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Da war sie noch halbwegs locker: Am Ende humpelte die 23-jährige Stephanie Huber aber eher ins Ziel – völlig entkräftet und mit schmerzenden Knien.

Das Wochenend-Interview

Münchnerin beim Ironman dabei: „Jeder will nach Hawaii“

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Vor drei Jahren war Stephanie Huber aus Ottobrunn noch eine gewöhnliche Hobby-Sportlerin. Doch dann passierte etwas Besonderes.

München - Vor drei Jahren war Stephanie Huber aus Ottobrunn noch eine gewöhnliche Hobby-Sportlerin. Als sie als 19-Jährige bei einem Triathlon in Österreich zuschaute, packte sie der Ehrgeiz. Ein Jahr später ging sie bei ihrem ersten Wettkampf an den Start. 3,9 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen – 2017 erfüllte sich Huber den großen Traum – den Ironman auf Hawaii. Wie sie das Ziel erreichte, erzählt die Münchner Romanistik-Studentin im Interview.

Zwölf Stunden, 17 Minuten und 56 Sekunden Quälerei – wieso macht man so etwas freiwillig?

Stephanie Huber: Ich war schon immer von sportlichen Extremleistungen fasziniert. 2014, ich war 19, habe ich beim Triathlon in Klagenfurt zugeschaut. Da habe ich überlegt, ob ich das auch hinbekommen. Kurz darauf war ich für den Wettkampf im nächsten Jahr angemeldet.

Für die Vorbereitung hatten Sie nur ein Jahr Zeit.

Huber: Es ist eigentlich eine wahnsinnige Idee. Der Körper braucht für derartige Belastungen normalerweise einige Jahre Training. Aber ich wollte das unbedingt.

Hatten Sie zuvor Erfahrung im Ausdauersport?

Huber: Nein, gar nicht. Ich habe Volleyball gespielt. Da war meine Größe von 1,82 Metern natürlich ein Vorteil. Aber ich hatte mehrere Außenbandrisse. Die Ärzte meinten, ich sollte mir einen anderen Sport suchen. Und da hat das mit dem Triathlon ganz gut gepasst.

Welche Disziplin ist Ihnen am liebsten?

Huber: Schwimmen liegt mir am meisten. Radfahren mochte ich schon immer gerne. Vor allem Mountainbiken. Aber was mir richtig Sorgen machte, war der Marathon.

Bei Ihrem ersten Triathlon mussten Sie das schmerzhaft erfahren.

Huber: Ich hatte in der Vorbereitung starke Hüft- und Knieschmerzen, musste auf das Laufen verzichten. Beim Wettkampf bin ich die letzten 35 Kilometer ins Ziel gehumpelt – in sechseinhalb Stunden. Das war der längste Spaziergang meines Lebens.

Und wie reagierte Ihr Körper auf die Strapazen?

Huber: Die ersten Tage danach waren schlimm. Ich konnte kaum Treppen steigen. Da wusste ich erst, was einem alles wehtun kann. Ich hatte viele Schürfwunden von der Kleidung, die ja am Körper reibt. Es brannte einfach überall.

Trotzdem hatten Sie wieder Lust auf Triathlon?

Huber: Am Anfang dachte ich: „Nie wieder, nie mehr wieder.“ Eine Woche später war ich für den Triathlon 2016 in Frankfurt angemeldet.

Und Hawaii war der große Traum?

Huber: Jeder Triathlet träumt von Hawaii. Wenn man sich vorstellt, dass auf dieser kleinen Insel die besten Triathleten der Welt sind, ist man schon ein bisschen stolz. Wenn da nicht die Qualifikation wäre.

Zum legendären Triathlon darf nicht jeder?

Huber: Es gibt je nach Altersgruppe eine begrenzte Anzahl an Startplätzen. Athleten aus der ganzen Welt kämpfen in Qualifikationsrennen darum.

Sie haben es geschafft.

Huber: Ich hatte das Glück, dass sich in meiner Altersklasse 18 bis 24 Jahre sehr wenige Frauen für diesen Sport interessieren. Bei den höheren Klassen ist der Konkurrenzkampf deutlich härter. Ich bin froh, dass ich schon so früh dabei war.

Wie viele Konkurrentinnen mussten Sie am Ende hinter sich bringen?

Huber: Nur eine. Die Chancen standen also 50 zu 50. Mein Rennen dauerte elfeinhalb Stunden. Ich war sechs Minuten schneller. Es ist verrückt, dass sechs Minuten darüber entschieden haben, ob ich nach Hawaii darf oder nicht.

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Viele Menschen fragen sich, wie man eine solche Belastung aushalten kann.

Huber: Für mich war es unvorstellbar, auf diesem Niveau so lange Sport zu machen. Aber ich wollte unbedingt wissen, wie sich das anfühlt.

Haben Sie ein System?

