Unwetterwarnung für München und Teile Oberbayerns: Nicht ins Freie gehen!

Unwetterwarnung für München und Teile Oberbayerns: Nicht ins Freie gehen!
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An der offiziellen Messstelle Landshuter Allee in München herrscht dicke Luft. Doch schon in zwei Seitenstraßen liegen die Schadstoffwerte im grünen Bereich. 

Kritik an Untersuchung des Landesamtes

Wirbel um Messwerte: Ist Münchens Luft tatsächlich so schlecht?

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Das Landesamt für Umwelt widerspricht einem Bericht unserer Zeitung, wonach Luftschadstoffe dort gemessen werden, wo sie besonders hoch sind. Doch eine Studie, die die Behörde selbst in Auftrag gegeben hat, erhärtet diesen Verdacht.

München – Wie korrekt werden Stickoxidwerte in München ermittelt? Claus Kumutat, Präsident des Landesamtes für Umwelt (LfU) ist sich sicher, dass die Messstellen streng nach Vorschrift angeordnet sind und widerspricht einem Bericht unserer Zeitung. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2012, die von seiner Behörde in Auftrag gegeben wurde, zeigt aber, dass in München an Stellen mit außergewöhnlich hohen Schadstoffwerten gemessen wird.

In der Untersuchung, bei der es eigentlich um die Auswirkung von Geschwindigkeitsbeschränkungen ging, wurde rund um die Station an der Landshuter Allee an verschiedenen Punkten nachgemessen. Das Ergebnis: An keiner Stelle in der näheren Umgebung sind die Werte so hoch wie dort, wo das Landesamt für Umwelt misst.

Die Grafik illustriert die Messungen an der Landshuter Allee.

Das ist nicht weiter verwunderlich: Denn an der Stelle ist die Landshuter Allee insgesamt achtspurig. Doch das allein kann den extrem hohen Messwert von 85 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft noch nicht erklären. Nur rund 100 Meter weiter lag der Wert bei gerade einmal 45 Mikrogramm. Und genau gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt er bei 54 Mikrogramm. Beides ist zwar für die Straße zu viel, doch er liegt unter dem Richtwert von 60 Mikrogramm, wie er auch für Wohnungen gilt. Nur nördlich der Nymphenburger Straße – ein berüchtigter Stau-Schwerpunkt – wurden Werte ermittelt, die nahe an den Werten der offiziellen Messstation liegen.

Der offensichtliche Grund für den Unterschied: Die Messstelle ist hinter einer Bushaltestelle platziert. Dort beschleunigen schwere Gelenkbusse mit Vollast und hohen Drehzahlen. Das sorgt für hohe kurzfristige Spitzenwerte beim Schadstoffausstoß.

Behörde beruft sich auf Vorschriften

Muss wirklich dort gemessen werden, wo die höchsten Werte zu erwarten sind? Die Behörde sagt Ja und beruft sich auf eine Vorschrift. Daten müssen demnach in Bereichen gewonnen werden, „in denen die höchsten Werte auftreten, denen die Bevölkerung wahrscheinlich direkt oder indirekt über einen Zeitraum ausgesetzt sein wird, der im Vergleich zum Mitteilungszeitraum signifikant ist“.

Doch was bedeutet ausgesetzt sein? Kein Mensch erträgt den Staub und Lärm dieser Stelle der Landshuter Allee länger als unbedingt nötig. Höchstens wartet man vielleicht auf einen verspäteten Bus oder man eilt zu seiner Haustür. Das städtische Leben dagegen findet in den Seitenstraßen statt, wo auch Läden oder Gewerbebetriebe zu finden sind. Also dort, wo die Werte, denen Menschen wirklich ausgesetzt sind, deutlich niedriger ausfallen und überall im grünen Bereich liegen.

Man kann in den Vorschriften auch weiterlesen und findet weitere Argumente: „Der Ort von Probenahmestellen ist im Allgemeinen so zu wählen, dass die Messung von Umweltzuständen, die einen sehr kleinen Raum in ihrer unmittelbarer Nähe betreffen, vermieden wird.“ Das passt so gar nicht zu den Differenzen in unserer Grafik und zur Bushaltestelle.

Europäischer Vergleich: Münchner Praxis sticht hervor

Eine weitere Regelung besagt, dass Probenahmestellen grundsätzlich für eine Fläche von mehreren Quadratkilometern repräsentativ sein müssen. Nach Auffassung der Behörde gilt das nicht, wo es sich um Verkehrs- oder Industrie-Emissionen handelt, sondern nur an „Stationen, die weder Verkehrs- noch Industriestationen sind“. Diese Unterscheidung stammt aus einem Papier der EU-Kommission über den Austausch von Daten und Informationen zur Luftverschmutzung.

Stickstoffoxide: Warum sind sie für uns so gefährlich?

Wenn das zutrifft, hätte das zur Folge, dass es in Industriegebieten oder an Verkehrsknotenpunkten bei gleicher Belastung eher zu Grenzwertüberschreitungen und damit zu Fahrverboten kommt, weil nur dort gezielt nach Höchstwerten gesucht wird – und in ruhigeren Gebieten nach Durchschnittswerten.

Die Münchner Praxis widerspricht auch der in anderen europäischen Ländern. Die mit München vergleichbare Stadt Wien misst die Belastung durch eine Stadtautobahn nicht unmittelbar an deren Fahrbahnrand, sondern mehr als 100 Meter entfernt an der Erschließungsstraße eines Gewerbegebiets. Man kann europaweit geltende Vorschriften offenbar sehr unterschiedlich auslegen.

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