Test der Stadtwerke

Dieser Münchner Bus braucht gar keinen Fahrer 

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Die Stadtwerke testen derzeit einen Elektro-Bus ohne Fahrer. In der Schweiz ist er schon im Einsatz. In München könnte sich die MVG den Einsatz solcher Fahrzeuge etwa zu Nacht-Zeiten vorstellen.

Ein Shuttle-Bus, der sich ganz ohne Fahrer durch die Stadt schlängeln kann: In München ist das noch Zukunftsmusik. In der Schweizer Stadt Sion (deutsch Sitten) sind die Elektro-Fahrzeuge schon unterwegs. Lediglich ein menschlicher „Operator“ ist an Bord, der im Notfall eingreifen kann. Nun ist der Bus der Zukunft noch bis Mittwoch bei den Stadtwerken München (SWM) zu Gast.

Dort pendelt er testweise auf dem privaten Gelände der Stadtwerke hin und her. Denn: In Deutschland gibt es bisher keine gesetzliche Grundlage für einen Einsatz der Busse auf der Straße. „Wir versuchen hier zehn oder 15 Jahre vorauszudenken“, sagt Gunnar Heipp, Leiter Strategische Planungsprojekte der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Dann könne er sich solche Fahrzeuge auch hier vorstellen.

Die Idee: Die sich selbst steuernden Shuttle-Busse könnten in München in Gegenden eingesetzt werden, in denen sich etwa abends ein Busverkehr nicht loht oder der Weg zur U-Bahn zu Fuß weit sei, so Heipp. „So könnten wir unser Angebot ausweiten – und mehr Menschen von ihren privaten Autos in die öffentlichen Verkehrsmittel bekommen.“

Die Busse fahren derzeit nur 20 Stundenkilometer schnell

Doch bis dahin sind noch Hausaufgaben zu erledigen: Etwa fahren die Busse derzeit aus Sicherheitsgründen nur 20 Stundenkilometer schnell, technisch möglich wären 45 Stundenkilometer. Außerdem bleiben sie bei einem plötzlich auftretenden Hindernis einfach stehen, erklärt Cristina Zielke von der Postauto Schweiz AG, die die Shuttles seit 16 Monaten auf der Straße in Sion testet. Der „Operator“ muss sie dann mit einem „Controller“ wie bei einer Spielkonsole um das Hindernis navigieren. Trotzdem seien die Erfahrungen mit den Bussen bis jetzt sehr positiv, sagt Zielke. „Wir haben mittlerweile mehr als 30 000 Personen befördert – nach anfänglicher Skepsis sind viele Menschen begeistert.“

Der Bus fährt in Sion unter anderem durch die engen Gassen der Altstadt. Einen Zwischenfall gab es: Im Herbst 2016 krachte eines der zwei eingesetzten Fahrzeuge gegen die Heckklappe eines falsch geparkten Lieferfahrzeuges. „Verletzt wurde niemand, aber wir haben die Technik natürlich danach überarbeiten lassen.“ Hersteller der Busse ist das französische Unternehmen „Navya“. Dessen Ziel ist es, die Busse ab 2020 vollkommen autonom – also komplett ohne Fahrer – navigieren lassen zu können, sagt der Zentral- und Osteuropa-Manager der Firma, Frédéric Sartou. Verkaufspreis der Fahrzeuge derzeit: 250 000 Euro pro Bus.

Interview: „Die Technik ist tausend Mal schlauer als der Mensch“

Die Journalistin Agnes Vogt (32) ist Expertin für das Thema autonomes Fahren beim Fachmagazin „Automobilwoche“ – sie erklärt die Zukunftsfähigkeit der Technik.

Komplett autonom fahrende Busse in zehn Jahren in München – wie realistisch ist dieses Szenario?

In einer Stadt wie München unrealistisch. Die Straßenzüge sind derzeit sehr auf Tram und Bus ausgerichtet. Die größte Gefahr beim autonomen Fahren ist, wenn Fahrbahnen von Fußgängern oder Radlern zu oft gekreuzt werden können. Man könnte aber bestehende Trambahn-Trassen nutzen. Auf einen Menschen, der zur Sicherheit in den Bussen eingreifen kann, wird man in den nächsten Jahren noch nicht verzichten können.

Das hört sich nicht sehr euphorisch an.

Nichts ist unmöglich. Die Technik entwickelt sich rasend schnell. Vor einigen Jahren noch sagte Daimler etwa, autonomes Fahren käme sicher nicht vor 2030, heute nennen viele Hersteller 2022/23 als realistisch, jedoch nicht komplett ohne einen Menschen.

Wie steht es um die gesetzlichen Regelungen?

Expertin Agnes Vogt. 

Technisch ist vieles heute schon kein Problem, aber die Regelung ist bis jetzt nicht gegeben. Im Frühjahr hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, nachdem automatisiertes Fahren erlaubt ist. Dabei darf der Fahrer auf Autobahnen bis zu einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern – also im Stau oder zähfließenden Verkehr – die Hände vom Steuer lassen, das Auto fährt dann selbstständig und kann sogar die Spur wechseln. Für selbstfahrende Busse aber gibt es in Deutschland noch keine gesetzliche Grundlage. Ich bin mir aber sicher: Das wird kommen.

Was sind die größten Herausforderungen?

Die Akzeptanz in der Gesellschaft muss geschaffen werden. Den Leuten muss klar werden, dass autonomes Fahren an sich eine sinnvolle Sache ist. Die Technik ist tausend Mal schlauer als der Mensch: Sie wird nicht müde, lässt sich nicht ablenken, die Autos haben überall Augen. Es würde weniger Unfälle geben.

Doch ein Risiko bleibt.

Klar. Und da gibt es Fragen, die geregelt werden müssen. Wer trägt die Verantwortung für einen Unfall, der durch ein autonom fahrendes Auto ausgelöst wird? Um diese Antwort drücken sich die Verantwortlichen derzeit.

Was für positive Effekte hätten autonom fahrende Autos in Städten?

Experten des Fraunhofer-Instituts führen etwa an, dass wenn in München selbstfahrende Autos als eine Art Robo-Taxis gemeinsam genutzt werden würden, eine Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern frei würde. Denn dann bräuchte man auch deutlich weniger Parkplätze und Tiefgaragen. Auf dieser Fläche könnte Wohnraum für 40 000 Menschen geschaffen werden.

Video: Glomex

Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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