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Hier gibt’s Bares für Rares: Wir haben dem Chef des Leihhauses über die Schulter geschaut.

Hier gibt’s Bares für Rares

Was Münchner im Pfandleihhaus alles zu Geld machen

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Die Schätze im Pfandleihhaus – hier gibt’s Bares für Rares: Wir haben dem Chef des Leihhauses über die Schulter geschaut und erfahren, was die Münchner alles zu Geld machen. 

Über steinerne Stufen führt der Weg hinein in eine funkelnde Welt. Eine Welt aus Goldstücken, Diamantringen und Taschenuhren. Wer seinen Fuß in Käfers ­Leihhaus in der Bayerstraße setzt, hat meist ein klares Ziel vor Augen: Er braucht Geld – möglichst viel, möglichst schnell. Thomas ­Käfer ist der Mann, der Rares in Bares verwandelt. Gegen eine Gebühr vergibt der 57-Jährige Kredite. „Wir leben in einer Welt, in der jeder alles haben will, ohne das nötige Kleingeld zu ­besitzen“, erzählt der Münchner. In solchen Fällen kommt Käfer ins Spiel. Wir haben dem Chef des Leihhauses über die Schulter geschaut und erfahren, was die Münchner alles zu Geld machen. 

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Ein echter Quotenhit

Bares für Rares: Ein echter Quotenhit mit Horst Lichter.

Alte Puppenhäuser, Taschenuhren und Juwelen – seit mehr als fünf Jahren wird vor der Kamera gestöbert und gefeilscht. Zum Beispiel in der sehr erfolgreichen ZDF-Trödelshow Bares für Rares mit Horst Lichter . Die Faszination reißt nicht ab: Offenbar sorgen die Gegenstände nicht nur für ­Dollarzeichen in den Augen, ­sondern auch für Nostalgiegefühle.

Hier lagert Elektronik-Pfand

Smartphones, Tablets, Laptops. Im hinteren Bereich des Leihhauses stapeln sich Elektrogeräte. In der Regel haben die Kredite eine Laufzeit von vier Monaten. „Nach Ablauf der Frist dürfen wir die ­Gegenstände versteigern“, sagt der Chef Thomas Käfer. Vor allem ­Handys landen in Massen unterm Hammer. „Der Markenwahnsinn treibt vor ­allem die Jugendlichen dazu, Kredite abzuschließen. Ein iPhone hier, eine Chanel-Tasche da… Wir haben zum Teil Kunden, die ihr neues Handy beleihen ­müssen, um die Raten dafür ­bezahlen zu können.“

Silberkettchen und ein altes Erbstück

Käfer's Leihhaus

Nach einer Krankheit, die ihn wochenlang ans Bett gefesselt hat, ist Stano­jevic Bratislav ­aufgefallen, dass er ­seine Miete seit zwei Monaten nicht mehr ­bezahlt hat. Aus Angst vor einer Kündigung ist der 78-Jährige gestern ins Leihhaus gegangen. „Ich brauche 600 Euro“, erzählt er, „am besten gleich heute.“ Um möglichst schnell an Bargeld zu kommen, durchsuchte er seine Schränke nach Wertgegenständen. Zum Vorschein kamen Goldringe und Silberkettchen im Wert von 325 Euro. Außerdem eine alte Uhr, ein Erbstück. Als der Rentner seinen Kreditvertrag im Leihhaus abschließen will, bemerkt er, dass er seinen Ausweis vergessen hat. Und die Regeln besagen: Nur, wer sich ausweisen kann, bekommt ­Bares für Rares. Er muss also noch mal wiederkommen.

Geld für die MVV-Karte

Yori Simeonov (21) weiß, wie es läuft. Drei Mal hat er sein Handy in den vergangenen Monaten vorbeigebracht, zwei Mal den Goldring seiner Frau. Heute hat er wieder einen Ring dabei. Von den 45 Euro, die ihm das Leihhaus für das Goldstück gegeben hat, kauft er sich eine Wochenkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Sobald er im April sein Gehalt hat, will er den Ring wieder abholen. „Ein Leihhaus ist eine tolle Sache – schnell, kurzfristig und unkompliziert.“

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Ihr wichtigstes Werkzeug ist die Erfahrung

Käfer's Leihhaus

Seit acht Jahren nimmt Regina Huber Goldkettchen, Diamantringe und Uhren unter die Lupe. Gold-Gegenstände muss die 48-Jährige zunächst wiegen und mit Säure bepinseln, um die Echtheit der Legierung zu überprüfen. Gerade hat die Münchnerin wieder zwei billige Imitate entlarvt. „Der Ring mit dem roten Stein macht auf den ersten Blick zwar einiges her“, meint Huber, „aber auf den zweiten Blick wird schnell klar: Das Teil ist nichts wert.“ Für den Kunden bedeutet das: Der Ring bringt kein Geld und muss wieder mit heimgenommen werden. Im Moment bekommen Kunden für einen 18-karätigen Gold-Gegenstand 22 Euro pro Gramm. „In 99 Prozent der Fälle können wir uns auf einen Kreditrahmen einigen“, erzählt Huber, „Kunden, die mit überzogenen Vorstellungen zu uns kommen, sind die Ausnahme.“ Apropos Ausnahmen: Die gibt es selten. „Was in großen Mengen im Umlauf ist, landet auch in großen Mengen bei uns.“ Da gilt es, Kunst von Krempel zu unterscheiden. „Mein zuverlässigstes Werkzeug ist meine langjährige Erfahrung.“

Die Schmuckstücke liegen in riesigen Tresoren

Im Jahr 1999 hat alles angefangen. Auf einer Fläche von 150 Quadratmetern hat Thomas Käfer seinen ersten Kunden bedient. Heute, 19 Jahre und etliche Pfandkredite später, hat der Münchner seine „One Man Show“ in ein Unternehmen mit zehn Mitarbeitern verwandelt. „Vor drei Wochen haben wir unseren fünfhunderttausendsten Kreditvertrag ausgestellt“, erzählt der Leihhaus-Chef. Die Schmuckstücke lagern in Tresoren, Käfers Angestellte arbeiten hinter schusssicherem Glas. Eine „astronomisch teure Alarmanlage“ schützt die Pfandleiher vor Eindringlingen.

50 Euro für Franz Josef Strauß

Seit drei Jahren steht diese schwarze Figur bei uns in der Redaktion: ein Franz Josef Strauß aus Plastik, Überbleibsel eines Kunstprojekts von Ottmar Hörl. Wie viel ist der Mann eigentlich wert? Thomas Käfer drückt beide Augen zu und bietet uns 50 Euro. Moment. 50 ­Euro für einen Ministerpräsidenten? Wir lehnen dankend ab, marschieren zurück, mit Strauß unterm Arm. Die Blicke der Passanten: unbezahlbar.

S. Brenner

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