+
Äußerst sich im Interview: Ahmad Schekeb Popal erreicht mit seinen Internetvideos viele Jugendliche.

Popal predigt im „Hansahaus“

Münchner Imam im Interview: „Nach Videos bekam ich Morddrohungen“

  • schließen

Ahmad Schekeb Popal ist eines der wichtigsten Gesichter muslimischen Lebens in München. Im Interview spricht der Imam über modernen Islam, Jugendliche und Moscheepläne.

München - Ahmad Schekeb Popal ist Imam. Der 27-Jährige ist in München geboren und studiert Betriebswirtschaftslehre. Im Mai 2017 hatte er mit seinem Bruder Massi eine Gruppe Muslime mobilisiert, um auf dem Marienplatz öffentlich zu beten - aus Protest gegen fehlende Gebetsräume. Zurzeit predigt er freitags im „Hansahaus“ an der Brienner Straße. Popal ist eines der wichtigsten Gesichter muslimischen Lebens in München. Ein Gespräch über modernen Islam, Jugendliche und Moscheepläne.

Eine aktuelle Frage vorab: Gehört der Islam zu Deutschland? Der neue Innenminister Horst Seehofer sagt: Nein.

Ahmad Schekeb Popal: Wir Muslime sind Deutsche. Wir leben sehr glücklich in Deutschland. Wir und unsere Religion, der Islam, gehören zu Deutschland. Ob das der CSU nun gefällt oder nicht.

Als Imam sind Sie auch Seelsorger. Womit treten Jugendliche an Sie heran?

Popal: Oft geht es um Politik, um Liebe, Familie, Freundschaft und religiöse Praxis: Wie reinigt man sich für das Gebet? Ist Küssen vor der Ehe erlaubt? Das Thema Sexualität ist für viele Muslime schwierig. Dabei gehört Deutschland zum Glück zu den Ländern, wo wir offen darüber reden können.

Lesen Sie auch: Eltern wählen ungewöhnlichen Namen für ihr Kind - jetzt erhalten sie Todesdrohungen 

Wird Sexualität im Islam tabuisiert?

Popal: Jüngst rief mich eine Familie an: Ihr Sohn sei homosexuell, das dürfe niemand wissen. Ich besuchte sie, die Stimmung war beschämt. Ich sagte ihnen: Kein Muslim darf einen Menschen, ob homo- oder heterosexuell, für seine Gefühle bestrafen. Der Islam zieht den Menschen nicht zur Verantwortung für seine Gefühle. Jedoch ist das Ausleben der homosexuellen Praktiken im sunnitischen wie im schiitischen Islam bekannterweise verboten. Die größte Herausforderung für Muslime ist es, die Tradition im Hier und Heute zu finden.

Sie haben Theologie studiert . . .

Popal: . . . trotz der Skepsis meiner Eltern, die aus Afghanistan stammen. Ich bin in München geboren. Im Islamischen Zentrum an der Neumarkter Straße konnte ich erste Erfahrungen als stellvertretender Imam sammeln. Nach der Mittleren Reife habe ich mit einem Stipendium in Südafrika drei Jahre islamische Theologie studiert - dort war es sehr traditionsbewusst - und ein Jahr in Ägypten, wo es sehr akademisch zuging. Das Studium in Deutschland war mir zu plakativ auf einen politisch-liberalen Islam angelegt.

Was wollten Sie?

Popal: Meine Hoffnung ist, dass wir mit der Tradition, den Quellen und Texten auch selbst denken dürfen. Kritisches Denken wird in vielen Studiengängen zu wenig gefördert. Der Großmufti in Südafrika las neben dem Koran und dem Hadith - den Überlieferungen des Propheten Mohammed - auch Nietzsche. Das hat mich beeindruckt, weil er in alle Richtungen denkt. Die meisten Imame setzen sich nicht mit nichtmuslimischen Denkern auseinander. Das ist ein Problem. Wir Imame müssen die Menschen zum Nachdenken anregen und ihre Herzen erreichen.

Lesen Sie auch: 

Islam-Debatte spaltet Union: Dobrindt mit harscher Kritik an Merkel

Schaffen Sie das?

Popal: Die Frage ist: Warum schafft es Pierre Vogel (ein deutscher Hassprediger, Anm. d. Red.), so viele Leute zu gewinnen? Er spricht eine einfache Sprache. Er erklärt den Islam in 30 Sekunden. Die Salafisten nutzen die Kraft der Musik in ihren Vorträgen. Mit den Versprechungen vom Paradies lassen sich Jugendliche leicht überzeugen. Sie haben kein theologisches Wissen, aber einen großen Durst nach Spiritualität, Glauben, Ethik.

Sind die Salafisten in München sehr aktiv?

