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Georg Schlagbauer, Wiesn-Stadtrat und Handwerkskammer-Präsident, hat offenbar Kokain konsumiert und Bordelle besucht.

CSU-Stadtrat stolpert über Koks-Affäre

Der tiefe Fall des Hoffnungsträgers Schlagbauer

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München - Keiner hat etwas geahnt: Georg Schlagbauer, Wiesn-Stadtrat und Handwerkskammer-Präsident, hat offenbar Kokain konsumiert und Bordelle besucht. Schlagbauer hat sich selbst angezeigt. Am Donnerstag legte er alle seine Ämter nieder. Die CSU verliert einen ihrer Hoffnungsträger.

Am Montagmorgen ist in der Rathaus-CSU alles wie immer. Um 9 Uhr beginnt die Arbeitswoche mit dem Fraktionsvorstand. Im Sitzungszimmer sitzt Bürgermeister Josef Schmid mit den zentralen Stadträten seiner Fraktion zusammen. Wie immer dabei: Georg Schlagbauer, 44, Wiesn-Stadtrat und einer von Schmids wichtigsten Leuten. Es geht um die Tram-Westtangente, Elektromobilität. Themen, die Schmid und Schlagbauer seit langem begleiten. Schlagbauer sei „gut drauf gewesen“, heißt es von Teilnehmern. „Er wirkte gar nicht angeschossen, war angriffslustig wie immer“. Und: „Nichts hat auf einen Rücktritt hingedeutet."

Doch 72 Stunden nach Ende der Sitzung tritt Schlagbauer von allen seinen öffentlichen Ämtern zurück – auch als Handwerkskammer-Präsident. Eine Hamburger Kanzlei verschickt in seinem Auftrag eine entsprechende Presseerklärung. Aus „dringenden gesundheitlichen und familiären Gründen“, heißt es darin, habe Schlagbauer sich dazu entschlossen, seine Ämter mit sofortiger Wirkung niederzulegen. „Zum Schutz seiner Privatsphäre und seines Familienlebens“ werde Schlagbauer keine näheren Auskünfte erteilen. Der Rücktritt erfolge „auch zum Schutz der Würde der jeweiligen Institutionen und Gruppierungen vor einer Belastung durch eine öffentliche Diskussion über Gesundheit und Familienleben“ Schlagbauers. Privates, betont der Anwalt, habe „zu keinem Zeitpunkt Auswirkungen auf seine Amtsführung gehabt“.

Vielleicht glauben Schlagbauer und sein Anwalt tatsächlich, Spekulationen so abwürgen zu können. Doch sie täuschen sich, das wird am Mittag schnell klar. Die Staatsanwaltschaft bestätigt auf Nachfrage, dass Ermittlungen laufen – wegen des Verdachts des Erwerbs von Betäubungsmitteln. In Partei- und Rathauskreisen ist da bereits konkret von Kokain die Rede. Und von Bordellbesuchen. Angeblich hat Schlagbauer dort auch immer wieder nicht bezahlt und erhebliche Schulden angehäuft. In Polizei-Kreisen ist laut tz von 14 700 Euro die Rede, die er alleine bei einer Prostituierten im Bordell „Extasia“ haben soll. Am Mittwochabend um 22 Uhr sei demnach Schlagbauers Privatwohnung durchsucht worden. Er selbst hat laut tz angegeben, die Drogen im „Extasia“ gekauft zu haben. Die Polizei fand dort allerdings nur eine sehr kleine Menge Kokain. In den Tagen zuvor war nur ein kleiner Kreis an vorderen CSU-Leuten in Schlagbauers Rücktritts-Absicht eingeweiht, selbst Kollegen, die ihm seit Jahrzehnten nahe stehen, traf die Nachricht überraschend.

