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Gleiche Chancen für alle Kinder: Dies ist das Ziel von Christine Strobl (li.) und Beatrix Zurek. Dass es ihnen im Hort gut gefällt, ließen sie sich von Antonia, Victoria, Benno und Nils (v. li.) berichten: St. Rupert nimmt an der Förderformel teil. 

Münchner Förderformel

Ein Modell für mehr Gerechtigkeit

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Gleiche Bildungschancen für alle Kinder: Das ist erklärtes Ziel der Stadt. Seit 2011 fördert sie Kindertagesstätten speziell in Brennpunktvierteln mit der „Münchner Förderformel“. Eine erste Auswertung ergibt nun: Die Kinder profitieren.

München - Die Igel-Gruppe hat sich gut vorbereitet auf den Besuch der Bürgermeisterin. Zwei Buben überreichen Christine Strobl (SPD) ein klassisches Kindergartenwerk mit farbigen Fingerabdrücken. Buntheit, Vielfalt, Individualität: Hinter dem aufgeräumten und fröhlichen Bild, das sich Strobl bei ihrem Besuch in St. Rupert im Westend darbietet, stecken harte Arbeit – und viel Geld.

57 Prozent sozial benachteiligte Kinder hat dieses Haus mit seinen vier Kindergarten- und zwei Hortgruppen. Das bedeutet: Viele leben von Hartz IV, in Familien mit Migrationshintergrund oder bei Alleinerziehenden, manche haben eine Behinderung oder psychische Schwäche. Um ihnen gute Chancen zu eröffnen, später frei über ihren Lebensweg entscheiden zu können, hat der Stadtrat zum Kita-Jahr 2011/12 die Münchner Förderformel ins Leben gerufen.

Das neue Instrument sollte den Zuschuss-Wildwuchs an nichtstädtische Kitas kanalisieren. Und den Vorwurf entschärfen, städtische seien besser ausgestattet. Zudem sollte bei freigemeinnützigen Kitas das Geld gezielter dort landen, wo es wirklich für die Bildungsgerechtigkeit gebraucht wird. Konnte das gelingen? „Ich war selbst skeptisch“, sagt Strobl. Die Formel ist ein komplexes mathematisches Konstrukt. Es wurde ein bürokratisches Monster befürchtet.

Tatsächlich bedeutet die Förderformel viel Verwaltungsaufwand. Die Kita-Träger müssen große Mengen an Daten erheben, Formulare ausfüllen, Arbeit dokumentieren. So können sie Zuschüsse beantragen – etwa um mehr Erzieher für zusätzliche Öffnungstage einzustellen oder Personalausfall zu kompensieren. Sie werden bei Mietkosten entlastet, und die Gebühren für die Familien sind nach Einkommen gestaffelt. „Herzstück“ der Formel ist laut Bildungsreferentin Beatrix Zurek (SPD) der sogenannte Standortfaktor: Geld sollen vor allem Kitas in Brennpunkt-Vierteln bekommen, um zusätzliche Fachkräfte – etwa Logopäden oder Therapeuten – anzustellen.

Am Dienstag hat der Bildungsausschuss die erste Wirkstudie zur Förderformel durchgewunken. Tatsächlich bescheinigt ihr die Auswertung viele positive Ergebnisse: für die Kinder, die Mitarbeiter und die Eltern. In St. Rupert ließen sich Strobl und Zurek nun aus der Praxis berichten, wie sinnvoll die Formel wirken kann.

Noch 2010 sei eine Erzieherin für zehn Kinder zuständig gewesen, berichtet Peggy Tschung, die neben St. Rupert zwei weitere Kinderhäuser leitet. Dank Formel-Zuschüsse konnte der Schlüssel auf sieben Kinder verbessert werden. Eingestellt wurden auch Fachkräfte wie Musiktherapeuten. „So können wir individueller auf die Kinder eingehen und auch mal einen Schwimmausflug machen“, sagt Tschung. Zudem könne „enger mit der Familie gearbeitet werden“: Eltern würden mit Sorgen nicht einfach weitergeschickt, sondern intensiver beraten und unterstützt. „Wir merken am Kind, das die besseren Bedingungen ankommen“, sagt Tschung. Auch die Mitarbeiter seien entlastet und müssten sich nicht mehr krank zur Arbeit schleppen.

Zwar kritisierten Finanzprüfer bereits eine „Überförderung“ – weil der Freistaat, der den Löwenanteil der Kita-Kosten zahlt, dies für ausreichend hält. Doch bei der „Gemengelage“ in München, so Strobl, erachte die Stadt die Förderung für definitiv notwendig.

Von den 1325 Kitas in München sind aktuell rund 380 freigemeinnützige Kitas in der Formel. An sie hat die Stadt im vergangenen Jahr rund 36 Millionen Euro ausgereicht. Hinzu kommen weitere freiwillige Leistungen von 29 Millionen. Auch die rund 420 städtischen Kitas wurden der Einheitlichkeit halber nun ebenfalls in die Förderformel überführt.

Die Wirkstudie zeigt jedoch auch, dass noch längst nicht alle Mittel abgerufen werden. Im Kita-Jahr 2013/14 wurden erst 67 Prozent beantragt. Und Einrichtungen, die explizit wegen ihrer Brennpunktlage Standort-Zuschüsse erhalten, gibt es erst 187. Vor allem große Wohlfahrtsverbände verweigern sich bisweilen dem Berechnungsmodell.

Kleinere Träger hingegen nehmen den Aufwand in Kauf: St. Rupert hätte allein staatlicherseits 673 000 Euro zur Verfügung, durch die Förderformel kommt eine halbe Million dazu. Auch Dörthe Friess von Lichtblick Hasenbergl berichtet Positives: Dank dem Personal-Plus erreichten inzwischen viel mehr Kinder im Viertel einen mittleren Schulabschluss, sagt sie. „Das ist so ein Potenzial.“

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