Popal: Ja. Ich wohne in Neuperlach. Die Salafisten agieren fast nur im Internet. Sie präsentieren sich mutig, das macht sie vielen Jugendlichen sympathisch. Sie geben ihnen Bestätigung und eine Lizenz zum Predigen. Aber Jugendliche sind nicht für die schwierigen Fragen vorbereitet wie die Theodizee: Wenn es Gott gibt, warum gibt es Morde und Kriege? Die Salafisten geben einfache Antworten: Alles, was geschieht, ist Gottes Wille. Jugendliche nehmen das schnell auf. Das ist eine Riesengefahr.

Warum reisen so viele nach Syrien in den Krieg?

Popal: Ich kenne ein Dutzend, die gereist sind. Sie brachen den Kontakt mit mir ab, und später schickten sie ihren Bekannten hier Einladungen vom IS. Bei anderen war zum Glück die Polizei schneller. Viele wissen nicht, wie sie mit Religion umgehen sollen. Es gibt einen schweren Weg, bei dem man viel lernen und die eigene Position häufig hinterfragen muss. Der einfache Weg führt über Google, Youtube, soziale Netzwerke. Dort gibt es knallharte Regeln, eine Welt in Schwarz und Weiß. Jugendliche suchen Orientierung. Die Gesellschaft muss sie auffangen, nicht marginalisieren.

Konnten Sie junge Leute vom Dschihad abhalten?

Popal: Ich weiß es nicht. Ich bin auch in Kontakt mit der Polizei, nachdem ich Morddrohungen bekam - ich habe in Videos gegen diese Leute gepredigt.

Das tun Sie nicht mehr.

Auch in den Kammerspielen durften die Muslime 2017 ihr Freitagsgebet verrichten. Vorne: Imam Popal.

Popal: Nein, das hat nur die Fronten verhärtet. Jetzt zeige ich in Videos Alternativen auf und bespreche Fragen zum Islam, die mich erreichen: Ist Organspende im Islam erlaubt? Dürfen Sunniten und Schiiten heiraten? Neulich rief ein Saudi-Araber an: Ich solle begründen, dass Frauen nicht an Beerdigungen teilnehmen dürfen. Aber das ist katastrophal, wenn eine Frau ihrem Vater oder Ehemann nicht die letzte Ehre erweisen kann! Er fragte: Wo ist dann der Unterschied zu den Nichtmuslimen? Was, wenn die Frauen schreien und weinen? Ich sagte: Auch Männer müssen sich beherrschen. Wir werden hier von einer Frau regiert, die gut weiß, mit ihren Emotionen umzugehen.

Hat der Mann das eingesehen?

Popal: Er hat gemerkt, ich habe Recht, sagte aber: Ich will das trotzdem nicht. Viele Muslime leben mit dem Widerspruch: Sie wollen die Frauen an den Rand drängen und zugleich, dass sie selbstbewusster werden und ihr Heimatland moderner. Niemand will seine eigene Mutter leiden sehen - und gleichzeitig ist man beteiligt an der Unterdrückung anderer Frauen. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Ich habe Hoffnung, dass die Vernunft sich durchsetzt.

Ist im Islam ein Kopftuch Pflicht?

Popal: Es ist Pflicht, doch auch hier gibt es den Widerspruch. Wer sagt, das Kopftuch sei keine Pflicht, hat die Mehrheit der Muslime nicht hinter sich. Es widerspricht dem Konsens der Gelehrten. Wenn wir die Menschen abholen wollen, müssen wir so über den Islam reden, dass es alle verstehen. Im Koran heißt es: Die Frau soll ihre Schönheit, die einen Reiz ausstrahlt, bedecken. Was das bedeutet, interpretieren Bosnierinnen, Perserinnen oder Araberinnen im realen Leben aber unterschiedlich.

Sie leben mit Ihren Eltern, zwei Brüdern und Ihrer Schwester zusammen. Tragen die Frauen in Ihrer Familie ein Kopftuch?

Popal: Meine Mutter trägt keines und ist trotzdem eine gute Muslimin, weil sie den ethischen Werten des Islam folgt. Der Glaube sitzt im Herzen. Die Frauen in meiner Familie haben unterschiedliche Positionen. Meine Mutter und meine Schwester sind starke Persönlichkeiten, die selbst entscheiden. Im Islam gilt auch, dass eine Frau einem Mann nicht die Hand geben und dass der Mann zu Boden blicken soll. Aber es sind Ausnahmen vorgesehen, wenn man in einer Gesellschaft lebt, wo der Händedruck eine Grußform ist und man sich beim Reden in die Augen schaut. Das ist nicht mal liberaler Islam, sondern traditionell begründbar.

Sie würden sich nicht als liberal bezeichnen?

