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Schön und günstig: In den Wohnungen der Wohnungsgenossenschaft München-West, hier im Westend, kostet der Quadratmeter durchschnittlich 6,20 Euro Foto: Achim Schmidt

Rückkehr der Genossenschaften

So sagt München den hohen Mieten den Kampf an

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Weil der Münchner Mietmarkt verrückt spielt, entdecken immer mehr Menschen eine andere Art des Wohnens und Bauens für sich: Die Genossenschaft. Die Stadt fördert die Projekte. 

München - Eine Traumwohnung, mitten in München, für eine Miete von 6,25 Euro pro Quadratmeter? Davon träumen wohl die meisten Mieter und Wohnungssuchenden in der Landeshauptstadt. Für die Glücklichen, die eine der rund 37 000 Genossenschaftswohnungen der Stadt ergattern konnten, ist dieser Traum Realität. Kein Wunder, dass die Genossenschaften eine Renaissance erleben und immer mehr Münchner zur Selbsthilfe greifen.

Das Motto: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“

„Unser Motto lautet: ,Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott’“, sagt Wogeno-Vorstand Yvonne Außmann. 1993 war die Genossenschaft aus dem Wunsch heraus gegründet worden, in der schon damals teuren Mietstadt München eine konkrete Alternative aufzuzeigen. Mittlerweile hat sie 20 Häuser mit rund 550 Wohnungen in München. „Von der schieren Größe her, ist das natürlich vergleichsweise wenig“, räumt Außmann ein, trotzdem sei der Beitrag der Genossenschaften nicht zu unterschätzen. „Wir sehen uns als ein Unternehmen, das versucht, Wohnraum der Spekulation zu entziehen. Unsere Rolle ist also eine korrigierende, was Mietpreise und Spekulation angeht.“

Das sieht auch die Stadt so – und setzt beim Kampf gegen die sich immer stärker drehende Mietpreisspirale auf die Hilfe der Genossenschaften. „Die Stadt fördert das Thema Genossenschaften aktiv“, erklärt Nathalie Schaller, Projektleiterin bei der Mitbauzentrale München. Sie berät im Auftrag der Stadt Menschen, die gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte planen. In städtischen Siedlungsgebiete bietet die Stadt 20 bis 40 Prozent der Grundstücke für Genossenschaften zu einem günstigeren Preis an. Das ist fast die einzige Möglichkeit für die Genossenschaften, einen geeigneten Bauplatz zu finden. Müssten sie ihre Grundstücke auf dem freien Markt erwerben, könnten sie ihren Mitgliedern kaum günstige Mieten anbieten. Denn die hohen Grundstückspreise sind der Haupttreiber bei den Wohnkosten in der Landeshauptstadt.

Mitarbeiter der Stadtwerke: Münchens jüngste Genossenschaft

Einen anderen Weg geht Münchens jüngste Genossenschaft. Im Mai haben Mitarbeiter der Stadtwerke sich zur Stadtwerkschaft zusammengetan. Ihr Ziel: Günstige Wohnungen für die Mitarbeiter der Stadtwerke – erbaut in Eigenregie von den Genossen. Dafür hoffen sie, ihren Arbeitgeber bei der Grundstückssuche mit ins Boot holen zu können. „Wir sind seit langem die erste betriebliche Wohnungsbaugenossenschaft in Deutschland“, sagt Aufsichtsratschef Karl Geigenberger.

Die Stadtwerkschaft knüpft damit an eine starke Tradition an, denn zu den ersten Genossenschaften gehörten vor über 100 Jahren auch die der Eisenbahner oder der Postangestellten. Die existeren noch heute – und mittlerweile bauen sie ihren Bestand auch weiter aus. „Die Nachfrage unserer 2100 Mitglieder übertrifft das Angebot an Wohnungen mittlerweile deutlich“, erklärt Claudia Haslinger von der 1908 gegründeten Baugenossenschaft des Post- und Telegrafenpersonals. Deshalb baut die Genossenschaft jetzt im Prinz-Eugen-Park in Bogenhausen 87 neue Wohnungen für ihre Mitglieder. Die werden dann in direkter Nachbarschaft zu den Genossen der Wogeno wohnen, die dort ebenfalls 82 Wohnungen erstellt.

Das Paradebeispiel ist die Siedlung am Ackermannbogen

Aus Sicht der Stadt spielen die Genossenschaften auch eine weitere wichtige Rolle in den großen Neubaugebieten: „Sie tragen mit ihren Aktivitäten zum Leben in den Quartieren bei“, weiß Schaller. Das Paradebeispiel sei die Siedlung am Ackermannbogen. Dort habe die Genossenschaft Wagnis das Quartier zum Leben erweckt. Das passt zum Selbstverständnis der Genossenschaften, die für sich in Anspruch nehmen, ihren Mitgliedern mehr als nur günstige Wohnungen anzubieten. „Unsere Projekte funktionieren als Gemeinschaftshäuser“, sagt Außmann. Gästeappartements, gemeinsame Fahrradtouren, neue Wohn- und Mobilitätskonzepte – all das gehört bei der Wogeno zum guten Ton.

Thomas Schimmel, Chef der Wohnungsbaugenossenschaft München-West, fügt hinzu: „Wir haben schon immer viel für das gute Miteinander getan.“ Gerade erst habe die größte Genossenschaft der Stadt den Verein „Generationengerechtes Wohnen“ gegründet. „Diese starke Gemeinschaft steigert die Wohnzufriedenheit und führt dazu, dass die Menschen länger in den Wohnungen bleiben und wir auch mit weniger Schäden zu kämpfen haben“, sagt Schaller. Allerdings: In eine der alten Münchner Genossenschaften hineinzukommen, ist aussichtslos. Es herrscht ein Aufnahmestopp, um die Altmitglieder bedienen zu können.

So funktionieren Genossenschaften

Die Mitglieder halten Anteile an der Genossenschaft, können aber als Mieter kein Eigentum an ihrer Wohnung erwerben. Der große Vorteil der Genossenschaft: Dauerhaft günstige Mieten sind garantiert, da Genossenschaften nicht gewinnorientiert arbeiten. Außerdem brauchen Genossenschaftsmitglieder keine Angst vor einer Kündigung wegen Eigenbedarf zu haben. Es gilt: Wer einmal in seiner Wohnung ist, kann dort bis zu seinem Lebensende bleiben. Die Höhe der Einlage ist unterschiedlich. Bei neueren Genossenschaften, die noch keinen großen Bestand haben und bauen müssen, wird es teurer. Ein Beispiel: Wer bei der Münchner Wogeno Mitglied werden möchte, muss drei Pflichtanteile von je 500 Euro zeichnen. Beim Einzug werden dann aber erneut Pflichtanteile fällig. Die Höhe ist unterschiedlich. Für eine nicht öffentlich geförderte Wohnung mit 50 Quadratmetern im Neubau werden je Quadratmeter 600 Euro fällig – insgesamt also 30 000 Euro, als Teil des Eigenkapitals für den Bau. Diese Summe ist aber nicht verloren. Zieht man aus, erhält man das Geld zurück. Stirbt man, bekommen die Erben die Einlage. Ein Austritt aus der Genossenschaft ist jederzeit möglich. Die neueren Genossenschaften wie Wogeno oder Wagnis nehmen noch Mitglieder auf. Allerdings haben auch sie inzwischen deutlich mehr Mitglieder als Wohnungen. Ein Anrecht auf eine Wohnung haben Mitglieder nicht.

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