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Die Schlangen werden länger: Bei den Ausgabestellen der Münchner Tafel wird die wachsende Armut sichtbar.

Alarmierender Trend

Münchner Armutsbericht: Einwohner dieser Stadtteile sind besonders bedroht

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München ist eine der reichsten Städte Deutschlands. Nicht jeder profitiert davon. Experten aus dem Hilfesystem spüren die Folgen und fordern: Es muss dringend gegengesteuert werden.

München - Alle fünf Jahre erstellt die Stadt einen Armutsbericht, um zu sehen, wie die Lage ist, wo es besonders hakt und was man dagegen unternehmen könnte. Der letzte Armutsbericht mit den Zahlen von 2011 ergab, dass 14,7 Prozent der Münchner arm sind. Mittlerweile sind es 17,4 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Münchner Nettoeinkommens verfügt. Die Schwelle liegt in München beim Single-Haushalt bei 1350 Euro, bei zwei Personen sind es 2025 Euro. Kommt noch ein Kind unter 14 Jahren hinzu, liegt die Schwelle bei 2430 Euro.

Mehr Reiche: Was der Bericht auch zeigt: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer: Die am schlechtesten verdienenden 20 Prozent der Münchner verfügen über sieben (2011: acht) Prozent des Einkommens und die am besten verdienende Bevölkerung über 49 (2011: 36) Prozent.

Wer betroffen ist: Die Armut ist ungleich verteilt: Frauen (19 Prozent) sind öfter betroffen als Männer (15 Prozent). Besonders hart haben es Alleinerziehende: Mehr als 40 Prozent von ihnen leben unter der Armutsgrenze. Und es sind mehr Münchner mit ausländischen Wurzeln und besonders die mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die arm sind.

Sozialleistungen: Nicht jeder, der als arm gilt, lebt von Sozialleistungen. Nur 129.000 Münchner bekommen finanzielle Hilfe von der Stadt, dem Bezirk oder dem Jobcenter. Die absolute Zahl ist zwar gestiegen, doch die Quote derer, die Leistungen bekommen, ist in den meisten Stadtteilen leicht zurückgegangen. Das könnte zum einen daran liegen, dass mehr Besserverdienende nach München gezogen sind. Zum anderen reicht zwar vielen ihr Geld für das teure Leben in München kaum mehr, sie haben aber noch keinen Anspruch auf Sozialleistungen.

Stadtteil

2011

2016

Ramersdorf-Perlach

105

123

Milbertshofen-Am Hart

105

119

Berg am Laim

96

101

Feldmoching-Hasenbergl

95

100

Moosach

90

93

Sendling-Westpark

83

96

Untergiesing-Fasangarten

79

88

Schwanthalerhöhe

74

94

Aubing-Lochhausen-Langwied

72

77

Laim

71

76

Sendling

71

81

Trudering-Riem

66

71

Hadern

66

81

Schwabing-Freimann

61

57

Pasing-Obermenzing

61

61

Untergiesing-Harlaching

58

65

Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln

54

56

Neuhausen-Nymphenburg

52

59

Allach-Untermenzing

51

44

Au-Haidhausen

50

55

Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt

48

55

Schwabing-West

42

44

Bogenhausen

42

45

Maxvorstadt

38

48

Altstadt-Lehel

33

34

Zahl der Leistungsempfänger je 1000 Einwohner in den Stadtvierteln

Risiko Arbeitslosigkeit: Der Münchner Arbeitsmarkt boomt. Doch Langzeitarbeitslose haben trotzdem keine Chance. Rund 75 000 Menschen leben von Hartz IV-Leistungen, 2011 waren es noch 72 600. Mehr als 22 000 Personen bekommen – obwohl im erwerbsfähigen Alter – seit mehr als vier Jahren staatliche Unterstützung. Die Schlussfolgerung im Armutsbericht: Die Förderinstrumente reichen nicht aus, um die Menschen in Arbeit zu bringen. Das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung steigt.

Knackpunkt Bildung: Sechs Prozent der jungen Menschen in München verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei den ausländischen Schülern sind es sogar 11,2 Prozent. Bildungsgerechtigkeit wird daher ein großes Thema bleiben. 60 Prozent der Menschen, die von Hartz IV leben, haben keinen Berufsabschluss oder zumindest keinen in Deutschland anerkannten Abschluss. Laut Bericht gilt mangelnde Bildung als einer der gewichtigsten Faktoren, die in Armut führen können.

Altersarmut steigt: Nach Prognosen der Stadt wird die Zahl der Münchner, die von Grundsicherung im Alter leben, in den kommenden Jahren rasant steigen, von rund 14.800 Ende 2016 auf bis zu 26.000 bis zum Jahr 2035. Vor allem Münchner, die Teilzeit oder unter prekären Verhältnissen gearbeitet, wenig verdient oder lange pausiert haben, etwa wegen der Kinder, werden im Alter unterhalb der Armutsgrenze leben.

