Bund Naturschutz warnt

Münchens Baum-Schwund eine Gefahr für das Stadtklima

München muss seinen Baumbestand besser schützen – am besten mit einem umfassenden Masterplan. Das ist nach Ansicht des Bund Naturschutz nicht nur ökologisch geboten. Es könnte auch helfen, die Stadt vor dem Hitzekollaps zu bewahren.

München - Rudolf Nützel ist alarmiert: „Wir haben in München seit Jahren die Tendenz, dass immer mehr zugebaut wird“, beobachtet der Geschäftsführer des Bund Naturschutz (BN). Jüngstes Beispiel: Das geplante Quartier östlich der Hochmuttinger Straße in Feldmoching. Noch werde dort Getreide angebaut. Bald sollen dort 1400 Menschen wohnen. „80.000 Quadratmeter Ackerfläche werden unter Beton und Asphalt verschwinden“, klagt Nützel.

„Wir müssen umdenken: Wenn man schon etwas baut, und die U- und S-Bahn-Haltestellen so nahe sind wie in Feldmoching, sollte man auch eine autofreie Siedlung daraus machen.“ Die Stadt bezieht den BN bei Bebauungsplänen grundsätzlich mit ein. Bei innerstädtischen Projekten lege dieser in der Regel auch keine Widerworte ein, so Nützel. „Aber bei so einem großen Acker, zu dem auch noch viele Bäume gehören, muss man sagen: Da ist eine rote Linie überschritten.“

Problematisch sei auch, dass die wirtschaftlich florierende Landeshauptstadt immer mehr Menschen anlocke. „Es gibt in Bayern viele Regionen, aus denen die Leute wegziehen, weil sie dort keine Arbeit finden – zum Beispiel aus der nördlichen Oberpfalz oder aus Oberfranken. Auf der anderen Seite boomt München. Wohnraum ist kaum noch bezahlbar“, klagt Nützel. Die Antwort darauf sei stets die gleiche: immer mehr bauen. Doch das, so mahnt Nützel, wirke sich immer stärker auf das Stadtklima aus.

Die Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) scheinen Nützel recht zu geben. Der Sommer 2015 hatte 31 sogenannte Hitzetage, an denen die Temperatur über 30 Grad Celsius stieg – ein Rekord seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Der Sommer 2016 hatte nicht mehr ganz so viele, nämlich zehn Hitzetage, aber immer noch deutlich mehr als der Schnitt. Den errechnet der DWD aus dem Mittel der Jahre 1960 bis 1990. Ergebnis: 4,5 Hitzetage pro Jahr. Die Kurve, soviel ist unumstritten, steigt an.

Wechselwirkung Städtebau und Klima: Beispiel Manchester

Stephan Pauleit, Leiter des Lehrstuhls für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung an der TU München, hat die Wechselwirkungen von Städtebau und Klima am Beispiel von Manchester untersucht. Die Tendenz der Ergebnisse könne man auf eine Stadt wie München übertragen. „Wenn Manchester seine Grünflächen um zehn Prozent erweitert, erhöht sich die Oberflächentemperatur bis zum Jahr 2080 um 0,6 Grad“, sagt Pauleit. Reduziere man die Grünflächen hingegen um zehn Prozent, würde – vor dem Hintergrund einer generellen Klimaerwärmung – die Oberflächentemperatur um deutliche 8,2 Grad Celsius steigen. „Wie sich das auf die Lufttemperatur exakt auswirkt, kann man nicht genau sagen. Aber eine so erhöhte Bodentemperatur würde natürlich die Luft erwärmen“, sagt Pauleit.

Rudolf Nützel bereitet die Manchester-Studie Sorgen. Er weiß: „In München ist davon auszugehen, dass wir bis 2080 mindestens zehn Prozent weniger Grünflächen haben.“ Den Zusammenhang zwischen Natur und Stadtklima kann Pauleits Mitarbeiter Mohammad Rahman erklären: „Bäume schwitzen“, sagt er. „Wenn sie für die Fotosynthese Kohlendioxid aufnehmen, geben sie Wasserdampf ab. Ihre Blätter haben viele tausend kleine Poren, durch die sie Wasser verlieren – bis zu 400 Liter am Tag.“ Mit bloßem Auge lasse sich der Wasserdampf nicht erkennen. Ein weiterer Effekt: „Die Oberfläche, die unter den Baumkronen liegt, kühlt bis zu 20 Grad ab, die Luft um bis zu zwei Grad.“

Rahman und sein Team forschen auch in München. Was die Wissenschaftler für Manchester noch mit Computerprogrammen simulierten, erweitern sie für die Landeshauptstadt um angewandte Experimente. Im Sommer 2015 installierten sie rund 80 Sensoren in der Innenstadt. „Dabei haben sich zwischen dem breiten Grünstreifen am Bordeauxplatz und dem gepflasterten Pariser Platz große Unterschiede gezeigt“, sagt Rahman. Um 20 bis 30 Prozent könne die Temperatur variieren. Die Begründung: Während es sich beim Bordeauxplatz um eine relativ offene Grünfläche handle, sei der Pariser Platz nicht nur gepflastert, sondern auch von Häusern umstellt. „Das wirkt sich auf die Energiebalance des jeweiligen Gebietes aus.“

Für Rudolf Nützel bedeutet das ganz klar: Die Stadt sollte ihre Grünflächen nicht nur erhalten, sondern erweitern. „Wir hätten dadurch viel weniger Hitzetage, und auch weniger Starkregen.“ Selbst an heißen Tagen herrsche dann Wohlfühltemperatur. „Je mehr Grün- und Rasenflächen, desto besser versickert der Starkregen, wenn er mal kommt.“ Aber zehn Prozent mehr Natur, wie in der Manchester-Simulation? „In München undenkbar.“

Der BN hat nun einen „Masterplan“ erarbeitet, der insbesondere die Anzahl der Bäume zumindest erhalten soll. Gemeinsam mit den Bezirksausschüssen (BA) fordern sie vor allem ein digitales Baumkataster (siehe Kasten). Derzeit liegt der Plan den Bezirksausschüssen zur Abstimmung vor.

Lesen Sie auch: „Euro-Industriepark: 72 Bäume gefällt und gestohlen“

Marian Meidel und Hüseyin Ince

Rubriklistenbild: © mm

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Isar: München verbietet ab Samstag Baden und Bootfahren
Das Landratsamt München hat am Freitagnachmittag mitgeteilt, dass das Fahren auf der Isar ab Samstag (19. August) verboten ist. Ebenso gilt ab Samstag, 00.00 Uhr, ein …
Isar: München verbietet ab Samstag Baden und Bootfahren
Das alles hat uns München am Wochenende zu bieten
Falls Sie am Wochenende in München sind und nicht wissen, was Sie machen sollen: Wir helfen Ihnen. Das ist die Liste der viel versprechenden Veranstaltungen in unserer …
Das alles hat uns München am Wochenende zu bieten
Gestohlener Mini aus München schafft es weit - doch in Ungarn ist Schluss
Gleich zwei Fahrzeuge wurden in München gestohlen. Eines der beiden Autos wurde bereits gefunden - in einem anderen Land. Vom Zweiten fehlt bislang jede Spur. Die …
Gestohlener Mini aus München schafft es weit - doch in Ungarn ist Schluss
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
München - Jedes Wochenende ist in München volles Programm - da ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Hier finden Sie die größten, wichtigsten und schönsten …
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine

Kommentare