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Hans Hien hebt ab. Der Westendler freut sich über die Gestaltung des Bahndeckels.

Ist das noch unser München? Teil 9 der Serie

Münchens Süden und Westen: Dorfplatz der Generationen - und welche Chancen ein neuer Stadtteil bringt

Teil 9 unserer München-Serie widmet sich dem Südwesten der Landeshauptstadt. Hier geht es beschaulich zu - doch auch vor ambitionierten Projekten wird nicht zurückgeschreckt.

München - Viel Grün, die Isar vor der Tür und reichlich Platz: Im Südwesten Münchens lässt es sich leben. So wie in Forstenried: naturnah und beschaulich. Oder im Westend: städtisch, aber trotzdem bodenständig. Bürger und Stadtteilpolitiker setzen sich dafür ein, dass dieses Lebensgefühl erhalten bleibt. Eine Mammut-Aufgabe: Denn Filetviertel wecken Begehrlichkeiten. Lesen Sie hier, wo die Bewohner versuchen, das Gesicht ihres Stadtteils zu bewahren und in welchen Vierteln im Münchner Südwesten die Vergangenheit noch heute greifbar ist.

Aufschwung im Westend

Hans Hien hat Grund zur Freude. „Fast alle unsere Forderungen sind heute verwirklicht“, sagt 58-Jährige zufrieden. Der Westendler war 1996 Mitglied des „Bürgerbündnisses Messenachnutzung“. Die Gruppe war entstanden, als klar war, dass die Messe von der Theresienhöhe nach Riem ziehen würde. Die größte Angst der Anwohner damals: „Dass sich eine Art Beverly Hills vom Westend bildet und wir Angestammten hinten runterfallen.“ Um das zu verhindern, wurden Hien und seine Mitstreiter aktiv. „Wir haben an alle Parteien Flugblätter verteilt und unsere Pläne zur Nachnutzung des Messegeländes vorgestellt.“ Die Bürger wussten genau, was sie wollten: keine Blockrandbebauung, keine Abschottung des Viertels. Dafür viel Grün, ein Gasthaus mit Biergarten, frei zugängliche Parks und eine Verbindung vom Messepark zum Westpark. „Das meiste wurde umgesetzt. Nur den Messepark hätten wir gern größer gehabt.“ Nach dem Wegzug der alten Messe entstand auf dem Areal ein neues Quartier mit rund 1500 Wohnungen und etwa 4000 Arbeitsplätzen. Das Herzstück bilden heute der Bavariapark und drei denkmalgeschützte Ausstellungshallen, die für das Verkehrszentrum des Deutschen Museums umgebaut wurden. An dem gelb-orangen Wohnturm des Architekten Otto Steidle scheiden sich die Geister. Hien findet ihn schön: „Ich mag das Hochhaus. Außerdem bezieht es sich auf alten Messeturm.“ Der Steidle-Turm ist ein sprichwörtlich leuchtendes Beispiel für moderne Architektur in einem Viertel, in dem die Bewohnerstruktur trotz Neubau bunt und bodenständigt ist – noch… „Wir haben hier einen hohen Anteil an Genossenschaftswohnungen. Das ist unser Glück.“

Auf dem Gelände der alten Messe ist ein großzügiges Wohnquartier entstanden.

Ein Paradies im Umbruch

Als Christel Festl vor 20 Jahren in die Alte Heimat zog, war es Liebe auf den ersten Blick: „Es war so schön grün!“, schwärmt die 72-Jährige. Die Siedlung am Kiem-Pauli-Weg in Laim wurde 1959 für Münchner gegründet, die nach dem Krieg nicht in ihre zerbombten Häuser zurück konnten. Heute ­gehört sie zu den wenigen Orten in München, die sich kaum verändert haben. Bis jetzt. Als bekannt wurde, dass saniert werden muss, war der Aufruhr unter den Mietern groß. „Wir haben gedacht, die wollen hier alles abreißen“, erzählt Festl. Doch die Mieter sind kampferprobt. Christel Festl, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, hatte sich schon 2014 einen barrierefreien Zugang zum Haus erstritten – ihre „Schlossallee“. Nun sitzt sie im Arbeitskreis Alte Heimat (AHA) und mischt wieder mit in Sachen Sanierung. 