Teure Mieten: Weil die Mieten beständig steigen, kommen viele Leute mit ihrem Geld nicht mehr über die Runden. 7300 Menschen hatten Ende 2016 kein eigenes Dach über dem Kopf, darunter fast 1600 Kinder. 8200 Haushalte stehen im Wohnungsamt auf der Liste derer, die am dringendsten eine Wohnung brauchen, doch nur 2800 Wohnungen konnten im vergangenen Jahr von der Stadt vergeben werden.

Öfters verschuldet: Das Geld wird knapp, die Rechnungen flattern trotzdem ins Haus. Die Folge: Immer mehr Münchner landen in der Überschuldung. 105.000 Erwachsene waren es Ende 2016. Laut Studie haben Überschuldung und Armut auch Auswirkungen auf die Gesundheit: Die Menschen sind öfter krank, haben psychische Probleme und Kinder aus armen und überschuldeten Familien haben ein doppelt so hohes Risiko, sich schlechter zu entwickeln als Gleichaltrige aus gesicherten Verhältnissen.

Handlungsbedarf: Sozialreferentin Dorothee Schiwy bringt es auf den Punkt: „Der Armutsbericht soll Anregung und Diskussionsgrundlage für die sozialpolitische und gesellschaftliche Debatte über soziale Ungleichheit und Chancengerechtigkeit in unserer Stadtgesellschaft sein.“ Für jeden Themenbereich wurden Handlungsempfehlungen formuliert. Es sind nicht wenige.

Vererbte Armut

„Uns wundern die Ergebnisse des aktuellen Armutsberichtes nicht. Armut wird in München häufig vererbt. Das heißt: Leben die Eltern von Sozialleistungen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch die Kinder irgendwann von Sozialleistungen leben. Das liegt unter anderem am Bildungssystem. Daher wäre es sinnvoll, Ganztagsschulen einzurichten, wie es in vielen europäischen Nachbarländern schon lange praktiziert wird. Das würde für Chancengleichheit sorgen. Denn derzeit ist es eine lebenslange Kettenreaktion: Kinder aus armen Familien werden schulisch häufig schlecht betreut und haben nicht die gleichen Chancen wie Kinder aus gebildeten und besser verdienenden Elternhäusern. Viele schaffen den Abschluss nicht, weswegen sie später in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Das wiederum erhöht die Gefahr, im Alter mit einer sehr geringen Rente zu leben. Altersarmut kann also die Folge sein.“

Ulrike Mascher Landesvorsitzende des Sozialverbandes VdK Bayern

Monster Hartz IV

„Wir betreuen zu 60 Prozent Menschen, die von der Grundsicherung Hartz IV leben. Und ich kann aus der alltäglichen Praxis nur sagen: Hartz IV ist ein bürokratisches Monster. Die Regularien erleichtern einem nicht unbedingt, in ein geregeltes Arbeitsverhältnis überzugehen. Ein Beispiel: In einer dreiköpfigen Hartz-IV-Familie bekommt einer einen Job. Die Grundsicherung der Familie wird immer zum Ende eines Monats für den darauffolgenden Monat gezahlt. Sobald aber die Agentur für Arbeit weiß, dass einer aus der Familie ab kommendem Monat einen Job hat, streicht es häufig die Grundsicherung ersatzlos. Das heißt, die Familie muss dann einen Monat ohne Einkommen leben, weil ja üblicherweise das Gehalt meist zum Ende des Monats ausgezahlt wird. Wie soll das also funktionieren? Solche und viele weitere, ähnlich sinnlose Hartz-IV-Regeln gehören schon längst ausgebessert.“

Irmgard Ernst Chefin des Münchner Arbeitslosenzentrums MALZ

Belastende Bilder

„Dass der Anteil der armen Münchner steigt, erleben wir tagtäglich. Unsere Abtei versorgt in der hauseigenen Praxis Obdachlose. Deren Zahl ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Bilder, denen unsere Ärzte ausgesetzt sind, erfordern starke Nerven: Offene Wunden gehören zum Alltag. 4700 Menschen wurden 2016 behandelt, vor allem wegen innerer Krankheiten. Weitere Belege für die steigende Armut: 44 Prozent unserer Patienten haben überhaupt keine Krankenversicherung. Vor zehn Jahren aber waren es lediglich zwölf Prozent. Eine weitere Zahl: 2016 lebten 53 Prozent unserer Gäste obdachlos, 2006 waren es deutlich weniger, „nur“ 30 Prozent. Über 700 Personen nutzen unsere Adresse beim Einwohnermeldeamt und holen hier ihre Post ab. Noch im Jahr zuvor waren es 610. Das alles lässt nur einen Schluss zu: München müsste dringend massiv für bezahlbaren Wohnraum sorgen.“

Martin Glaab, Sprecher der Benediktinerabtei St. Bonifaz

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen 

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

Doris Richter/ Hüseyin Ince

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