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Christian Vorländer.

SPD-Stadtrat

Christian Vorländer: Der Mann, der Fernsehen und Politik macht

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München - Christian Vorländer ist jede Woche auf Sat 1 zu sehen: in seiner Fernsehrolle als Anwalt. Jurist ist er auch im echten Leben. Und Stadtrat der SPD. Über einen, der sehr idealistisch und sehr emotional ist – und der ziemlich gerne im Mittelpunkt steht.

Der Fotograf weiß gar nicht wie ihm geschieht. Aber Christian Vorländer lässt nicht locker. „Glauben Sie mir“, sagt der Mann mit dem markanten Glatzkopf. „Ich weiß, was Sie brauchen.“ In den Büroräumen des Kreisjugendrings findet an diesem Mittag Anfang Januar eine Pressekonferenz statt. Der Fotograf hat seinen Job gemacht, ein Bild von den Aktivisten der Demo gegen Pegida auf dem Podium. Jetzt will er zum nächsten Termin weiter. Aber Vorländer lässt ihn nicht. „Glauben Sie mir“, sagt Vorländer nochmal. „Es wird sich lohnen.“ Am Ende ist der Fotograf überzeugt und bleibt. Wenige Minuten später steht Vorländer am Podium. Er packt seinen Ausweis aus, zeigt auf seinen Geburtsort Beirut und erzählt, dass seine Familie einst selbst geflohen ist – vor dem Bürgerkrieg im Libanon. Vorländer stehen die Tränen in den Augen. Die Kameras klicken. Am nächsten Tag ist das Foto in den Zeitungen.

Vorländer, 41, sitzt seit Herbst für die SPD im Stadtrat. Sein Gesicht kennen die meisten Menschen aber aus dem Fernsehen. Dort hat er viele Jahre eine Rolle in der Gerichtsshow „Richter Alexander Hold“ gehabt. Inzwischen ist er in der Reality-Soap „In Namen der Gerechtigkeit“ einmal die Woche auf Sat 1 zu sehen. Vorländer ist jemand, der sehr emotional ist, Menschen für sich begeistern kann, er kennt die Macht der Worte und die der Bilder. All das ist nicht unbedingt typisch für einen Münchner Stadtrat. Rund um die Wahl im Herbst war sich mancher im Rathaus noch nicht sicher, was er von ihm halten solle. Ob der TV-Anwalt wirklich Politik kann, war die eine Frage. Ob Vorländer, der sich in der Vergangenheit gelegentlich deutlich im Ton vergriffen haben soll, für Skandale gut ist, die vielleicht beängstigendere für die SPD.

Nach fast einem Jahr im Rathaus aber hat er sich viel Respekt erarbeitet. Spricht man etwa mit SPD-Fraktionschef Alexander Reissl, durchaus ein hemdsärmliger Anpacker, über die Hoffnungsträger in seiner Truppe, dann fällt sehr bald der Name des TV-Anwalts. Dessen Beliebtheit reicht über die SPD hinaus. Das Flüchtlingsthema, der Kampf gegen Rechts, die Rechte Homosexueller: Vorländers Herzensthemen sind linke Themen. Und da arbeitet er über Parteigrenzen hinweg. Zum Beispiel mit Thomas Ranft von der Piratenpartei und Marian Offman von der CSU. Beide schwärmen von der Zusammenarbeit. „Sehr eng und sehr vertrauensvoll“, sei die, sagt Offman – ungewöhnlich positive Worte eines Christsozialen über einen SPD-Kollegen.

Vorländer wird es zufrieden vernehmen. Ein paar Wochen nach dem emotionalen Foto-Termin steht er im kleinen Kellerraum eines Reihenhauses in Garching. Die Luft ist stickig, der Kaffee wird aus Riesen-Thermoskannen in Pappbecher geschüttet, am Boden lümmelt ein Teenager, der auf seinem Smartphone herumstreicht. Es ist Freitag. Und Freitag ist bei Vorländer Drehtag. Heute dreht er Szenen in dem Privathaus. Die Serie, die täglich ausgestrahlt wird, entsteht unter großem Zeitdruck. Vorländer wartet hier auf seinen Einsatz, während das Team der Sendung nervös herumsaust. Er lernt hier noch schnell seinen Text für die Szene. Der Teenager ist nur ein Komparse, die anderen Darsteller teils recht unerfahren. Vorländer nimmts gelassen. „Ich bin immer der Hauptdarsteller“, sagt er über die Episoden, in denen er mitspielt. Doch irgendwie ist das auch draußen, in der Politik, sein Anspruch. Manchmal gehe „schon ganz schön der Eifer mit ihm durch“, sagt einer aus der SPD. Vorländer sagt, er habe im ersten Jahr im Rathaus „allen gezeigt, dass ich etwas auf dem Kasten habe“.

Man fragt sich, wo Vorländer seine Zeit hernimmt. Der Mann lässt sich auf sehr, sehr vielen politischen Terminen sehen. Zwei Zwölf-Stunden-Drehtage jede Woche kommen dazu, als Strafverteidiger im echten Leben verteidigt er auch mal einen Mörder. Kritik an seinen 15-Uhr-Filmen mag er gar nicht. Man habe Anspruch, mache Gesellschaftspolitisches, wolle dem Zuschauer „auch Orientierung geben“, sagt er – und, dass er seine Praxiserfahrung aus mehr als zehn Jahren als Anwalt beim Spielen einbringen könnte. Sieht man ihm beim Drehen zu, ist da tatsächlich ein Mann, der sich über Kleinigkeiten Gedanken macht. Der will, dass eine Szene noch einmal gedreht wird, weil er doch gerne anders dastehen will. Vorländer sticht auch unter den Fernsehleuten heraus. Eine Schauspielausbildung hat er nie gemacht. Schon mit 15 trat er hingegen in die SPD ein („mit Sondergenehmigung!), mit 18, noch Schüler am humanistischen Wilhelms-Gymnasium, wurde er das erste Mal in den erweiterten Vorstand der Münchner SPD gewählt „Ich wollte schon damals Politiker werden!“, sagt er.

Erstmal aber wurde er Anwalt und TV-Anwalt. Später scheiterte er als Bundestagskandidat im Münchner Süden. Jetzt ist Vorländer Stadtrat. „Von mir aus kann es für immer so weiter gehen wie jetzt“, sagt er. „Ich bin absolut erfüllt und glücklich.“ Man kann Vorländer glauben, dass er sich auch in vielen Jahren noch als einfacher Stadtrat im Rathaus sieht. Muss man aber nicht.

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