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Schlussverkauf: Der Kostümverleih von Siegfried Cinyburg war eine Institution. Nun macht der Laden zum Jahresende dicht.

Wilde Feste waren sein Geschäft

Aus für "Cinyburg": Ende eines schrillen Kostümladens

München - In seinem Traditionsgeschäft an der Lindwurmstraße verkaufte Siegfried Cinyburg sein Leben lang Kostüme und Accessoires. Das ist nun vorbei: Ende des Jahres wird er schließen.

Siegfried Cinyburg wirkt nachdenklich, als er in den letzten Tagen in seinem Geschäft steht. „Es ist time to say goodbye“, sagt er ernst und faltet die Hände vor dem Bauch. Im grauen Anzug und karamellfarbenen Schal mit Karomuster steht der 61-jährige in seinen Kostümgeschäft an der Lindwurmstraße 16. Die Einrichtung stammt noch aus den Siebzigern, das graue Linoleum und die hölzernen Vitrinen wirken etwas in die Jahre gekommen. Ein paar Kunden stöbern durch den Laden. Es riecht nach herbem Rasierwasser.

Die Internet-Konkurrenz macht ihm zu schaffen

An den Wänden und auf Kleiderstangen hängen unzählige Kostüme und Accessoires, neu bepreist, mehr als das Auge erfassen vermag. Darunter bunte Clownkostüme, mittelalterliche Gewänder und lederne Herrendessous. In den Schränken hinter dem Tresen stehen Perücken und Strumpfhosenpackungen, hier und da hängen Hüte und Federboas. Alles muss raus, erklärt Cinyburg. Am 31. Dezember schließt er seinen Laden. „Sie sehen, jetzt schau ich a bissl traurig aus der Wäsche“, erklärt Cinyburg wehmütig in seinem bairischen Dialekt. Die Konkurrenz im Internet habe ihm zuletzt sehr zugesetzt. Da könne er nicht mithalten.

Perücken in allen Farben: Cinyburgs Geschäft an der Lindwurmstraße war eine wahre Fundgrube für extravagante Outfits und jeden festlichen Anlass.

„Die Leute machen auf billig“, sagt der 61-Jährige. Mit seinen Kostümen stand er für Qualität – zu entsprechenden Preisen. Das funktioniere heute nicht mehr. Deshalb gibt er seinen Laden, eine Münchner Institution, nun auf. „Ich nehme einen verdienten Ruhestand“, erklärt Cinyburg und lächelt. Er wirkt immer noch geschäftig, begrüßt seine Kunden, prüft die Ware.

Ein Leben fürs Familienunternehmen

Sein ganzes Leben hat er dem Familienunternehmen gewidmet. 1977 übernahm er es von seiner Mutter Brigitte Cinyburg, die sich 1945 als Schneiderin selbständig machte und den Laden an der Lindwurmstraße eröffnete. Er reiste nach Spanien, Mexiko und in die USA, um Kostüme auszusuchen und verkaufte sie in seinem Münchner Laden. Promis wie Uwe Ochsenknecht, Hape Kerkeling und Udo Jürgens zählten zu seinen Kunden, berichtet Cinyburg stolz. Im Nebenraum hängen noch Kleiderstangen mit schwarzen Anzügen, der letzte Auftrag, den er für die Münchner Philharmoniker entgegen nahm.

„Da hängt unser letzter Bischof!“ Siegfried Cinyburg deutet auf ein rotes, samtenes Kostüm, das in durchsichtiger Folie an einer der Umkleidekabinen hängt. „Aber der ist auch schon verkauft.“ Der Geschäftsmann ist stolz auf seine Ware. Unzählige Faschingsfeste, Hochzeiten und Mottoparties hat er ausgestattet. Wilde Feste gehörten zu seinem Geschäft. „Frau Lewkowicz“, ruft er quer durch den Laden zu seiner Mitarbeiterin am Tresen. „Wissen Sie noch, wie diese Party hieß? Die mit den Zuhältern?“ Frau Lewkowicz zögert nicht lange und ruft zurück: „Leichte Mädchen, schwere Jungs!“ Ja genau, die war’s.

Seit den 50er Jahren eine große Travestieabteilung

Auch gegenüber extravaganten Outfits ist Cinyburg aufgeschlossen, wie man im Laden unschwer erkennt. Hier und da finden sich die letzten Überbleibsel seiner großen Travestieabteilung, die er in den 50er-Jahren mit ins Sortiment nahm. Knappe Leder-Tangas, riesige Hüte, Plateauschuhe. „Am Anfang war das noch sehr verpönt“, erklärt der Geschäftsmann. Doch dann wurden Travestieshows salonfähig.

„Später waren sogar die Spießer unter den Zuschauern!“ Siegfried Cinyburg schmunzelt. Einige namhafte Travestiekünstler wie Miss Piggy und Miss Gloria Gray stattete er persönlich mit Kostümen aus. Stolz zeigt er die Fotos. Viele von ihnen waren Stammkunden.

Nun blickt er dem Ende mit gemischten Gefühlen entgegen. Das lachsfarbene Haus, in dem er seinen Laden hat, gehört ihm weiterhin. Das Geschäft will er vermieten. „Hier war immer Action“, sagt er. Damit ist nun Schluss. Seine Kunden müssen an Fasching, Halloween und bei Mottopartys ohne ihn auskommen. Und für Siegfried Cinyburg bleibt endlich Zeit, selbst mal wieder in die Philharmonie oder ins Theater zu gehen.

Sophie Krause

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