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An den rot markierten Standorten in der Bundesrepublik soll der Beschuldigte Personen betreut haben.

Öffentlichkeitsfahndung zahlt sich aus

Pfleger unter Mordverdacht: In diesen Orten arbeitete er noch - Prozessauftakt in München

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War der Fall in Ottobrunn nur die Spitze des Eisbergs? Mit einer Öffentlichkeitsfahndung will die Polizei das Wirken eines mordverdächtigen Pflegers nachzeichnen. Zahlreiche Hinweise sind nun eingegangen.

Update vom 26. November 2016: Gegen den wegen sechsfachen Mordes angeklagten Pflegehelfer hat vor dem Landgericht München der Prozess begonnen. Der aus Polen stammende Grzegorz W. soll als ungelernter Pfleger von Agenturen in Haushalte in ganz Deutschland vermittelt worden sein. Dabei soll er binnen gerade einmal zehn Monaten zwischen April 2017 und Februar 2018 sechs seiner Patienten mit Überdosen Insulin getötet haben. Der Angeklagte ist selbst Diabetiker und verfügte deshalb über das Medikament. Der Angeklagte verweigerte zu Prozessbeginn die Aussage.

Update 7. März, 11.50 Uhr

Es waren schockierende Erkenntnisse, die die Münchner Polizei bei einer Pressekonferenz am Dienstag präsentierte. Mit einer Öffentlichkeitsfahndung wollen die Behörden das deutschlandweite Wirken des polnischen Pflegers Grzegorz Wolsztajn nachzeichnen. So will die Polizei herausfinden, ob neben einem 87-Jährigen aus Ottobrunn weitere Personen von dem skrupellosen Mann ermordet worden sind.

Der Aufruf hat seine Wirkung nicht verfehlt, zahlreiche Meldungen aus der Bevölkerung sind bereits eingegangen. Bisher sind bei der Münchner Polizei 26 Hinweise eingegangen, wie Sprecher Werner Kraus berichtet. 

Konkrete Informationen auf Aufenthalts- und Beschäftigungsorte gingen bei acht Hinweisen ein. Diese sollen sich laut Informationen unserer Redaktion für Berlin, Hannover und die Landkreise Forchheim, Fürstenfeldbruck, Tuttlingen, Kitzingen und Traunstein sowie den Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen ergeben haben. Todesfälle sind dabei jedoch bisher nicht bekannt. Der inhaftierte Pfleger schweigt zu den Tatvorwürfen.

Wie viele hat er noch auf dem Gewissen?

München - Eigentlich sollte er sie pflegen – doch stattdessen soll Grzegorz Wolsztajn seinen betagten Patienten eine tödliche Dosis Insulin gespritzt haben. Nur um an deren Erspartes zu kommen! 

Münchner Staatsanwaltschaft und Polizei veröffentlichten am Dienstag einen Fall, der vor allem Angehörige von Pflegebedürftigen schaudern lassen dürfte: Dem 36-jährigen Haushaltshelfer aus Polen wurden sechs Jahre lang in ganz Deutschland Senioren anvertraut – in mindestens fünf Fällen wollte er töten, sind sich die Ermittler sicher. In Ottobrunn soll er Mitte Februar einen 87-Jährigen umgebracht haben. Seitdem sitzt Wolsztajn in Haft.

So kamen die Ermittler dem skrupellosen Pfleger auf die Spur

Am Morgen des 12. Februar wählte der mutmaßliche Todespfleger Grzegorz Wolsztajn noch selbst den Notruf. Er habe den 87-Jährigen aus Ottobrunn leblos im Bett gefunden, berichtete er. Die Ärzte konnten dem Rentner nicht mehr helfen. Ein natürlicher Tod? Der Leichenbeschauer war skeptisch, die Mordkommission nahm die Ermittlungen auf. Noch am selben Tag untersuchten Rechtsmediziner den Toten. Ergebnis: Der Blutzuckerspiegel war extrem niedrig. Außerdem fanden sich auf dem Leichnam Einstichstellen, wie sie etwa Spritzen hinterlassen.

