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Tina Elsner (31) ist freiberufliche Hebamme in Oberföhring. Sie liebt ihren Job – aber der stellt sie auch vor große Herausforderungen.

Schwere Geburt

Münchner Hebamme liebt ihren Beruf, aber spricht offen über Probleme

Schwangere, die eine Hebamme suchen, müssen in München  lange Listen durchtelefonieren – und nicht immer ist diese Suche erfolgreich. Eine freiberufliche Hebamme spricht offen über ihre Arbeit und die Probleme. 

München - Die elf stationären Geburtshilfe-Abteilungen in der Stadt arbeiten an der Grenze der Belastbarkeit. Zuletzt haben mehrere Geburtshilfeabteilungen im Münchner Umland geschlossen.

Vor allem auf den Frühgeborenen-Intensivstationen fehlt Personal, weshalb sich zuletzt vor allem nachts öfter alle sechs Neugeborenen-Intensivstationen aus dem Online-Kapazitäts-System Ivena abgemeldet hatten oder Frauen bei einer Frühgeburt in andere Kliniken außerhalb Münchens transportiert wurden. Die Stadt will die angespannte Situation weiter entschärfen. Am Donnerstag befasst sich der Gesundheitsausschuss mit der Sache. Die wichtigsten Infos: 

  • In München gibt es inzwischen zwei Geburtshäuser, in denen Frauen ihr Kind unter der Aufsicht von Hebammen zur Welt bringen können – eine Alternative zur Klinikgeburt. 458 Frauen nutzten diese Möglichkeit im Jahr 2014. Damit das neue „Geburtshaus an der Theresienwiese“ künftig etwa 100 Geburten pro Jahr im Haus sowie 50 Hausgeburten begleiten kann, ist in den Räumen an der Lindwurmstraße ein Großumbau nötig. Die Stadt will sich – auf Antrag der Grünen im Stadtrat – mit 75.000 Euro an den Kosten beteiligen.
  • Die Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V. berät und betreut Schwangere mit besonderen Bedürfnissen, vor allem sehr junge werdende Mütter sowie Schwangere mit Migrationshintergrund und psychischen Erkrankungen. Das Gesundheitsreferat will dieses Angebot auf Betreiben der Grünen nun erweitern, für die kommenden drei Jahre soll das Projekt 20 Stunden pro Woche arbeiten können. Dafür soll die Stadt pro Jahr 36 300 Euro hinlegen.
  • München soll eine Hebammenkoordinierungsstelle bekommen, die einerseits Schwangeren eine freiberufliche Hebamme vermitteln soll, andererseits aber auch Notfallsprechstunden an Abenden und am Wochenende sowie im Krankheits- oder Urlaubsfall Vertretungen organisiert. Das Konzept für die Stelle soll ein externes Unternehmen erstellen. Kosten: 30.000 Euro.
  • Zur Situation in der Münchner Geburtshilfe soll es im Herbst 2018 ein Expertenhearing mit den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses geben.

Die Situation werde beschönigt – ein schlüssiges Gesamtkonzept fehle, kritisierte am Mittwoch die Bayernpartei. Stadträtin Eva Caim: „Die Versorgungslücken müssen endlich geschlossen werden.“ Bund, Land und Stadt seien gemeinsam gefordert.

Es bleiben nur 1500 Euro - eine freiberufliche Hebamme kommt kaum über die Runden

„Tut mir leid, ich bin ausgebucht.“ Im Schnitt drei Mal am Tag muss Hebamme Tina Elsner (31) am Telefon schwangere Frauen abweisen. Mit zwei Kolleginnen ist die Münchnerin für die Betreuung der Schwangeren und Wöchnerinnen in Oberföhring zuständig. Viel zu wenig: „Wir bräuchten dringend Verstärkung.“ Aber die fehlt. Horrende Versicherungsbeiträge, ein geringes Einkommen und dafür eine hohe Verantwortung: Die Arbeitsbedingungen für Hebammen sind so unattraktiv wie nie

Seit 2009 ist Tina Elsner, gerade mit Sohn Jaron (7 Monate) in Elternzeit, als freiberufliche Hebamme tätig. 36 Euro brutto bekommt sie für einen Wochenbettbesuch, der von den Krankenkassen mit 20 bis 40 Minuten angesetzt ist. Im Schnitt dauert er aber etwa eine Stunde – gerade bei frisch Entbundenen auch erheblich länger, die Fahrkosten gar nicht eingerechnet. 40 bis 60 Stunden arbeitet Elsner pro Woche, Büroarbeiten wie Rechnungen oder Behandlungsverträge schreiben nicht eingerechnet. Nach allen Abzügen bleiben ihr etwa 1500 Euro übrig.

