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Kristallisationspunkt der frühen Rechtsradikalen war die Thule-Gesellschaft, sagt Autor Hermann Gilbhard.

Buch & Vortrag

Thule-Gesellschaft: Die Keimzelle der Nazis in München

München -  1918 nistete sich die Vereinigung im Luxushotel Vier Jahreszeiten ein – und gilt als Keimzelle der NSDAP. Trotzdem werden in München immer noch Thule-Mitglieder geehrt. Ein Münchner Journalist hat ein Buch über die Gesellschaft geschrieben.

Die Thule-Gesellschaft verwendete schon lange vor den Nazis das Hakenkreuz, predigte Antisemitismus und Rassenhass. In München hat sie Spuren hinterlassen. Drei Straßenschilder tragen bis heute die Namen von einstigen Mitgliedern – eine merkwürdige Ehre. Denn die Thule-Gesellschaft spielt eine entscheidende Rolle für die Nazi-Tyrannei. Wie also konnte es dazu kommen, dass es noch heute in Kirchtrudering die Hella-von-Westarp-Straße und nicht weit davon entfernt die Teuchertstraße und die Deikestraße gibt?

Der Grund dafür ist, dass man Hella von Westarp, Franz von Teuchert und Walter Deike anfangs nur als Opfer wahrnahm. Am Nachmittag des 30. April 1919, an dem die Münchner Räterepublik unterging, wurden im Hof des Luitpoldgymnasiums sieben Thule-Aktivisten von Rotarmisten erschossen – unter ihnen auch die drei Genannten. „Ganz Deutschland sprach damals vom Geiselmord an unschuldigen Bürgern“, sagt Hermann Gilbhard. Der Münchner Journalist ist Experte in Sachen Thule-Gesellschaft. Er schrieb ein Buch darüber und wies nach, welch wichtige Vordenkerrolle die Gruppierung für den Nationalsozialismus spielte. Am morgigen Mittwoch hält er dazu einen Vortrag im NS-Dokumentationszentrum.

Schon der Gründer der Thule-Gesellschaft, Rudolf von Sebottendorff, habe sich von der Geiselmord-Theorie distanziert, sagt Gilbhard. In seinem 1933 erschienenen Buch „Bevor Hitler kam“ habe von Sebottendorff erklärt, dass die Thule-Leute nicht als Geiseln, sondern für das Hakenkreuz gestorben seien. Von Westarp, von Teuchert und Deike hatten, wie die anderen Thule-Leute auch, eine klar antisemitische Gesinnung.

Ihr Stern ging im August 1918 auf. Damals wurde die Thule-Gesellschaft in München gegründet. Benannt nach der sagenhaften Insel Thule, die weit im Norden gelegen haben soll, ging die Gesellschaft aus dem logenartig aufgebauten, völkisch-antisemitischen Geheimbund „Germanenorden“ hervor. Ihre Mitglieder waren zumeist Akademiker, Aristokraten und Geschäftsleute. Als Emblem wählte man ein Hakenkreuz mit Strahlenkranz hinter einem Schwert. Anfangs habe die Aufgabe der Thule-Gesellschaft nur in der Mitgliederauslese für die Münchner Gruppe des Berliner Ordens bestanden – und im Abschirmen der Aktivitäten nach außen, schreibt Gilbhard in seinem Buch „Die Thule-Gesellschaft – Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz“. „Nach dem Sturz der Monarchie in Bayern und dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch wuchs die Thule über die ihr zugedachte Rolle einer Tarnorganisation weit hinaus.“

Eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen: 1918 mietete die Gesellschaft im Luxushotel Vier Jahreszeiten an der Maximilianstraße Räume an. Dort brachte sie auch die Redaktion ihrer Zeitung „Münchner Beobachter“ unter. Das Blatt wurde später unter dem Titel „Völkischer Beobachter“ an die NSDAP verkauft. „Auf diesen unrühmlichen Part der Firmengeschichte ist das Hotel Vier Jahreszeiten in seinen Chroniken bisher mit keinem Wort eingegangen“, kritisiert Gilbhard.

Die Thule-Gesellschaft gründete unter anderem 1919 das Freikorps Oberland, einen Vorläufer des Bundes Oberland, der ab 1921 eng mit der NSDAP kooperierte. Der Gruß der Thule-Gesellschaft „Heil und Sieg“ wurde später zum „Sieg Heil“ des Hitlergrußes. Nach dem Sturz der Monarchie habe die Thule-Gesellschaft sich zum Zentrum der Gegenrevolution entwickelt, sagt Gilbhard.

1975 befragte er den Zeitzeugen Heinz Kurz, der den Kampfbund Thule geleitet hatte, aus dem das Freicorps Oberland hervorging. Im Kampf gegen das parlamentarische System der Weimarer Republik und die Münchner Räterepublik „wirkte die Thule-Gesellschaft wie ein Magnet auf Eisenspäne“, erklärte Kurz damals. So wurde „aus der einige Monate zuvor noch verhältnismäßig unbedeutenden Vereinigung ein Kristallisationspunkt und Katalysator“.

Die Weichen für das, was danach kam, wurden somit gestellt: „Bayern entwickelte sich zur Ordnungszelle der nationalen Rechten und zum Aufmarschgebiet der Nationalsozialisten auf dem Weg ins Dritte Reich“, sagt Gilbhard. „Aus dem liberalen München wurde die ‚Hauptstadt der Bewegung‘.“ Die Nazis hätten von Thule später freilich nicht mehr viel wissen wollen. Die Gesellschaft löste sich 1925 auf. Als von Sebottendorff 1933 versuchte, sich mit seinem Buch als Vorläufer des Nationalsozialismus anzupreisen, schob man ihn aus Deutschland ab.

Für das Thema interessierte Gilbhard sich bereits früh. Der gebürtige Grazer, der heute in Harlaching wohnt, schrieb seine Diplomarbeit an der Hochschule für Politik über Thule. Das Thema ließ ihn nie wieder los – denn es ist auch heute noch aktuell, erklärt er: „Die Ideologie der Thule-Gesellschaft ist mit dem Dritten Reich nicht untergegangen.“ In der Gedankenwelt rechtsextremer Gruppen lebe sie fort. „Thule ist heute eine Art Schlüsselbegriff im Kommunikationssystem der extremen Rechten.“

Die Straßenbenennungen in Kirchtrudering veranlasste NS-Oberbürgermeister Karl Fiehler im August 1936. Dass sie heute noch so heißen, findet Gilbhard befremdlich. „Es ist allerhöchste Zeit, dass die Namen geändert werden. Der Bezirksausschuss Trudering-Riem darf das veranlassen – er sollte sich schleunigst mit dem Thema befassen.“

Den Vortrag „Die Thule-Gesellschaft: Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz“ hält Gilbhard am Mittwoch, 19 Uhr, im NS-Dokuzentrum, Brienner Straße 34. Eintritt frei.

Brigitta Wenninger

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