Huber: Ich arbeite die Aufgaben Schritt für Schritt ab. Zuerst das Schwimmen. Danach schwingst du dich aufs Rad. Das ist etwas komplett Neues. Dann konzentriere ich mich darauf. Beim Laufen genauso.

Schaut man auf die anderen Teilnehmer?

Huber: Eigentlich interessieren mich die anderen nicht. Ich werde aber zwangsläufig mit ihnen konfrontiert.

Inwiefern?

Huber: Ich habe schon Kinnhaken kassiert. Vor allem beim Schwimmen gibt es Kämpfe. Da wird gehalten, gekratzt und gezogen. Ich verstehe das nicht. Man trainiert so hart auf dieses Ereignis hin, um sich dann mit solchen Mitteln einen Vorteil zu verschaffen.

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Nimmt man beim Triathlon die Umwelt wahr?

Huber: Beim Laufen bin ich im Tunnel. Freunde und meine Eltern haben mich schon gefragt, ob sie mich am Streckenrand weiter unterstützen sollen, da ich auf nichts reagiere. Aber die Anfeuerungen nehme ich wahr. Die treiben mich an.

Wie viele Kilometer sind Sie im Jahr im Wasser, auf dem Rad und zu Fuß unterwegs?

Huber: Auf dem Rad sind es 6200, im Wasser 220, zu Fuß 1200.

Gibt es Strategien für einen Triathlon?

Huber: Beim Schwimmen belaste ich die Beine kaum, denn die brauche ich ja noch lange genug. Da mache ich also das Meiste mit den Armen, die sind danach nicht mehr so wichtig.

Und auf Hawaii gelten andere Gesetze.

Huber: Die Wellen und das Salzwasser machen es schwierig. Auf dem Rad haben mir die starken Winde zu schaffen gemacht, das Schlimmste war der Marathon bei 39 Grad durch die Lavawüste.

Wie sind die letzten Tage vor dem Wettkampf?

Huber: Wegen einer Erkältung konnte ich nicht trainieren. Das habe ich im Wettkampf gespürt. Einerseits die riesige Vorfreude, andererseits die Angst: Schafft man das? Dazu kommen die anderen Athleten.

Die machen Angst?

Huber: Viele übertreiben es in den Trainingseinheiten davor, wollen unbedingt zeigen, wie fit sie sind und geben dann noch mal richtig Gas. Da sollte man sich nicht einschüchtern oder mitziehen lassen.

Psycho-Krieg...

Huber: Absolut. Nicht nur der Körper muss funktionieren. Auch der Kopf – vor allem am Schluss.

Triathlon heißt Verzicht – auch beim Essen?

Huber: Einige haben einen strengen Diätplan. Tagesschausprecher Thorsten Schröder zum Beispiel hat auf Schokolade, Alkohol und Chips verzichtet.

Sie nicht?

Huber: Ich war ein paar Mal auf der Wiesn. Da gab’s auch Bier und Schokofrüchte. Ich habe Hawaii trotzdem geschafft.

Wie versorgen Sie den Körper im Rennen?

Huber: Mit isotonischen Getränken. Beim Radfahren brauche ich meist nach den ersten 90 Kilometern einen Powerriegel. Da fühlt sich der Magen leer an.

Gab es einen Knackpunkt auf der Strecke?

Huber: Beim Laufen habe ich nach der Hälfte Knieschmerzen bekommen. Diese Phase hätte ich ohne meine Eltern am Streckenrand nicht überstanden. Aber ich wollte diese Medaille, dieses Stück Metall.

Triathlon-Sport strapaziert auch den Geldbeutel.

Huber: Die Startgebühr auf Hawaii hat 1000 Dollar gekostet. In der Vorbereitung sind es Kosten für Schwimmbad, Laufschuhe, Fahrrad und Trainingslager. Ohne meinen Nebenjob, meine Eltern und kleinere Geldgebern hätte ich mir das nicht leisten können.

Verändert der Sport?

Huber: Ja. Weil man viel auf sich gestellt ist, viel allein trainiert. Er hat mich stärker gemacht. Ich habe mir plötzlich über Dinge Gedanken gemacht, die mich vorher nie beschäftigt haben. Profis stellen sich teilweise sogar Rechenaufgaben.

Kennen Sie Profis?

Huber: Jan Frodeno habe ich beim Dreh für eine TV-Doku zum Ironman kennengelernt.

Und wie tickt der zweifache Hawaii-Gewinner?

Huber: Er ist sehr fokussiert, weiß genau, was er erreichen will. Er hält sich bedeckt, was sein Privatleben betrifft. Aber er ist total freundlich – ein guter Typ.

In den letzten vier Jahren kam der Gewinner bei den Herren aus Deutschland. Eine Erklärung?

Huber: Ich habe gelesen, die Deutschen seien sehr diszipliniert Auch der Begriff „Arbeitstier“ würde zutreffen. Ich denke, die Attribute lassen sich gut auf diesen Sport übertragen.

Interview: Johannes Heininger

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