher nie groß aufmerksam geworden. Doch jetzt wird das Thema interessanter, weil die Armut immer mehr in die Öffentlichkeit drängt.

Hildegard:Es müsste sich im öffentlichen Bewusstsein etwas tun. Einige glauben nach wie vor, die Leute, die zur Tafel gehen, sind faul. Das geht völlig an der Realität vorbei. Viele Leute können gar nicht arbeiten, aus gesundheitlichen Gründen, oder dürfen nicht arbeiten, um ihre Hilfszahlungen weiterhin zu erhalten. Und für die müssen wir da sein, für alle, die durch gesellschaftliche Raster fallen. Egal, ob Rentner, Flüchtlinge oder erfolgreiche Geschäftsleute, die einen Schicksalsschlag erleiden. Auch da kennen wir genügend Beispiele.

Die Hilfe muss also vor Ort geschehen?

Hildegard: Sie können natürlich einen Bauern in Nicaragua unterstützen. Das ist eine gute Sache. Aber man weiß halt nie, ob er das ganze Geld tatsächlich bekommt. Ich finde es deshalb sinnvoll, sich im eigenen Ort, in der eigenen Stadt bei der Tafel oder einer anderen sozialen Einrichtung zu engagieren.

Paul: Es ist enorm wertvoll, den Menschen Zeit zu schenken. Die eigene Zeit, um für die Schwächsten zu sorgen, so wie bei der Tafel. Wir schenken den Leuten unseren Montag. Egal, bei welchem Wetter oder ob ich gerade aus Buenos Aires oder China zurückkomme. Da können ja die Leute nichts dafür.

Gibt es auch Familien, die mit der Nahrungshilfe der Münchner Tafel nichts anfangen können?

HB: Bei einigen jungen Familien ist das tatsächlich so, ja. Sie kochen nicht mehr und haben sich oft an Fertignahrung gewohnt. Die stehen vor der Ausgabe und fragen, was sie mit dem Gemüse anfangen sollen. Da denke ich mir, das kann doch nicht wahr sein!

Wie viele Menschen stehen an der Haidhauser Ausgabe jeden Montag an?

Paul: Etwa 150 Personen mit den Ausweisen der Tafel. Wir vergeben Ware für etwa 400 Personen. Weihnachten habe ich 66 Kinder gezählt.

Hildegard: Einige sind regelrecht gefangen in der Armut, haben wenige soziale Kontakte. Das Schlimmste ist, wenn du nie mehr ins Kino, in ein Konzert oder ins Café gehen kannst. Armut isoliert.

Was läuft schief in Deutschland?

Hildegard: Einiges. Wie etwa die steigenden Mieten. Wenn Sie auch nicht das größte Problem sind, weil ja der Staat im Extremfall hier große finanzielle Hilfe leistet.

Wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht?

Paul: Natürlich! Schon in den 60ern und 70ern. Kaum ein Politiker hatte eine echte Vision. Es gab und gibt keine Wertigkeit der harten Arbeit. Maurer, Fliesenleger, Maler, Millionen von Hilfsarbeitern – deren Arbeit müsste viel besser entlohnt werden. Schon seit 30 oder 40 Jahren. Denn, wer nicht viel verdient, kann nicht viel einzahlen und bekommt am Ende nicht viel Rente. Ein schlimmer Kreislauf. Bald haben wir amerikanische Verhältnisse.

Was genau meinen Sie

Paul: Wir kommen gerade aus unserem USA-Urlaub zurück. Wir waren sehr verwundert, wie viele Ältere, 70 aufwärts, noch täglich arbeiten müssen, damit sie über die Runden kommen, weil eben ihre Rente nicht reicht.

Wie viele Ihrer Gäste finden irgendwann Arbeit, entfliehen der Armutsfalle?

Hildegard: Nur wenige. Etwa zwei pro Jahr. Aber auch über diese zwei freue ich mich jedes Mal wie eine Schneekönigin.

Paul: Das stimmt, das macht uns immer Mut. Und besonders freue ich mich auf der Seite der Ausgabe über all die jungen Leute, Schüler, die in ihrer sozialen Woche bei uns mit anpacken. 99 von 100 sagen danach, dass sie wieder kommen werden.

Was kann man gegen Armut tun?

Paul: Einiges. Zum Beispiel, endlich dafür zu sorgen, dass Bildung wieder in den Vordergrund rückt, weil ein Leben ohne Bildung automatisch in den Armutskreislauf führt. Das heißt: Bildung ist gleich Ausbildung. Aber der ICE, von dem ich gesprochen habe, fährt immer schneller. Es scheint: unaufhaltsam.

Armut ist die Mutter aller Gewalt, hat mal jemand gesagt. Wozu wird die steigende Armut in Deutschland Ihrer Meinung nach führen?

Paul: Das sieht man doch schon. Sie wissen, dass die AfD auch aus diesem Grund im Bundestag sitzt.

Sorgen Sie sich um die Zukunft?

Hildegard: Das kommt darauf an, wo man wohnt. Kann ich pauschal nicht sagen. Auf dem Land, wo wir wohnen, haben die Leute nicht die Ängste wie in der Stadt. Aber das Leben meiner Enkel möchte ich ehrlich gesagt nicht haben. Die werden vor deutlich größeren Problemen stehen als wir.

Paul: Ich mache mir Sorgen um den Stillstand. Denn Stillstand ist Rückschritt. Da müssen wir alle irgendwie raus. Ich hoffe, dass uns die Politiker in Zukunft nicht weiter einlullen.

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hi

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