Popal: Nein, das Wort „liberal“ wird missbraucht, es degradiert einen zu Wischiwaschi. Ich vertrete einen traditionellen, aber keinen fundamentalen Islam. Der Islam ist keine Buchstabenreligion, er fordert uns auf nachzudenken. Die früheren Denker waren auch Kinder ihrer Zeit. Es war damals eine blutige Welt. Aber Hass hat keinen Platz im Islam. Ich habe die Vision: Jugendliche, ihr könnt hier bleiben. Hier gibt es den konservativen, dort den radikalen Islam. Es ist ein wenig wie das Problem der CSU, die versucht, die ganz Konservativen zu halten, sodass sie nicht zur AfD abwandern.

Was zeichnet Ihre Predigt aus?

Popal: Ich predige laut, jung, auf Deutsch, gut vorbereitet und zu Alltagsthemen. Das ist anders als bei vielen Imamen, deren deutsche Predigten oft klingen wie Parteiprogramme: „Der Islam ist tolerant, wir sind weltoffen“ und so weiter.

Lesen Sie auch: 

JuSo-Chef Kühnert sieht hinter Islam-Äußerungen der CSU „Kampagnenstrategie“

Wie viele Gläubige versammeln sich zurzeit freitags im Hansahaus?

Popal: Etwa 50, vor allem Junge und Akademiker. Ältere wissen noch nicht davon, und wir hoffen, bald auch sie abzuholen. Die anderen Muslime verteilen sich auf die Moscheen, die weiter rappelvoll sind. Oft kommt es dort zu Rangeleien: wer zuerst da war oder sich erst waschen darf. Die Stimmung dort ist oft angespannt.

Sie planen eine Moschee in der Innenstadt . . .

Popal: Ja. Ich habe den Wunsch, dass wir in Hauptbahnhofsnähe eine Moschee organisieren, in der nur auf Deutsch gepredigt wird. Die auch als Informationszentrum dient und als Begegnungsstätte, in der Themen diskutiert werden. Ich bin überzeugt: Jugendliche und Ältere würden alle kommen.

Es gab schon Pläne für eine zentrale Moschee: erst vom Verein Ditim in Sendling, dann von Benjamin Idriz an der Dachauer Straße. Beide scheiterten. Was macht Ihr Projekt anders?

Popal: Benjamin Idriz hatte ein schönes Projekt, das er wegen fehlender Spenden nicht verwirklichen konnte. Wir haben keine großen Kosten vor uns, wir planen einen kleinen Ort. 200 bis 300 Quadratmeter würden anfangs genügen. Wir könnten das Freitagsgebet dreimal verrichten, in Schichten.

Sind auch Frauen erwünscht?

Popal: Unbedingt! Frauen und Männer sollen getrennt sitzen, um sich nicht gegenseitig abzulenken, aber Frauen müssen nicht unbedingt hinten sitzen.

Lesen Sie auch: 

Islam-Debatte: Dobrindt mit drastischer Aussage zu „Multikulti“

Verdienen Sie als Imam Geld?

Popal: Nein, und das ist gut so - denn wer bezahlt, bestimmt. Um frei zu sein in meiner religiösen Arbeit, möchte ich unabhängig davon Geld verdienen. Darum studiere ich jetzt noch Betriebswirtschaftslehre. Nebenbei arbeite ich bei einem islamischen Bestattungsdienst und im Einzelhandel.

Interview: Christine Ulrich

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Umbau der städtischen Kliniken: Das sind die Baupläne des Mega-Eingriffs 
Unter dem Namen „München Klinik“ firmieren zukünftig die städtischen Krankenhäuser in München. Derzeit werden sämtliche Standorte aller Kliniken modernisiert. 
Umbau der städtischen Kliniken: Das sind die Baupläne des Mega-Eingriffs 
Neue Vorwürfe gegen Ticket-Kontrolleure: Ex-Mitarbeiter berichtet von Gewalt, Rassismus, Unterschlagung
Nachdem vor wenigen Tagen bereits über eine geheime Quote für Kontrolleure berichtet wurde, werden nun neue Vorwürfe gegen die Ticket-Sheriffs erhoben.  Ein weiterer …
Neue Vorwürfe gegen Ticket-Kontrolleure: Ex-Mitarbeiter berichtet von Gewalt, Rassismus, Unterschlagung
Technische Störung: Verspätungen und Ausfälle bei der S3
Zahlreiche Pendler sind auf den S-Bahn-Verkehr angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Störungen, Sperrungen und Ausfällen. In unserem News-Ticker informieren wir Sie …
Technische Störung: Verspätungen und Ausfälle bei der S3
Riesen-Ärger um Zombie-Zitat: AOK-Magazin beleidigt autistische Kinder - Vater entsetzt
Joerg Schudrowitz ist entsetzt, als er in einem Artikel im AOK-Magazin von „autistischen Zombies“ liest. Der Vater eines autistischen Sohnes startet eine …
Riesen-Ärger um Zombie-Zitat: AOK-Magazin beleidigt autistische Kinder - Vater entsetzt

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion