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Vorbei an den Blockern: In dieser Spielszene liegen die Ruhrpott Roller Girls vorne, aber am Ende haben sie an diesem Tag das Nachsehen gegen ihre Gegnerinnen.

„Härter als Fußball“

Rollerderby: Die neue Trendsportart, die auch München begeistert

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Rollerderby – schon mal gehört? Nein? Dann wird es höchste Zeit. Über eine aufstrebende Sportart, die gerade in München immer mehr Menschen begeistert.

München - 206:104 ist es ausgegangen, als wäre es ein aus den Fugen geratenes Basketballspiel. Auf alle Fälle war es ein großer Kampf, ein großer Sieg, da muss jetzt eine Ehrenrunde sein. Ach was, gleich mehrere. Und die Zuschauer kommen herunter von den Rängen in der Städtischen Sporthalle in der Eversbuschstraße in München-Allach. Keiner lässt sich aufhalten vom Schild, dass man doch bitte nur in Turnschuhen auf die Spielfläche treten möge.

Egal jetzt, es wird gefeiert. Spalier bilden, die Spielerinnen abklatschen. Das tun die Fans des Verlierers mit den Akteurinnen des Siegers – und der eigene Anhang mit dem geschlagenen Gegner. Und dann ruft jemand „Gruppenfoto“, und alle, die dabei waren, stellen sich auf. Kollektives Lächeln. Da blitzt der Zahnschutz, jeweils in Vereinsfarbe. Blau bei den Munich Rolling Rebels, die sich auch Munich Dynamite nennen, aber eigentlich auch eine Abteilung des altehrwürdigen TSV München von 1860 sind. Rot bei den Ruhrpott Roller Girls aus Essen.

„Mit einem Ball wird hier nicht gespielt“

206:104 haben die Münchnerinnen ihr Heimspiel in der Rollerderby-Bundesliga also gewonnen. Die Hallensprecherin hat, bevor es losging, grob die Regeln erklärt und einen wesentlichen Punkt genannt: „Mit einem Ball wird hier nicht gespielt.“

Es ist überwiegend junges Publikum da. Ältere Menschen könnten sich beim Zuschauen an „Rollerball“ erinnert fühlen, einen Skandalfilm von 1975. Er bildete eine Zukunftsvision ab: Konzerne haben Staaten ersetzt, die treten gegeneinander an in einem brutalen Spiel namens Rollerball. Einen anderen Sport gibt es in dieser künftigen Zivilisation gar nicht mehr. Die Spieler auf Rollschuhen sind gepanzert, sie tragen Handschuhe mit Metalldornen, zur Musik von Johann Sebastian Bach bekriegen sie sich, drängen sich von der Bahn. „Rollerball“ war ein amerikanischer Film, auch wenn er in München gedreht wurde, etwa in der Rudi-Sedlmayer-Halle, heute unter anderem Namen Heimat der Bayern-Basketballer.

In den USA gibt es das Rollerderby schon seit den 70ern

Ulf Johann muss schmunzeln. Er ist einer von drei „Taktikberatern“, man könnte auch sagen: Trainern, bei den Munich Rolling Rebels. Johann hört öfter die Geschichte, dass die Sportart Rollerderby abgeleitet sein soll vom Film. Dabei ist es andersrum: Rollerderby hat es in den USA schon in den 70er-Jahren gegeben, es war eine Inspiration für den „Rollerball“-Film. Aber anders als beim Rollerball gibt es beim Rollerderby wie gesagt keinen Ball. Und so wild ist es nun auch wieder nicht, dass die Teilnehmer um ihr Leben fürchten müssten. Sie haben ihre Helme, die Schützer an Ellbogen, Handgelenk, Knie, den Zahnschutz und bei der Partie München – Essen blutet mal kurz eine Nase. Das ist alles.

Ulf Johann hat das Spiel in den USA gesehen, um die Jahrtausendwende herum hat es, ausgehend von einer Mannschaft in Texas, eine Renaissance erlebt. Wäre doch was für München, dachte er, schaute in Deutschland, ob es da schon was gibt. Es existierte eine kleine Szene, und nun ist sie schön gewachsen. Seit 2011 wird in München gerollt, die erste Mannschaft der Rolling Rebels („Dynamite“) ist neu in der Bundesliga, die zweite („Municorns“) kämpft in der 2. Liga.

Fast nur Frauenteams, nächstes Jahr WM

Was halt kurios ist: Rollerderby ist ein Frauensport. Weltweit sind 400 Frauenteams registriert, Männer waren anfangs nur in Positionen außerhalb (Trainer, Schiedsrichter) vertreten. Inzwischen spielen sie auch, doch bekommen lediglich um die 50 Mannschaften zusammen. Es gibt auch (Frauen-)Nationalteams und eine internationale Struktur, nächstes Jahr etwa ist Rollerderby-WM in Manchester.

„Högschde Motivation“ würde Fußball-Bundestrainer Jogi Löw einfordern – mit welchem Schlagwort sich die Münchner Rollerderby-Damen hier einschwören, ist dagegen nicht überliefert.