„Ohne Partner kommt man mit diesem Gehalt kaum über die Runden“, sagt die junge Mutter. Auch finanziell müsse der Hebammenberuf besser anerkannt werden: „Schließlich tragen wir Hebammen die Verantwortung für eine ganze Familie.“

Ein großes Problem, gerade für freiberufliche Hebammen, sind zudem die immens hohen Versicherungsprämien. Im Jahr 2002 etwa musste eine Geburtshelferin für die Haftpflichtversicherung 453 Euro im Jahr bezahlen, 2017 waren es bereits 7639 Euro. Ein Grund, warum viele freiberufliche Hebammen wie auch Tina Elsner keine Geburtshilfe machen, sondern sich auf die Vor- und Nachsorge konzentrieren. Aber auch dafür fehlen Fachkräfte. Blieben Frauen früher nach der Entbindung etwa eine Woche im Krankenhaus, gehen sie heute bereits nach 36 oder 48 Stunden wieder nach Hause und müssen dort betreut werden. Damit stieg der Bedarf an Nachsorgehebammen stark an – ihre Anzahl aber nicht. Doch trotz aller Widrigkeiten: Tina Elsner würde sich immer wieder für ihren Job entscheiden. „Reich wird man nicht. Aber deswegen macht man es auch nicht: Hebamme sein ist eine Herzenssache.“

Sie findet einfach keine Hebamme

Der Bauch ist rund, am 12. August ist der errechnete Geburtstermin. Huan Fischer (30) ist im sechsten Monat schwanger –und findet einfach keine Hebamme. „Ich habe mir die Finger wund telefoniert. Keine Chance!“, sagt die Grundschullehrerin aus Pasing. Schon in der siebten Woche startete sie den ersten Rundruf – da wusste sie gerade seit zwei Wochen, dass sie schwanger ist. Trotzdem kassierte sie bislang nur Absagen. „Die meisten Hebammen haben gesagt, dass sie keine Zeit haben“, berichtet Huan Fischer. „Das ist doch verrückt. Offenbar kümmert man sich um die Suche am besten schon dann, wenn ein Kind nur in Planung ist.“

Huan Fischer (30) ist im sechsten Monat, aber ohne Hebamme.

In ihrem Bekanntenkreis stehen viele vor dem gleichen Problem: „Ich kenne einige, die gar keine Nachsorge-Hebamme gefunden haben und sich dann Tipps bei Freundinnen geholt haben.“ Huan Fischer hat bereits zwei Kinder (vier und sieben Jahre) und ist damit kein Neuling, was Nabelpflege, Stillen & Co. angeht. „Aber es kann immer etwas sein – da wäre es gut zu wissen, dass jemand für mich da ist.“
Sie hofft, kurzfristig noch eine Zusage zu bekommen – etwa durch eine Beleg-Hebamme, die den Geburtstermin mit ihrem Dienstplan im Krankenhaus vereinbaren kann. „Bei der Versorgung muss dringend etwas geschehen“, sagt Huan Fischer. „Eine zentrale Koordination etwa würde schon helfen. Wenn ich niemanden mehr finde, bleibt mir nur die Wochenbett-Ambulanz.“ 

Nach Kreißsaal-Aus: Hochschwangere Weilheimerin (32) organisiert Demo. Kommunale Krankenhäuser wie in Weilheim und Schongau kämpfen aufgrund politischer Hürden ums Überleben.

Via Facebook machte eine Hebamme mit einem ungewöhnlichen Aufruf auf den Hebammenmangel aufmerksam: „Zeugen Sie Ihr Kind besser erst nach Ostern.“

Von Caroline Wörmann, Christina Meyer

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