Christel Festl: „Ich brauche gar nicht zu sterben, ich habe hier schon das Paradies.“

Der AHA trägt die Sorgen und Wünsche der Bewohner an die Gewofag und die Stadt weiter. „Uns ist wichtig, dass das Grün erhalten bleibt und dass die Mieten nicht so arg erhöht werden“, sagt sie. In der Alten Heimat haben die Leute nicht viel Geld, erklärt Festl: „Der Grundgedanke der Stiftungssiedlung ist es, den Schwächeren zu helfen – das soll so bleiben.“ Von den 600 Wohnungen sollen 140 abgerissen und durch neue Gebäude ersetzt werden. „260 Wohnungen kommen hinzu“, sagt Festls Nachbarin Irene Lukas, ebenfalls AHA-Mitglied. Momentan gebe es nur kleine Wohnungen – zu wenig Platz für Familien. „Wir hoffen, dass die Siedlung etwas stärker durchmischt wird.“ Dass das Quartier seinen familiären Charakter verliert, glauben die Frauen nicht. „Wenn es Leuten schlechter geht, halten sie zusammen. Das ist so“, meint Festl.

25.000 neue Nachbarn

Aubing bekommt neue Nachbarn – nicht weniger als 25.000. Bezirksausschusschef Sebastian Kriesel (CSU) spricht im tz-Interview über Herausforderungen und Chancen, die sich durch den neuen Stadtteil Freiham ergeben. 

Was bedeutet die Entstehung Freihams für Aubing? 

Sebastian Kriesel: Es sind unterschiedlichste Herausforderungen zu bewältigen: Verkehr, soziale Infrastruktur, Schulversorgung. 

Was ist die größte Hürde? 

Kriesel: Die bisher unzureichende Verkehrserschließung. Freiham klebt an Aubing dran – eine neue Stadt mit 25 000 Einwohnern! Und sie ist nur an drei Punkten angebunden. Das ist eigentlich ein Wahnsinn. 

Was fordern Sie? 

Kriesel: Der Aubinger Ortskern muss geschützt werden! Die Bürger haben Angst vor Schleichverkehr. Wenn wir unsere Lebensqualität in Aubing erhalten wollen, dürfen wir den Verkehr nicht durch die Wohnstraßen leiten. 

Wie sieht es mit dem öffentlichen Personennahverkehr aus? 

Kriesel: Wir kämpfen schon ­lange dafür, dass die U5 über das Westkreuz und Neuaubing bis nach Freiham weitergebaut wird. Da sind sich alle Fraktionen im Bezirksausschuss einig! 

Warum passiert das nicht? 

Kriesel: Weil eine Tram geplant ist. Aber eine Erschließung mit der Tram ist bei weitem nicht ausreichend. 

Freuen Sie sie sich gar nicht auf die neuen Nachbarn? 

Kriesel: Doch! Wir wollen schnell zusammenwachsen. Freiham darf kein Satellitenviertel werden. Bislang werden wir als Randbezirk etwas stiefmütterlich behandelt, haben keine weiterführende Schule. Durch Freiham wird die Infrastruktur besser.

Dorfplatz der Generationen

Die Familie Jaskolka hatte ein Problem: Als Gabriel in die Schule kam, war der Weg zum Hort noch neu für den Sechsjährigen. „Mein Mann und ich konnten ihn nicht abholen, weil wir beide arbeiten“, erklärt Gabriels Mama, Judyta Jaskolka. Doch zum Glück gibt es Roswitha Weber und Christiane Voigt: Die Nachbarinnen sprangen ein und begleiten Gabriel abwechselnd. Wie gelebte Nachbarschaft in einer Großstadt funktionieren kann – dafür ist der spontane Schulwegdienst der Bewohner des Mehrgenerationenplatzes an der Forstenrieder Limmatstraße ein gutes Beispiel. 

Sicher zum Hort: Christiane Voigt und Gabriel.

Neben der Wogeno-Wohnanlage befindet sich dort auch eine Waldorfschule. Das Konzept im Quartier: Junge und alte ­Bewohner begegnen sich auf dem „Dorfplatz“, man kommt ins Gespräch, hilft sich im ­Alltag.„Bewohner-Partizipation ist eine unserer Grundfesten“, sagt Yvonne Aussmann von der Wogeno. Christiane Voigt und Roswitha Weber sind als Haussprecherinnen das Bindeglied zwischen den Bewohnern und der Genossenschaft. Für die Rentnerinnen war der Weg mit dem Nachbarsbuben Gabriel eine nette Abwechslung. „Man hat als älterer Mensch ja nicht mehr so viel Kontakt zu Kindern“, sagt Roswitha Weber. Gabriels Papa hat sich zwischenzeitlich revanchiert: Er baute bei Roswitha Weber einen Schrank auf. „Das ist doch eine Selbstverständlichkeit“, sagen die Jaskolkas.

