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Briefe, die das Herz zerreißen: Seniorinnen erzählen von ihrem Leben in Armut in München

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Von: Nina Bautz

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Den Verein Lichtblick Seniorenhilfe erreichen fast täglich Briefe von Senioren, die sich ihren Alltag oder Hilfe nicht leisten können. Zwei von ihnen erzählen von ihrem täglichen Kampf.

München - Es sind Hilfeschreie mitten aus unserer Gesellschaft, aus der reichen Stadt München. „Habe fast kein Essen und kein Trinken mehr“, schreibt etwa Rentnerin Ursula H. (73) aus Pasing. Und Gudrun Peters (Name geändert, 85) aus Giesing bittet nach einem Sturz: „Ich bin völlig hilflos drei Tage und drei Nächte auf dem Boden gelegen und hatte keinerlei Hilfe. Dringend muss ich zu den Ärzten, was ich nur per Taxi erledigen kann, also sehr viel Geld, was ich nicht mehr habe.“

Solche und ähnliche herzzerreißenden Briefe erreichen den Verein Lichtblick Seniorenhilfe beinahe täglich. Er kümmert sich um mehr als 22.000 Rentner in Deutschland, die von Altersarmut betroffen sind – mit finanziellen Soforthilfen, etwa für eine Gehhilfe oder einen neuen Kühlschrank, Gutscheinen für Lebensmittel und Hygieneartikel und monatlichen Patenschaften in Höhe von 35 Euro oder aber Veranstaltungen gegen Einsamkeit. Unterstützt werden kann von Lichtblick, wer Rente bezieht, mindestens 60 Jahre alt ist, dazu Grundsicherung oder Wohngeld bezieht oder mit seiner kleinen Rente knapp über der Bemessungsgrenze liegt.

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Münchner erzählen von ihrer Altersarmut: Kein Taxi zum Arzt

Um Hilfe bitten, das hat Gudrun Peters (Name geändert, 85) gelernt. Seit einem Sturz im April kann die Giesingerin kaum noch laufen und stehen. Und jetzt das: Das Sozialamt hat ihr mitgeteilt, dass es wohl bald die Kosten für die Zugehfrau von der Nachbarschaftshilfe nicht weiter übernehmen wird. „Ich kann in meinem Zustand nicht putzen und waschen – aber sie auch nicht selbst bezahlen!“, sagt sie verzweifelt.

Manchmal fragt sich die Rentnerin, wie alles so weit kommen konnte. „Ich habe doch über 40 Jahre als Anwaltsgehilfin gearbeitet…“ Aber die hohe Miete von 833 Euro frisst einen großen Teil ihrer Rente (1.200 Euro plus Grundsicherung) auf. Essen auf Rädern, der Notknopf, den sie am Arm trägt – alles kostet Geld. Jetzt verschlimmern die hohen Lebensmittelpreise die Situation zusätzlich. „Junge Leute aus dem Haus sind so lieb und kaufen für mich ein. In letzter Zeit trifft mich jedes Mal der Schlag, wenn ich die Rechnung sehe.“

Früher habe sie denen gerne Trinkgeld gegeben, heute reiche es nicht mal dafür. Und so kommt es zu Briefen wie dem, in dem sie um Geld für die Taxifahrten zum Arzt und Lebensmittelgutscheine fragen musste. Dankbar und demütig sei sie geworden, sagt Peters.

Leben in München für viele Senioren ein täglicher Kampf

Gemütlich im Café sitzen, ein Stück Kuchen essen oder einen Eisbecher – was für viele Münchner ganz normal klingt, ist für Ursula H. (73) aus Pasing ein unerfüllbarer Wunsch. Mit ihrer mageren Rente von 517 Euro plus aufstockende Grundsicherung bleiben der gelernten Hotelfachfrau nur 200 Euro im Monat zum Leben. „Das langt hinten und vorne nicht.“

Allein ihre medizinische Salbe kostet 49 Euro, dazu kommen Kosten für Reinigungsmittel und Hygiene-Artikel. Essen und Kleidung bekommt sie von der Tafel. Seit einer Krebserkrankung mit 50 Jahren und einer weiteren schweren Krankheit ist Ursula H. ein Pflegefall. Ihr Sohn starb 1989 bei einem Unfall, der Ehemann lebt nicht mehr, ihre geliebte Hündin Lilly ist vor zwei Jahren verstorben. „Ich habe niemanden, der sich um mich kümmert – außer den Pflegedienst und Lichtblick.“ Dieser Verein hat ihr beispielsweise einmal ein neues Gebiss bezahlt. „Da ist mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen!“

Zu allem Überfluss hat Ursula H. nun auch noch Corona erwischt. Aber die 73-Jährige kämpft eisern gegen das Virus. Trotz ihres harten Lebens, sagt die Rentnerin, die viel in Heimen aufgewachsen ist: „Ich bin ein Aufstehmanderl. Ich verliere nie den Mut.“ Kürzlich hat sie die kaputten Schubladen ihres Schranks mit Pflastern zusammengeklebt.

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