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Zukunftsmodell: Ein Reisebus im Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) an der Hackerbrücke.

Linienverkehr

München wird Fernbus-Drehkreuz

München - München wird in einem liberalisierten Markt eine Drehscheibe des nationalen Linienbusverkehrs werden. Junge Unternehmen wollen den Bus auch im Inland als Alternative zur Bahn etablieren. Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) an der Hackerbrücke bietet dafür beste Voraussetzungen.

Fernbuslinien – das verbinden viele noch mit klapprigen Bussen, die einst Gastarbeiter aus Südosteuropa für wenig Geld in die Heimat und zurück nach München brachten. Klapprig sind diese Busse schon lange nicht mehr, und das Angebot ist gewachsen: Rund 300 Linien ab oder über München gibt es laut Regierung von Oberbayern, und viele verkehren täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich. Neben Städten wie Zagreb, Skopje, Katowice und Gorazde stehen heute auch Ziele wie Paris, Lyon und London auf dem Fahrplan des ZOB.

Innerdeutsche Ziele waren bisher rar, denn genehmigungsfähig war nur, was besser, etwa ohne Umsteigen, schneller oder billiger war als die Bahn. Und die wachte mit Argusaugen darüber, dass keine unliebsame Konkurrenz aufkam. Doch nun haben sich die Bundestags-Fraktionen darauf geeinigt, diese Hürden abzuschaffen. Ein neues Gesetz ist in Arbeit.

Auch zu den alten Bedingungen sind nationale Buslinien entstanden: Neben der Bahn selbst, die tägliche Busverbindungen nach Prag und über ihren in Berlin sitzenden Partner BayernExpress nach Berlin, Leipzig, Dresden und Chemnitz anbietet, haben zwei junge Unternehmen begonnen, München per Bus mit deutschen Städten und Metropolen im nahen benachbarten Ausland zu verbinden. „DeinBus“ aus Friedrichshafen, seit 2008 im Geschäft, fährt täglich nach Frankfurt, Pilsen und Prag und bis zu viermal täglich nach Stuttgart und Tübingen. „MeinFernbus“ aus Berlin, im Juni 2011 von Torben Greve und Panya Putsathit gegründet, fährt seit April bis zu sechsmal täglich von München nach Freiburg und zurück. Seit August gibt es eine zweite Linie nach Konstanz, die nun während der Woche dreimal, von Freitag bis Sonntag sogar fünfmal täglich nach Zürich verlängert wird. Neun moderne Busse umfasst die Flotte bereits. Internet per W-Lan während der Fahrt gehört zum Service, und als erster Fernbus-Linienbetreiber, so Greve, könne man auch Fahrräder mitnehmen. „Im Sommer ist das schon richtig gut angenommen worden.“ Wenn sich der Bus verspätet, bekommt der Fahrgast auf Wunsch eine SMS aufs Handy.

Das beste Werbeargument der Busunternehmer ist der Preis: Nach Tübingen zum Frühbucher-Aktionspreis von 9 Euro oder regulär für 21 Euro, während die Bahn 49 Euro verlangt; nach Freiburg für 15 bis 39,50 Euro – dafür nehmen viele Fahrgäste eine halbe oder dreiviertel Stunde mehr Fahrzeit und das Stau-Risiko in Kauf. Manchmal, wenn man per Bahn nur mit Umsteigen ans Ziel gelangt, ist der Bus sogar schneller als die Bahn.

Das Publikum ist bunt gemischt: „Wir haben junge Leute, vor allem Studenten, die bisher Mitfahrgelegenheiten genutzt haben, aber auch Ältere, denen die Fahrt im eigenen Auto zu stressig geworden ist“, berichtet Greve. Und immer häufiger, speziell auf der Linie nach Zürich, nutzten Geschäftsleute den Bus. „Die pendeln zwischen zwei Firmenstandorten. Früher haben sie sich dazu einen Mietwagen genommen.“

Die bevorstehende Liberalisierung hat in der Branche Goldgräberstimmung aufkommen lassen. Greve und Putsathit rechnen fest damit, dass weitere Mitbewerber, auch aus dem Ausland, auftauchen werden. München wird dabei als „extrem spannendes Ziel“ gehandelt, wie es DeinBus-Geschäftsführer Ingo Mayr-Knoch formuliert. Greve sieht von hier aus langfristig Potenzial für Linien „in jede deutsche Stadt ab 250 000 Einwohner“. Er will, ähnlich wie Konkurrent Mayr-Knoch, möglichst noch vor dem Wegfall der Zulassungshürden weitere Linien einrichten – wohin, ist streng geheim: Man will der Konkurrenz keine Tipps geben.

Der absehbare Boom neuer Linien im kommenden Jahr wird zwei Folgen haben: „Es wird das Ende der illegalen Kleinunternehmen sein, die sich über Mitfahrzentralen vermarkten“, sagt Panya Putsathit. Und Sein Partner Greve ist sicher: „Die Bahn wird wegen der wachsenden Konkurrenz billiger und besser werden.“

Voll des Lobes sind die Unternehmer über den Münchner ZOB, den alle ihre Busse nutzen. „Weitsichtig, vorausschauend geplant, total gut“ findet ihn Panya Putsathit, und Ingo Mayr-Knoch prophezeit: „Der wird erst noch seine Blütezeit erleben.“

Auch Fritz Kloiber, Abteilungsleiter beim Roten Kreuz, das den ZOB betreibt, hört das gern. Auch er setzt große Hoffnungen in die Liberalisierung. „Ich glaube, dass das neue Gesetz einen Schub nach vorn gibt“, sagt er. Rund 100 Busse kommen jeden Tag am ZOB an. Vom neuen Inlandsmarkt erwartet Kloiber „im ersten Anlauf einen Anstieg um 30 Prozent“. Das sei gut für die Geschäfte im ZOB, zumal die Inlands-Linien andere Kundschaft anlockten als die internationalen Verbindungen.

Platz für kräftiges Wachstum hat der ZOB allemal: Mit 28 Bus-Buchten, davon 18 mit Fahrgast-Informationssystem, muss er einen Vergleich mit dem Hauptbahnhof nicht scheuen. Und wenn der Platz knapp werde, so Kloiber, dann müssten eben jene Busse, die bisher noch längere Zeit im ZOB parken, nach dem Aussteigen zum Parkplatz an der Hansastraße fahren, der mit 50 Stellplätzen eigens dafür bereit steht.

Doch zunächst einmal muss – voraussichtlich Anfang 2013, das neue Gesetz vom Bundestag verabschiedet werden und in Kraft treten. Dann wird sich anhand der Antrags-Zahlen schnell zeigen, wie groß der Mut der Branche ist, auf deutschen Autobahnen Neuland zu betreten.

Peter T. Schmidt

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