Der Wald dient allen

Wilhelm Seerieder (57) hat die Aufsicht über 18.350 Hektar staatlichen Forst im Münchner Süden. Hier blickt der Betriebsleiter der Bayerischen Staatsforste in die Zukunft von Münchens grünen Lungen. 

Wilhelm Seerieder: „Der Klimawandel bedroht die Münchner Wälder.“

Herr Seerieder, was bedeutet der Wald für München? 

Wilhelm Seerieder: Der Waldgürtel im Süden reguliert das Klima. Denn es findet ein ständiger Luftaustausch zwischen Stadt und Wald statt. 

Sind die Forste bedroht? Zum Beispiel durch den Baudruck? 

Seerieder: Zum Glück nicht. Die meisten Wälder in und um München sind Bannwald – ihre Existenz ist gesetzlich gesichert. Problematischer sind die vielen Mountainbiker, die auf wilden Trails fahren. 

Ist auch die Klimerwärmung ein Problem für die Münchner Wälder? 

Seerieder: Ja. Momentan haben wir noch 50 Prozent Fichtenbestand. Die Fichte braucht aber ein kühl-feuches Klima und kommt mit unseren trockenen Sommern nicht mehr zurecht. Deshalb bauen wir den Wald um – hin zum Mischwald mit mehr Laubbaum-Arten. 

Wem haben wir die Wälder eigentlich zu verdanken? 

Seerieder: Dass die Wälder noch bestehen, verdanken wir den feudalen Jagden – der Adel nutzte sie exklusiv für sein Jagd­vergnügen. Früher war der Wald also ein elitäres Hofjagdgebiet, heute dient er zum Beispiel im Forstenrieder Park dem Allgemeinwohl. Das gefällt mir.

Das Erbe der Siemensianer

Wo heute die Wohntürme der „Südseite“ stehen, war früher ein riesiger Parkplatz. Werner Graus weiß das noch. „Am Standort Hofmannstraße waren zu Spitzenzeiten bis zu 27.000 Mitarbeiter tätig“, sagt der ehemalige Siemensianer. Der Vorsitzender des Siemens Tennis Club München (STC) hat das sportliche Erbe des Konzerns bewahrt. 1968 trat Graus bei Siemens ein. Er blieb der Firma sein ganzes Berufs­leben lang treu – bis 2001. Um die Jahrtausendwende gab Siemens den Standort auf. Tausende Wohnungen sind seither auf den ehemaligen Werksgeländen entstanden, viele weitere sind geplant.

Werner Graus erinnert sich an bis zu 27.000 Mitarbeiter am Standort in der Hofmannstraße.

 Fast wäre auch der rund 14 Hektar große Hermann-von-Siemens-Sportpark den Neubauten geopfert worden: 2011 kündigte Siemens den mehr als 20 Vereinen mit ihren fast 2000 Sportlern und schloss den Sportpark. Der STC blieb als eingetragener und deshalb für alle offener Verein erhalten. Er kämpfte jahrelang dafür, dass die Landeshauptstadt den Sportpark inklusive STC übernimmt. Denn, so Graus: „Sport- und Freizeitflächen sind Mangelware im Münchner ­Süden, gerade angesichts des enormen Zuzugs. Das haben wir gemerkt, als wir in den Schulen für Tenniskurse geworben hat. Der Zulauf war riesig“, berichtet der Rentner. Im vergangenen September folgte die große Erleichterung: Die Stadt übernahm den Park und überplant ihn jetzt neu. Werner Graus bleibt am Ball: „Der Park hat eine große Bedeutung. Nicht nur als Sport-, Freizeit- und Erholungsgelände für die Bürger im Süden, sondern auch als unbebaute Klimaschleuse.“

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“ 

Stadt der Zuagroasten und Singles: So haben sich die Münchner verändert 

Münchner Stadtbild: Architektur damals und heute unter der Lupe 

Sie führt einen der letzten Tante-Emma-Läden Münchens – Einrichtung von 1950 

Unser Dialekt stirbt aus: In München redet fast keiner mehr Bairisch 

Es lebe der Sport: Früher und heute - was bewegt München? 

Ausgebusselt: Ist die Münchner Schickeria am Ende? 

Wie gemütlich ist München (noch)?

Der Umbruch im Münchner Norden und Osten

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