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Norbert Ellinger und sein Team sind für viele eine wichtige Anlaufstelle.

Telefonseelsorger im Interview

„Viele haben Angst vor Weihnachten“

München - An Weihnachten hat er Hochbetrieb: Telefonseelsorger Norbert Ellinger über die Nöte der Anrufer und warum die Zahl der Helfer eigentlich nie reicht.

Das Fest der Liebe und der Familie lässt Alleinlebende ihre Einsamkeit umso deutlicher spüren. Oder es droht Streit unter dem Christbaum. Ein Gespräch mit einem Telefonseelsorger gibt Betroffenen Halt. Wir fragten nach bei Norbert Ellinger, Leiter der Telefonseelsorge beim Evangelischen Beratungszentrum (ebz) an der Landwehrstraße. Der 53-Jährige war zwölf Jahre lang Gemeindepfarrer in Freimann, ehe er 2015 zur Telefonseelsorge wechselte. Ellinger ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Wer ruft Heiligabend bei der Seelsorge an?

Weihnachten kündigt sich bei der Telefonseelsorge schon Wochen vor den eigentlichen Feiertagen an. Viele Leute rufen an und sagen, sie hätten Angst vor Weihnachten. Weil sie dann alleine sind oder weil es wohl Streit geben wird. Manche fragen konkret nach Anlaufstellen, wo sie Weihnachten verbringen können.

Im Alltag sind die Leute eingebunden, gehen arbeiten. Und an den Feiertagen sind viele alleine, weil Bekannte und Freunde bei ihren Familien sind.

Ja, genau. Für die, die bei uns anrufen. ist Einsamkeit meist kein neues Thema. Aber an Weihnachten spürt man es umso mehr, da verstärken sich die Sorgen. Für Menschen, für die die Welt in Ordnung ist, ist Weihnachten toll. Für Einsame dagegen spitzt sich die Situation zu.

Was kann der Seelsorger dann raten?

Wir können herausfinden, welche Angebote es in dessen Stadtteil gibt, wir verweisen an die Kirchengemeinden oder an Altenservicezentren. Oft geht es einfach darum, da zu sein und zuzuhören.

„An den Feiertagen fällt das alles weg“

Im Gespräch geht es also weniger um konkrete Problemlösungen?

Viele Anrufer haben ein Hilfesystem. Regelmäßige Arzttermine, Besuche in einer Selbsthilfegruppe oder auch die Arbeit. An den Feiertagen fällt das alles weg. Dann erfüllen wir die Aufgabe, dass jemand nicht alleine ist. Manche erzählen einfach. An Weihnachten kommen Erinnerungen hoch, an frühere Feste, an die Kindheit. Da kommt es auch vor, dass sich jemand einfach wünscht, mit dem Telefonseelsorger ein Weihnachtslied zu singen oder ein Lied vorgesungen zu bekommen.

Ist das für die Berater selbst überwältigend, mit welcher Kleinigkeit man Menschen helfen kann?

Die Ehrenamtlichen sagen mir immer wieder: Sie merken umso mehr, wie gut es ihnen eigentlich geht. Zu sehen, welche Schicksale und wie viel Einsamkeit es gibt, ist eine große Motivation, bei der Telefonseelsorge weiterzumachen. Ein Anrufer sagte mir einmal: Allein zu wissen, dass es die Telefonseelsorge gibt und dass er im Notfall anrufen könnte, helfe ihm oft schon.

„In der Stadt ist die Anonymität größer“

Ist die Einsamkeit das größte Problem?

Gut 50 Prozent der Anrufer leben alleine. Wir betreuen Anrufer aus München und südlich von München. Die Sorgen sind auf dem Land ähnlich wie in der Stadt. Auf dem Land ist die soziale Kontrolle stärker, da fällt es den Menschen schwerer, zu Problemen zu stehen. Die Fassade soll gewahrt bleiben. In der Stadt ist die Anonymität größer.

Ist Anonymität auch ein entscheidender Faktor, um überhaupt bei der Telefonseelsorge anzurufen?

Sicher. Im Schutz der Anonymität ist so ein Schritt einfacher. Wir sehen am Telefon nicht einmal die Nummer des Anrufers. Um beispielsweise bei einem Pfarrer zu klingeln und um ein Gespräch zu bitten oder zu einem Psychotherapeuten zu gehen – da ist die Hemmschwelle viel höher.

Wie oft darf man bei der Telefonseelsorge anrufen? Müssen Sie auch Leute abwimmeln, damit die Leitung nicht blockiert ist?