Dem Vernehmen nach ist der verheiratete Vater von zwei Töchtern mit seinen Rücktritten in die Offensive gegangen, weil er mit konkreten Nachfragen von Journalisten konfrontiert war und eine Veröffentlichung fürchtete. In der Fraktion war Schlagbauer beliebt, er galt als ein Hoffnungsträger der Münchner CSU. Der Metzgermeister aus dem Glockenbachviertel galt als sehr fleißig. Bei einer Krisensitzung der Stadtrats-Fraktion am Donnerstagmittag soll eine bedrückte Stimmung geherrscht haben. Es gibt bei den Kollegen Empathie für den plötzlich gestürzten, langjährigen Kollegen. Doch öffentlich mag keiner viel Nettes sagen, offenbar auch aus Angst davor, dass die Vorwürfe erst der Anfang sind – und in den kommenden Tagen möglicherweise noch deutlich schwerwiegendere Verfehlungen im Raum stehen könnten. Gerüchte gibt es am Donnerstag auf jeden Fall viele. Partei und Fraktion hoffen nun, dass die Fakten bald auf dem Tisch liegen. CSU-München-Chef Ludwig Spaenle nennt den Rücktritt „notwendig und unausweichlich“. Bürgermeister Josef Schmid sagt, der Rücktritt sei „der Sachlage angemessen und folgerichtig“. Schmid erklärt auch, er wünsche Schlagbauer, „dass er nun Zeit und Ruhe findet, seine persönlichen Probleme in den Griff zu bekommen“. Für die CSU insgesamt ist es der zweite Tiefschlag in dieser Woche. Fall eins: der Rücktritt des Nürnberger Landtagsabgeordneten Michael Brücker wegen der Sex-Affäre mit einer 16-Jährigen. Nun also die Münchner Koks-Affäre – die so gar nicht zur restriktiven Drogenpolitik der Konservativen passt. „Sehr ernst, sehr ärgerlich“, sagt Parteichef Horst Seehofer nun. „House of Cards“, stöhnt einer aus der Parteiführung und spielt an auf die US-Serie um Intrigen und Affären in der Politik.

Die deutlichste Unterstützung bekommt Schlagbauer nicht aus der CSU, sondern von anderer Seite. Grünen-Fraktionschef Florian Roth schwärmt vom „geschätzten Kollegen“. Benjamin David von den „Urbanauten“ schreibt: „guter Mann“. Fassungslos sind die Mitarbeiter in der Handwerkskammer. Man habe selbst erst durch die Mitteilung aus Hamburg vom Rücktritt erfahren, heißt es. „Wir stehen unter Schock und wissen bisher auch nicht weiter“, sagt einer. Schlagbauer war seit 2014 Präsident der Kammer für München und Oberbayern, außerdem Präsident des Handwerkskammertags und damit Spitzenfunktionär des gesamten bayerischen Handwerks mit seinen über 100.000 Betrieben. Das Amt des Handwerkskammer-Präsidenten übernimmt nun bis zur Vollversammlung zunächst Vize Franz Xaver Peteranderl, Bauunternehmer aus Garching.

Im Stadtrat rückt nach Liste Alexandra Gaßmann, 48, nach. Die Laimerin ist Mutter von neun Kindern und Vorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien. Lange im Stadtrat wäre Hoffnungsträger Schlagbauer aber wohl ohnehin nicht geblieben. Er sollte 2018 den neuen Landtags-Stimmkreis Innenstadt für die CSU holen. Der schien wie zugeschnitten für den ambitionierten Metzgermeister. Nun muss die Partei hinter den Kulissen einen neuen Kandidaten suchen. Als Favorit gilt Stadtrat Hans Theiss. Schlagbauer ist am Donnerstag schon nicht mehr im Rathaus dabei. Am Montag wird die CSU ohne ihn in die nächste Rathaus-Woche starten. Es wird kein normaler Arbeitstag. Sondern einer, an dem die CSU sich um ihre eigenen Probleme kümmern wird. Sie hat keinen Wiesn-Stadtrat mehr. Und einen neuen Skandal am Hals.

Lesen Sie einen Kommentar von Felix Müller.

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