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Studie über Finanznöte

Schuldenspirale dreht sich schneller

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Immer mehr Münchner sind überschuldet. Zum Stichtag 1. Oktober stieg die Zahl der Betroffenen um 4,9 Prozent von gut 100.000 auf knapp 105.000. Eine Trendwende ist nicht absehbar. Spitzenreiter bleibt das Hasenbergl, aber auch in gentrifizierten Vierteln wie der Ludwigsvorstadt ist die Verschuldungsquote hoch.

Der Blick auf die Münchner Schuldnerstatistik ist zweischneidig. Zum einen liegt die Quote mit 8,63 Prozent noch immer unter dem Bundesdurchschnitt (10,06 Prozent) und erst recht unter dem Schnitt im Großstadtvergleich (teilweise 15 bis 20 Prozent). Doch die Kehrseite ist: „Die Überschuldungsspirale dreht sich in München in Relation zum bundesweiten Vergleich schneller.“ Das erklärte Philipp Ganzmüller, der geschäftsführende Gesellschafter des weltweit tätigen Kreditschutzverbundes Creditreform, am Montag bei einer Pressekonferenz. Seine Firma veröffentlicht jährlich in Zusammenarbeit mit der Stadt den Schuldneratlas.

Für betroffene Bürger ist es vermutlich eine Landkarte des Grauens. Das lässt sich auch daran ermessen, dass gerade die Zahl „harter“ Überschuldungsfälle sprunghaft angestiegen ist: von 59.395 auf 64.636 Personen (+8,8 Prozent). Harte Merkmale sind beispielsweise gerichtliche Pfändungen oder Antrag auf Privatinsolvenz. „Eine bedenkliche Entwicklung“, so Ganzmüller. Insgesamt bietet sich ihm zufolge ein „paradoxes Bild“. Denn obwohl die gesamtwirtschaftlichen Bedingungen derzeit gut sind, seien offenbar immer mehr Verbraucher nicht in der Lage, üblichen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die Hauptursachen für Finanznöte: Arbeitslosigkeit, Scheidung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, gescheiterte Selbstständigkeit und – immer häufiger – Krankheit.

Gut 11.000 Münchner nahmen im Vorjahr die Schuldnerberatung in Anspruch

Wie brüchig die scheinbar glänzende Fassade in der Landeshauptstadt ist, zeigt ein Blick auf die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Stadt. Gut 11.000 Personen wurden im Vorjahr beraten, 6152 davon persönlich – der Rest telefonisch oder online. Laut Erika Schilz, der Leiterin dieser Stelle im Sozialreferat, beträgt die Wartezeit für eine persönliche Beratung oft drei bis vier Monate. Es gibt allerdings Ausnahmen: „Wenn eine Wohnungsräumung ansteht, ist natürlich Soforthilfe gefragt“, sagte Schilz’ Kollege Klaus Hofmeister.

Die Stadt kooperiert mit den Wohlfahrtsverbänden, die etwa zwei Drittel der überschuldeten Menschen betreuen, das Sozialreferat übernimmt das restliche Drittel. Mehr ist kaum möglich, weil bei der Stadt nur 13 Stellen für diese Aufgabe vorgesehen sind. Die zahlenmäßig größte Klientel stellt Schilz zufolge die Gruppe der Menschen dar, die arbeitslos sind oder sich in einem prekären Arbeitsverhältnis befinden. Nach Angaben der Schuldnerberaterin konnte die Stadt in 42 Prozent der Fälle eine Verbesserung der finanziellen Situation erreichen.

Der Anteil überschuldeter Frauen wächst, ebenso die Altersüberschuldung

Innerhalb Münchens differiert die Verbraucherüberschuldung stark. Die Spreizung reicht von 4,83 Prozent in Obermenzing bis zu 15,73 Prozent beim Negativ-Spitzenreiter Hasenbergl. „München ist in dieser Hinsicht eine gespaltene Stadt“, sagte Ganzmüller. Relativ niedrig ist die Verschuldungsquote noch in den Stadtteilen Bogenhausen, Harlaching oder Solln. Hoch ist sie in Berg am Laim, Am Hart und beispielsweise auch in der Ludwigsvorstadt – das wie kein anderes Viertel in München für Gentrifizierung steht. Allerdings: In der Ludwigsvorstadt ging die Schuldnerquote entgegen dem Stadttrend im Vergleich zu 2015 zurück.

Männer sind in etwa doppelt so häufig verschuldet wie Frauen. Doch dieses Verhältnis verschiebt sich – zu Ungunsten der Frauen. Creditreform berichtet von einer Zunahme der weiblichen Schuldnerquote in 32 von 37 Stadtteilen. Eine Ursache dafür könnte sein, dass tradierte Rollenbilder vielfach nicht mehr gültig seien, spekulierte Ganzmüller. Bei Männern ist die Verschuldung aber auch noch einmal in 25 von 37 Stadtteilen angestiegen.

Eine hohe Brisanz kommt nach Meinung des Kreditschutzverbundes dem Thema Altersüberschuldung zu. Ein großes Problem für die Zukunft, weil der betroffene Personenkreis in der Regel aufgrund fehlender Einkommensmöglichkeiten kaum noch Chanen besitze, der Schuldenfalle zu entkommen. So zeigen sich in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen in bestimmten Stadtgebieten Schuldnerquoten, die deutlich über dem dortigen Gesamtdurchschnitt liegen. Beobachter werten es zudem als Problem, dass gerade ältere Menschen den Gang zum Sozialamt aus Scham scheuen. Das Fazit von Creditreform: „Ein dauerhafter und nachhaltiger Rückgang der Überschuldung ist derzeit unwahrscheinlich.“

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