Ein Münchner im Himmel

München - Der Truderinger Volksschauspieler und Wirt Sepp Gneißl ist nach langem Leiden gestorben

Nein, Angst vor dem Tod hatte er nicht. Schließlich war Sepp Gneissl gläubig, wenn auch kein Kirchgänger. Aber er liebte das Leben, und wie! Als ihm die Ärzte im Februar sagten, er habe keine Chance, war das ein harter Schlag. Die Wälder, in denen er so gerne auf die Jagd ging, die Bühne, auf der er als Bruder Josef derbleckte, seine Freunde, Familie, gutes Essen. Aus und vorbei.

Schon vor Jahren hatten die Ärzte Krebs diagnostiziert. Sepp Gneißl besiegte ihn zunächst. Einmal, da kam der Truderinger gerade von einer Kontrolluntersuchung zurück, traf er zufällig seine Nachbarin Hanna Rucha. Voller Freude und Erleichterung rief er ihr zu: „Hanni, ich darf leben!“ Doch der Krebs kam zurück. Zwar setzten die Ärzte zunächst Hoffnung in eine starke Chemotherapie, aber der Opa von fünf Enkelkindern vertrug sie nicht.

Sepp Gneißl jammerte nie, obwohl er starke Schmerzen hatte. Geduldig und ohne Frust ertrug er die Qualen. „So liebenswert wie er im Leben war, so war er bis zum letzten Atemzug“, sagt Sepp Gneißls Bruder Werner. Er, seine Frau Gabi sowie Sepp Gneißls Freundin und Bühnenpartnerin Bea Wallwitz kümmerten sich um den Todkranken. Bea Wallwitz pflegte ihn, wenn er aus der Klinik nach Hause durfte. Sie erfüllte ihm jeden Wunsch.

Nur einen Wunsch konnte sie ihm nicht erfüllen: Sepp Gneissl hätte so gerne noch Weihnachten gefeiert. Seinen 79. Geburtstag am 23. Oktober dagegen erlebte er noch. „Sepp, heute hast Geburtstag. Dafür haben wir gekämpft, und du hast es geschafft“, sagte Bea Wallwitz zu ihm. Da war es fünf Uhr früh und Sepp Gneißl bei Bewusstsein. Er lächelte, dämmerte wieder weg - und starb am Abend des 24. Oktobers in den Armen seiner Freundin.

Ein schmerzhafter Verlust nicht nur für Freunde und Angehörige: Sepp Gneißl prägte das Truderinger Kulturleben wie kaum ein anderer. Er war Gründungsmitglied des Truderinger Kulturkreises, hob namhafte Veranstaltungen aus der Taufe. Etwa das Truderinger Ventil, das „Nockherberg-Derblecken des Ostens“, das er mit dem 2009 gestorbenen Egon L. Frauenberger entwickelt hatte. Hier derbleckte er als Bruder Josef die Politiker - frech, hintersinning, aber nie entwürdigend. Sein Publikum lachte Tränen.

Brillant verkörperte Sepp Gneißl den Münchner im Himmel von Ludwig Thoma. Er brachte zahlreiche Stücke des bayerischen Schriftstellers zur Aufführung. Er arrangierte mit Bea Wallwitz die „Oper auf Bayerisch“, beteiligte sich an der Truderinger Kirta, baute jedes Jahr die Weihnachtskrippe im Bürgerzentrum auf. 2011 würdigte ihn das Bürgerzentrum mit der goldenen Ehrennadel.

Sepp Gneißl machte nie Aufhebens um seine Person. Viele wissen deshalb nicht, dass er sein Publikum über Truderings Grenzen hinaus begeisterte. Er war Conférencier des Orchesters von Josef Augustin, Bassist der Volksmusikanten „Helga und die Königsbuam“. Mit letzteren erreichte er den ersten Platz in der Weiß-blauen Hitparade. Als Entertainer trat er auf Kreuzfahrtschiffen auf, hatte Rollen an den Kammerspielen und der Staatsoper. Auch in der Lindenstraße spielte er mit. 30 Jahre lang war er Rekommandeur im Teufelsrad auf der Wiesn.

Doch Gneißl konnte seine Frau und die beiden Töchter nicht vom Applaus ernähren. Deshalb bewirtschaftete er den Lindengarten und ab 1969 den Gasthof Obermaier in Trudering. Später führte er einen Fischladen. Er, der mit zwei jüngeren Brüdern aufwuchs, hatte früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. 1943 - Sepp Gneißl war da sieben Jahre alt - wurde die im Glockenbachviertel lebende Familie ausgebombt. Sie wurde auf einen Bauernhof in Wall bei Miesbach evakuiert, der Vater kämpfte im Krieg. 1947 zog die Familie nach Trudering. Hungerjahre! Bis in die Holledau ging Sepp Gneißl auf sogenannte Hamstertour. Bettelte bei Bauern um Essen, sonst wäre seine Familie verhungert.

Schon als Jugendlicher gehörte sein Herz der Schauspielkunst, vor allem der Clownerie. Seine Mutter unterstützte seinen Wunsch, Clown zu werden. Sie erlaubte ihm, in der Schweiz eine Ausbildung bei Charles Adrien Wettach zu machen, dem seinerzeit weltberühmten Clown Grock. Seinen Vater ließ sie im Glauben, der Sohn besuche in der Schweiz eine höhere Schule. Das ging gut - bis Sepp Gneißl im Circus Krone auftrat und ganz München begeisterte. Der Vater war alles andere als amüsiert. Sein Erstgeborener, ein Zirkusartist! Hinter seinem Rücken! Es setzte Watschn.

Brav fügte sich Sepp Gneißl dem Wunsch des Vaters, eine handfeste Ausbildung zu machen. Er lernte das Handwerk eines Zimmerers - und baute in der Nachkriegszeit die Innenstadt mit auf. Kaum ein Dachstuhl, auf dem Sepp Gneißl nicht gewerkelt hat. Stets hielt er den Richtspruch, hatte sich doch sein komödiantisches Talent auf dem Bau herumgesprochen. Auch im Freundeskreis war sein Talent gefragt. Seine Nachbarn Herbert und Hanni Rucha etwa engagierten ihn für den Polterabend ihres Sohnes, wo er Ludwig Thoma rezitierte.

Sepp Gneißl konnte hitzköpfig sein und krachert - ein Bayer eben. Aber er war ein umgänglicher Mensch. Zupackend, großzügig, hilfsbereit.

von Bettina Stuhlweißenburg

Auch interessant

Kommentare