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Der Sprecherrat: Oben v. li. Apostolos Malamoussis, Celal Gül, Steven Langnas; Mitte: Thomas Barth, Rupert Graf zu Stolberg, Abuna Deuscoros Antony; unten: Aykan Inan, Barbara Kittelberger, Benjamin Idriz.

Machtvolle Stimme gegen Hass und Gewalt

München hat jetzt einen "Rat der Religionen"

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München - In einem „Rat der Religionen“ wollen die fünf großen Religionsgemeinschaften in München gemeinsam ihre Stimme gegen Antisemitismus, Antiislamismus und Fremdenfeindlichkeit erheben.

"Wir haben eine multireligiöse und multiethnische Gesellschaft. Und es ist eine sehr aktuelle Frage, was diese Gesellschaft zusammenhält.“ Mit diesen Sätzen umriss der frühere Chef des Münchner Ausländerbeirats, SPD-Stadtrat Cumali Naz, am Mittwochabend bei der Gründungsversammlung die Aufgabe des Gremiums: Den wachsenden Fliehkräften entgegenzuwirken, die an den Rändern der Gesellschaft extremistisches Gedankengut und offene Feindseligkeit wachsen lassen. Das rührt an der Kernkompetenz der Religionen, und deshalb haben der katholische Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg und die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger nun sieben weitere Vertreter der wichtigsten Glaubensgemeinschaften zu einem Sprecherrat um sich geschart: Neben evangelischer und katholischer Kirche sind die Alevitische Gemeinde, die Deutsche Buddhistische Union, die Israelitische Kultusgemeinde, die koptisch-orthodoxe Kirche und die Orthodoxe Pfarrkonferenz im neunköpfigen Sprecherrat vertreten. Für den Islam stehen Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam und Aykan Inan vom Muslimrat München. Jeder dieser Sprecher beruft fünf weitere Mitglieder in die Vollversammlung, womit weitere orthodoxe und islamische Gruppierungen sowie die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom eingebunden werden.

Es sind Menschen, die schon allein ihres Glaubens wegen vieles trennt. Doch auf zwei Grundsätze, so glaubt Kittelberger, könne man sie alle einschwören: „Die Begriffe Frieden und Liebe sind in allen Religionsgemeinschaften unumstritten“. Man müsse aber auch „das benennen, was uns trennen muss, weil es außerhalb des Grundgesetzes ist“.

Auf dieser Basis, so hoffen Kittelberger und Graf Stolberg, werde man gemeinsam „für ein friedliches Miteinander in einer Gesellschaft eintreten, die sich verändert“.

Gelöste Atmosphäre beim ersten Treffen

Dass die großen christlichen Kirchen als Motoren hinter der Neugründung stehen, ist kein Zufall: Sie haben in langen, oft beschwerlichen Jahren der Ökumene Erfahrung darin, über alle Gegensätze hinweg ins Gespräch zu kommen.

Die Atmosphäre ist gelöst, als sich der Rat am Mittwochabend im Saal des CVJM an der Landwehrstraße erstmals trifft: Man kennt sich, begrüßt sich beim Vornamen, und der griechisch-orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis drückt jeden Neuankömmling mit entwaffnender Herzlichkeit an seine Brust. Als die Mitglieder an Zweier-Tischen Platz nehmen, lässt sich Abuna Deuscoros Antony von der koptisch-orthodoxen Kirche ganz zwanglos neben einem muslimischen Imam nieder.

Der Erlanger Jurist und Religionswissenschaftler Mathias Rohe appelliert, diese Offenheit zu bewahren. „Die unangenehme Wahrheit ist, dass alle Religionen ihre Potenziale für Gewalt und Intoleranz haben“, sagt er. Doch auch die Anlage zur Mitmenschlichkeit sei allen gemein. Wenn Terror sich auf Religion gründe, sei dies ein klarer Missbrauch der Religion, so Rohe. Auch viele Konflikte, die vordergründig religiös motiviert scheinen, hätten in Wahrheit politische oder wirtschaftliche Hintergründe. Davon dürfe sich der Rat nicht vereinnahmen lassen, mahnt Rohe. „Der Rat der Religionen in Frankfurt hat das nicht geschafft.“ Untzer dem Eindruck des Israel-Palästina-Konflikts lasse die jüdische Gemeinde dort ihre Mitgliedschaft ruhen. Rohe sieht Chancen, solche Gräben zu überbrücken, vor allem auf lokaler Ebene. „Lassen Sie uns die Gemeinsamkeiten entdecken und feiern“, appelliert er.

Das ist ganz im Sinne der Delegierten. Als „David in dieser Runde“ verspricht etwa Thomas Barth von der Buddhistischen Union, er wolle mithelfen, „die Menschen auf menschliche Werte einzuschwören“. Rabbiner Steven Langnas sieht eine gute Ausgangsposition: Trotz der Sorge wegen des zunehmenden Antisemitismus im Land „fühlen wir uns in München wie in einer Oase“, bekennt er dankbar. Die kurzen Grußworte offenbaren Gemeinsamkeiten, die aufhorchen lassen. „Als Gott die Menschen schuf, sagte er: Lebt miteinander. Das wollen wir tun“, sagt der koptisch-orthodoxe Christ Abuna Deuscoros Antony. Der Moslem Benjamin Idriz formuliert es so: „Wir folgen heute der Einladung Gottes, ein gemeinsames Wort zu finden. Dieses Wort ist, dass wir Menschen sind.“

Kommentar: Rat der Religionen - eine große Chance

Wenn der Rat dies nicht aus den Augen verliere, so der Wissenschaftler Rohe, dann könne seine Stimme in die Gesellschaft hinein wirken wie ein „ins Religiöse gewendetes ,Wir sind das Volk‘“.

Mit diesem Slogan hatten die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen in der DDR 1989/90 eine friedliche Revolution eingeleitet, die letztlich die Mauer fallen ließ. Am Mittwochabend gab Barbara Kittelberger nun ein neues Ziel aus: „Wir wollen uns gemeinsam dem menschenverachtenden Hass und fundamentalistischem Gedankengut entgegenstellen. Und wir wollen in dieser Stadt mit allen um den sozialen Frieden ringen und dazu beitragen, miteinander ein friedliches München zu gestalten.“

Peter T. Schmidt

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