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Zu keck für Katholiken? Die Kirche organisierte in Wien Bußgottesdienste, nachdem Josephine Baker im Bananenrock aufgetreten war. Nach München durfte sie erst gar nicht.

Münchens Angst vorm Bananentanz

München - Die Stadt gibt sich heute gerne besonders tolerant. Das war nicht immer so: Am 14. Februar 1929 verboten die Behörden einen Auftritt der amerikanischen Revue-Tänzerin Josephine Baker.

Ihre Fans sind zahlreich und berühmt: „Das sensationellste Weib, das Menschenaugen je gesehen haben“, rühmt der bärbeißige Schriftsteller Ernest Heminway. Mit ihrem schrillen Revue-Ballett erobert die Afro-Amerikanerin Josephine Baker Mitte der 20er-Jahre New York und dann Paris. Ihr Erkennungszeichen: der berühmte „Bananentanz“ Danse Sauvage. Ein Hauch von Strass, ansonsten nur mit einem Röckerl bekleidet, an dem Papp-Bananen zappeln, tanzt sie rasanten Charleston – und wird das sexy Aushängeschild der „roaring Twenties“.

Doch das biedere München lässt sie abblitzen. Wegen einer zu erwartenden „Verletzung des öffentlichen Anstands“ erteilt die Stadt Baker am 14. Februar 1929 ein Auftrittsverbot fürs Deutsche Theater. „München war in den 20ern kulturell sehr provinziell“, sagt Stefan Frey, Theaterwissenschafts-Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität. „Die Atmosphäre war bereits von den Nazis dominiert – das merkt man an solchen Verboten.“

Tatsächlich reagiert die Münchner Polizei 1929 auf die turbulenten Vorkommnisse um die Oper „Jonny spielt auf“ im Jahr zuvor. Das „Theater am Gärtnerplatz“ hatte Ernst Kreneks Stück um einen schwarzen Jazz-Geiger und seine Liebe zu einem Dienstmädchen aufs Programm gesetzt. Die Oper wurde heiß diskutiert. Und nicht nur das: Ein Polizeibericht vom 17. Juni 1928 lautet: „In der gestrigen Erstaufführung versuchten Anhänger der NSDAP durch Zwischenrufe, Nießpulver und Stinkbomben Störungen hervorzurufen.“

„Hinaus mit Dir! In Bayern dürfen nur wir bodenständigen Schwarzen auftreten!“, äzt das Satireblatt „Simplicissimus“.

Und jetzt soll auch noch die Baker kommen – anstelle das Pferd von der richtigen Seite aufzuzäumen und Störern keine Chance zu geben, verbieten die Behörden lieber die Vorstellung – was die Literaturzeitschrift Zwiebelfisch als „rücksichtslose, alles niederknüppelnde Willkür“ bezeichnet. Karikaturist Thomas Theodor Heine veröffentlicht im Satire-Blatt Simplicissimus eine Zeichnung, in der ein Gendarm und ein Geistlicher hinter Baker herrennen. „Hinaus mit Dir! In Bayern dürfen nur wir bodenständigen Schwarzen auftreten!“, lässt er die Pharisäer rufen.

„Die Körperlichkeit von Bakers Tanz war für die damalige Zeit ein Skandal“, sagt Frey. „Und für Rassisten war das natürlich der Beweis dafür, dass die ,Neger‘ näher am Affen sind.“ Dennoch habe die Jugend lieber zu Jazz-Musik getanzt – wie Josephine. „Der Freiraum dafür war in den Metropolen Berlin und Wien aber sicherlich größer.“

Wobei Josephine Baker auch in Wien verfemt wird. Nicht nur gibt es dort im Jahr zuvor Nazi-Demos gegen ihren Auftritt. Die Katholische Kirche hat gar Sondergottesdienste einberaumt, „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“.

Die Tänzerin mit dem ansteckenden Lachen findet ihre Heimat im liberalen Frankreich. In München dagegen muss man seine Sehnsucht nach Exotik bald völlig vor den Herrschenden verstecken. Noch ist es jedoch nicht so weit: Keine Woche nach dem Auftrittsverbot, am 19. Februar 1929, liest man in der Münchner Zeitung: „Josefine Baker, das umstrittene, farbige Tanzwunder, tanzt ab heute in ihrem ersten Großfilm ,Papitou, die Sirene der Tropen‘ im Münchner Lichtspielhaus."

Johannes Löhr

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