Zunächst mal gibt es kein Limit. Aber natürlich müssen wir darauf achten, dass Chancengleichheit herrscht und jeder unter der Nummer durchkommt. Etwa die Hälfte unserer Anrufer sind Mehrfachanrufende. Manche Leute würden den ganzen Tag lang mit uns reden. Da müssen wir eine Grenze setzen, damit die Leitung nicht blockiert ist. Als letzten Ausweg können wir einen Anrufer den restlichen Tag über auch einmal sperren. Es gibt Menschen, die sind in einer Dauerkrise, die können wir auch nicht lösen. Andere haben ein akutes Problem, einen wirklichen Notfall. Wenn die zweimal anrufen und nicht durchkommen, versuchen sie es vielleicht nicht wieder.

Sind Ihre Apparate also immer ausgelastet?

Wir sind seit Jahren an der Auslastungsgrenze. Wir könnten unsere Kapazitäten verfünffachen und es wäre nicht genug. In unserem Einzugsgebiet sind immer drei bis fünf Leitungen besetzt, nachts sind es zwei bis drei. 110 Ehrenamtliche sind für uns tätig, die sich in Fünf-Stunden-Schichten abwechseln.

Gibt es besonders schwierige Anrufer?

An Heiligabend kommt es gerade zu vorgerückter Stunde vor, dass Anrufer schon reichlich getrunken haben und unsere Ehrenamtlichen als Blitzableiter missbrauchen. Da kann es sein, dass die Helfer wüst beschimpft werden – da darf man nicht zimperlich sein, man darf das nicht persönlich nehmen. Man muss es sich aber auch nicht gefallen lassen und kann das Gespräch abbrechen.

„Bei drei Prozent der Anrufer geht es um Suizidalität“

Was tun Sie, wenn jemand mit Suizid droht?

Diejenigen, die den Entschluss schon gefasst haben, die rufen nicht mehr bei der Telefonseelsorge an. Aber bei denen, die noch einen Restzweifel haben, die ambivalent sind, haben wir eine Chance. Meist fallen Sätze wie: „Am liebsten wäre ich nicht mehr da.“ Dann versuchen wir auszuloten, wie konkret die Suizidgedanken bei dem Betreffenden sind. Insgesamt macht das aber nur einen kleinen Teil unserer täglichen Arbeit aus. Bei drei Prozent der Anrufer geht es um Suizidalität.

Brauchen die Helfer selbst auch Hilfe?

Die Ehrenamtlichen bekommen Inter- und Supervision. Das heißt, sie tauschen sich untereinander aus und werden auch selbst beraten. Die meisten von ihnen haben gut gelernt, sich vom Gehörten abzugrenzen, wenn sie nach der Schicht nach Hause gehen. Deswegen ist es auch wichtig, dass sie nicht von zuhause aus, sondern in der Telefonseelsorge-Stelle telefonieren. Schwierig ist für die Helfer zum Beispiel, wenn sie einen Lösungsweg für den Anrufer sehen, dieser aber nicht dazu zu bewegen ist.

Gibt es hoffnungslose Fälle?

Solange jemand bei uns anruft, ist er kein hoffnungsloser Fall.

„Jugendliche melden sich lieber über den Chat“

Rufen auch Kinder an?

Kinder auch, vor allem aber Jugendliche. Da geht es um Familie, Freundschaften, selbstverletzendes Verhalten. Jugendliche melden sich lieber über den Chat. Da ist die Schwelle, über Probleme zu kommunizieren noch niedriger, als wenn man am Telefon darüber spricht. Manche Sachen sind so schlimm, dass man sie leichter schreiben als aussprechen kann. Außerdem ist es eine Kulturfrage. Die Jugend tippt und schreibt heute mehr, als dass sie telefoniert.

Was muss man als Telefonseelsorger mitbringen?

Man braucht eine bestimmte Belastungsfähigkeit, und es schadet nicht, wenn jemand selbst schon Krisen durchlebt hat. Man braucht Flexibilität, Offenheit, Toleranz, Empathie und die Fähigkeit, Menschen wertzuschätzen und sie nicht zu beurteilen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu einem eigenen Urteil zu verhelfen. Zudem werden die Helfer geschult, wenn es um juristische Fragen geht oder ein Verbrechen vorliegt. Denn die Anonymität ist unser höchstes Gut.

Bei der Telefonseelsorge finde Hilfesuchende kompetente Beratung – kostenlos, rund um die Uhr. Hier eine Auswahl an Angeboten:

Evangelische Telefonseelsorge: 0800 - 1110 111

Katholische Telefonseelsorge: 0800 - 1110 222

Internet: www.telefonseelsorge-muenchen.de

Nummer gegen Kummer (nicht rund um die Uhr):

Kinder und Jugendliche: 116 111, für Eltern: 0800 -1110 550

Internet: www.nummergegenkummer.de

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