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Syarta Kryeziu führt ein glückliches Leben. Dass sie als kleines Kind nicht in den Kosovo abgeschoben wurde, verdankt sie einem Münchner Pfarrer, der ihrer Familie Kirchenasyl bot.

Münchner Projekt

Kirchenasyl als Chance auf Leben

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München - Über die Praktik des Kirchenasyls wird aktuell viel diskutiert in Bayern. In den vergangenen Jahrzehnten war es für viele Menschen die Rettung. Eine von ihnen ist Syarta. Sie ist in den 90ern knapp der Abschiebung entgangen. Für ein Münchner Projekt erzählt sie ihre Geschichte. 

Die Erinnerungen kommen jedes Jahr mit dem Frühling. Mit dem Geruch von Blumen und Gras. Er löst in Syarta Kryeziu etwas aus. Ein Gefühl von Geborgenheit. Von Sicherheit. Das Gefühl, das sie als vierjähriges Mädchen hatte.

Den Frühling vor 22 Jahren hat Syarta im Kirchenasyl in München verbracht. Ihre Familie war damals vor dem Krieg im Kosovo nach Deutschland geflüchtet. Doch der Asylantrag wurde nicht genehmigt. Die Familie hatte große Angst vor der Abschiebung. Davor, in der Heimat von Granaten getötet oder verletzt zu werden – so wie es vielen Verwandten passiert ist. Und davor, dass der Vater eines Tages von der serbischen Polizei abgeholt wird – so wie sie es oft angedroht hatte. In der Verzweiflung wandten sich Syartas Eltern damals an einen evangelischen Pfarrer in München. Er holte die sechsköpfige Familie ins Kirchenasyl. Syarta sagt: „Vielleicht hat er uns damit das Leben gerettet.“

Sie weiß nicht, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätte es den Schutz der Kirche nicht gegeben. Wahrscheinlich hätte sie nie Deutsch gelernt, nie eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Und sicher würde sich nicht in die Kirche gehen, wenn es ihr schlecht geht. Syarta Kryeziu ist Muslimin. Doch die sechs Monate, die sie als Kind im Kirchenasyl verbracht hat, haben sie für ihr Leben geprägt. „Gotteshaus ist Gotteshaus“, sagt sie. „Ich bin sehr offen für alle Religionen – das verdanke ich dem Pfarrer von damals.“ Er ist bereits vor langer Zeit gestorben. Aber zu seiner Familie und den Asylhelfern von damals hat Syarta Kryeziu noch immer Kontakt, obwohl sie inzwischen in Ingolstadt lebt und arbeitet.

Geborgenheit unter dem Dach der Kirche: Syarta hat als Vierjährige ein halbes Jahr im Kirchenasyl gelebt.

Im Frühjahr 1995 wurde der Asylantrag der Familie schließlich doch bewilligt. Sie durften bleiben, eine Wohnung suchen, die Kinder gingen zur Schule, der Vater fand eine Arbeit. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration. Und es ist eine von insgesamt acht Geschichten, aus denen die gemeinnützige Münchner Organisation Kairosis ein Projekt gemacht hat. Das Team um die evangelische Theologin Sabine Böhlau hat über ein Jahr lang Menschen begleitet, die im Kirchenasyl aufgenommen worden sind. Einige vor Jahrzehnten so wie Syarta, andere ganz aktuell. Die Buchautorin Lena Gorelik hat ihre Geschichten aufgeschrieben, Andreas Tobias hat sie fotografiert. Immer wieder, bei vielen Begegnungen. „Das Projekt war ein riesiges Geschenk“, sagt er rückblickend. „Es hat große Freude gemacht zu erleben, wie die Menschen sich mehr und mehr öffnen.“

Aus den Geschichten und Bildern ist ein Buch entstanden, das im Herbst erscheinen wird. „Wir haben lange überlegt, ob es ein politisches Buch werden soll“, erzählt der 32-jährige Fotograf. Doch immer mehr kristallisierte sich heraus, dass es nicht nur darum geht, Kritik zu üben. „Unsere Botschaft ist vielmehr, dass man jedem Menschen auf Augenhöhe begegnen sollte“, sagt Tobias.

Gleichzeitig ist das Thema aktueller denn je. Die Fälle von Kirchenasyl haben sich durch die steigenden Flüchtlingszahlen gehäuft. Im Februar 2017 waren bundesweit 530 Menschen – darunter 141 Kinder – im Kirchenasyl. Vor zwei Jahren hatten sich Kirchen und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf eine neue Form der Zusammenarbeit geeinigt. Solange sie dosiert angewendet werden, als eine „ultima ratio“, sollten Kirchenasyle respektiert werden. Kirchenvertreter sollten die Möglichkeit bekommen, Einzelfälle erneut prüfen zu lassen. Schätzungen zufolge können zwischen 80 und 90 Prozent der Flüchtlinge im Kirchenasyl langfristig in Deutschland bleiben. Doch die Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer in Bayern haben sich in letzter Zeit gehäuft. Der evangelischen Landeskirche sind 17 Verfahren bekannt. Auch wenn sie in der Regel folgenlos eingestellt werden, haben sie doch zumindest einschüchternde Wirkung.

Syarta Kryeziu verfolgt die Nachrichten darüber sehr aufmerksam. „Für mich ist das schwer zu ertragen“, sagt sie. „Es tut weh, mitzubekommen, wie Menschen, die Flüchtlingen so sehr helfen, so viel Negatives dafür zurückbekommen.“ Das war auch ein Grund dafür, warum sie sich für das Kairosis-Projekt engagiert hat. Ihre Geschichte soll Mut machen – anderen Flüchtlingen und den Helfern, die sich für sie einsetzen.

Das Kairosis-Projekt

„Syartas Reise – Menschen im Kirchenasyl“ wird an diesem Sonntag um 18 Uhr in der Nazareth-Kirche in München vorgestellt.

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