Die Münchnerinnen sind zudem im TSV 1860 organisiert. Sie waren zunächst eigenständig, haben aber nach einem Verein gesucht. Aus versicherungstechnischen Gründen und auch weil man leichter an Hallenbelegungszeiten rankommt. Johann: „Als dynamischer Sport mit starken Wachstumsraten waren wir interessant.“

„Wir haben auch Fußballerinnen“

Es sei gar nicht so schwer, Spielerinnen zu gewinnen, erzählt der Trainer. Regelmäßig halten die Rolling Rebels sogenannte Recruiting Days ab. Es kommen dann auch Quereinsteigerinnen aus anderen Sportarten. 

„Aus dem Skatingbereich – das ist natürlich ein Vorteil, die sind läuferisch stark“, sagt Johann. „Aber wir haben auch Fußballerinnen.“ Die brächten taktisches Geschick mit, ein Gespür für Spielsituationen – auch wenn Rollerderby eben keinen Ball hat.

Wie erzielt man Punkte? Der Gedanke hinter dem Spiel

Der Grundgedanke ist, dass auf einer Rundbahn der Jammer (einer) an den Blockern (vier Spieler des Gegners) vorbeizukommen versucht – das ergibt Punkte und führt zu den dreistelligen Ergebnissen. Dafür braucht es einen ziemlichen Aufwand: Es gibt Referees auf Rollschuhen, die wie im Eishockey gestreifte Kostüme tragen – „die Zebras“ – und die in Rosa gewandeten Non-Skating-Officials (die sogenannten Flamingos). Rollerderby ist auch ein Sport, bei dem es um Bilder geht, um Fantasie.

Wuchtzwerg, Taminator, Tiger-Lilli und Co.

Die Spielerinnen treten unter Kampfnamen an, die Schiedsrichter auch. Im Team der Rolling Rebels stehen also: Wuchtzwerg, Taminator, Tiger-Lilli, Frightengail, Fatal Morgana, California Screamin’, Fearlefanz, Dolly Bastard, Prügel Paula oder Fräulein Zunder. „Das ist vor allem für die neuen Spielerinnen reizvoll“, sagt Bee A. Baracus. Sie ist die Trainerin und spielt auch selbst mit, sie ist eine von zwei Münchner Nationalspielerinnen. In der Nationalmannschaft ist sie Sabine Barnickel. Der Grund: „Da will man dann schon seinen richtigen Namen auf dem Trikot sehen.“

Kampfname „Dr. Haumeister“: Münchens Nummer 9.

Spielerpässe wie in allen anderen Teamsportarten gibt es im Rollerderby nicht. Man habe bisher nicht den Eindruck gewonnen, es würde ein Klub tricksen, so Ulf Johann. Der Sport ist so jung, dass er noch „basisdemokratisch“ sei – obwohl es diese vielen offiziell klingenden Begriffe gibt. Benchcoach, Line-Up-Manager, Los Comandantes für die Schiedsrichter. Der Dachverband heißt WFTDA (Womens Flat Track Derby Association). Das Regelwerk entwickelt sich, gelegentlich beratschlagen die Klubs über Anpassungen.

Das Schiedsrichter-Outfit erinnert ans Eishockey.

Rollerderby ist härter als Fußball

„Wir sind ein Untergrundsport“, erklärt Sabine Barnickel alias Bee A. Baracus, „eine Community mit Herzblut, mit Leidenschaft. Von unserer Passion könnten sich Fußballer wie die vom FC Bayern was abschneiden.“ Definitiv: Rollerderby ist härter als Fußball. Es ist ein „Vollkörperkontaktsport“.

Die Einschätzung der Trainerin: Rollerderby ist ein „Vollkörperkontaktsport“.

Und verträgt sich nicht mit einem traditionellen Frauenbild. Die Rebels sprechen schon in ihrer Broschüre Klartext: „Blaue Flecken und Hinfallen sind an der Tagesordnung – nichts für Weicheier! Die Schoner stinken nach Schweiß. Da lässt sich nichts schönreden. Du zahlst weiter voll GEZ, obwohl du weder Lust noch Zeit für Fernsehen hast.“ Sabine Barnickel weiß: Man kommt ganz schön wild rüber, „weil die meisten von uns ja auch tätowiert sind“.

Die Rollerderby-Identität ist eben eine andere als im Berufsleben abseits der drei Teamtrainingseinheiten, des Fitnesstrainings, den Spielen in der Bundesliga (mit Hamburg, Dresden, Berlin, Stuttgart, Essen, Köln) und den internationalen Reisen (Metz, Liverpool, Stockholm). „Bei uns sind alle Schichten vertreten“, sagt Sabine Barnickel. Sie selbst arbeitet „für einen Reiseveranstalter im Kunden-Großvertrieb“, sie rollt und fightet zusammen mit Architektinnen, Lehrerinnen, Studentinnen, Ärztinnen, Journalistinnen. Die Mitspielerinnen sind klein, groß, athletisch, manche auch massig. Spielt keine Rolle, jede kann ihre Aufgabe finden. Die Einstellung entscheidet.

Im Rollerderby sind sie lauter wilde Weiber, oder? Mit „Rebels“ lassen sich die Münchnerinnen anfeuern. Sie rufen einander auch selbst zu: „We are blue, we are white, we are Munich Dynamite“. Rebellin? Bee A. Baracus überlegt, sie ist jetzt Sabine Barnickel und meint: „Früher war ich mehr auf Konzerten, jetzt habe ich mein Vereinsleben.“ Im Grunde ist das konservativ.

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