Verdächtiger schweigt zu den Vorwürfen

Schnell geriet Wolsztajn ins Visier. Zunächst stritt er alles ab. Bei der nächsten Vernehmung, nur einen Tag später, gab er zu, dem Senior Insulin gespritzt zu haben. Für den Polen kam erschwerend hinzu: Bei seiner Durchsuchung fanden Polizisten zwei EC-Karten des Rentners und 1210 Euro Bargeld. Außerdem eine Spritze und mehrere Ampullen mit Insulin. Haftbefehl wegen Mordes und Raubes mit Todesfolge! Wolsztajn sitzt seitdem in Stadelheim. Zu dem weiteren Tatgeschehen schweigt er.

Und der Fall wird noch dramatischer: Die Ermittler fanden heraus, dass der Pole, der über Agenturen als Haushaltshilfe an Pflegebedürftige vermittelt wurde, in ganz Deutschland aktiv war. Nachweislich hat er mindestens 20 weitere Patienten betreut (siehe Karte). Bei vier ähnlichen Fällen geht die Kripo von Mordversuchen aus. In Schleswig-Holstein könnte ihm ein weiterer vollendeter Mord nachgewiesen werden (siehe Chronologie). Die Staatsanwaltschaft will herausfinden, wo Wolsztajn noch gearbeitet hat. Weitere Opfer? Nicht ausgeschlossen! 

An den rot markierten Standorten in der Bundesrepublik soll der Beschuldigte Personen betreut haben.

Die Spur des Todespflegers

  • 10. April 2017, Burg (Schleswig-Holstein): Grzegorz Wolsztajn reist an.
  • 12. April 2017, Burg: Grzegorz Wolsztajn reist ab. Patient stirbt am selben Tag (Möglicher zweiter vollendeter Mord).
  • 25. Mai 2017, Mühlheim an der Ruhr (Nordrhein-Westfalen): Insulin gespritzt, Patient verstirbt zwei Monate später (Kausaler Zusammenhang unklar).
  • 26. Juni 2017, Weilheim (Landkreis Weilheim-Schongau): Insulin gespritzt.
  • 30. August 2017, Aresing (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen): Insulin gespritzt.
  • 21. Dezember 2017, Waiblingen (Baden-Württemberg): Insulin gespritzt.
  • 12. Februar 2018, Ottobrunn (Landkreis München): Vollendete Tat mit Insulin.

Die Tipps vom Pflegeexperten

Die Geschichte des polnischen Todespflegers Grzegorz Wolsztajn macht vielen Angehörigen von Pflegebedürftigen Angst. Wie erkennt man seriöse Vermittlungsagenturen und geeignete Haushaltshilfen? Pflegeexperte Claus Fussek gibt in der Tipps. 

„Wir sind auf osteuropäische Haushaltshilfen angewiesen“, stellt Fussek klar. Vergleichbare Leistungen gebe es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht – und falls doch, seien diese unbezahlbar. Bei der Auswahl von Pflegern oder Haushaltshilfen müsse man sich als Angehöriger immer die Frage stellen, ob man dieser Person auch sein Kind anvertrauen würde. Denn Plegebedürftige brauchen einen Menschen, der ihnen vertrauensvoll zur Seite stehe. Mit ihm teilen sie intimste Momente, sind ihm gewissermaßen ausgeliefert. Von einer Auswahl im Internet oder nur anhand von Zertifikaten solle man dringend Abstand nehmen. „Zertifikate und Zeugnisse kann man fälschen, gerade im Osten gibt es diesbezüglich Wildwuchs.“ Wichtig sei der Rat von Nachbarn, Hausärzten, Pflegediensten oder Kirchengemeinde. Und: Gute Pflege kostet. Bei Angeboten unter 2000 Euro im Monat sollte man vorsichtig sein, so Fussek.

Außerdem: Eine Krankenschwester wird verdächtigt, mehrere Frühchen mit Morphium vergiftet zu haben.

Johannes Heininger

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