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Ansturm an der Tafel: Über 100 Menschen wurden allein am Mittwoch an der Großmarkthalle versorgt.

So wächst die Armut in der Stadt

Münchner Tafel-Chefin schlägt Alarm! Rund 2000 Bedürftige mehr pro Jahr

Die Armut in München wächst. Die Münchner Tafel versorgt etwa 20.000 Personen pro Woche. Doch es werden immer mehr. Die Münchner Tafel-Chefin schlägt Alarm!

München - Die Zahl der Bedürftigen Münchner steigt ständig. Darauf weist nicht nur der aktuelle Armutsbericht hin, sondern auch die zunehmende Zahl der Gäste der Münchner Tafel, die auf die Lebensmittel-Vergabe angewiesen sind: Jährlich kommen etwa fünf bis zehn Prozent, also bis zu 2000 Menschen hinzu! Hannelore Kiethe, Vorsitzende der Münchner Tafel schlägt Alarm. „Wenn es so weitergeht, wird es bei uns finanziell eng“, sagt sie.

Die Münchner Tafel ist am Limit

Derzeit versorgt die Tafel schon etwa 20.000 Personen pro Woche. „Das sind genauso viele Münchner wie Einwohner in Traunstein“, sagt Kiethe. Die Tafel wirtschaftet ohnehin am Limit. Im Jahr 2015 etwa hatte sie Ausgaben in Höhe von 1,23 Millionen Euro. Die Spenden und Mitgliedsbeiträge betrugen nur rund 800.000 Euro. Glücklicherweise erbte die Tafel in dem Jahr und konnte gleichzeitig weitere

450.000 Euro Rücklagen anlegen. Doch schon 2016 musste Kiethe fast komplett auf die Rücklagen zurückgreifen, um Rechnungen zu begleichen.

So viel Lebensmittel gibt die Münchner Tafel pro Woche aus

Hilft vor Ort: Tafel-Gründerin Hannelore Kiethe.

120.000 Kilogramm Lebensmittel pro Woche bzw. 6,2 Millionen Tonnen pro Jahr koordiniert die Tafel und leitet sie über ihre 27 Ausgabestellen an bedürftige Münchner weiter. „Keine abgelaufene Nahrung! Das wäre unwürdig“, betont Tafel-Gründerin Hannelore Kiethe, die auch froh wäre, wenn ihre Einrichtung etwas weniger zu tun hätte. „Gerade die Hartz-IV-Gesetze haben die Armut befeuert“, sagt sie. Nachdem die neuen Gesetze 2005 eingeführt wurden, stieg offenbar die Anzahl der Tafel-Gäste um 40 Prozent – innerhalb nur eines Jahres! Noch 2004 zählte die Tafel „lediglich“ 12.000 Gäste pro Woche, 2001 waren es 10.000.

Auch der Start des Euro führte zuvor zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl an Tafelgästen. Einige Geschäftsleute wie etwa Bäcker nutzten offenbar zum Jahreswechsel 2001/2002 die Gelegenheit, um an der Preisschraube zu drehen. Die Löhne, vor allem im niedrigen Bereich, blieben jedoch gleich. Die Zahl der Tafelgäste erhöhte sich innerhalb eines Jahres um zehn Prozent, weil vor allem Menschen im Niedriglohnsektor in die Armut rutschten, so Kiethe.

In diesen schwierigen Zeiten gibt es für die Tafel wenigstens eine gute Nachricht. Denn lange musste sie darum bangen, ob sie auf dem Areal der Großmarkthalle bleiben darf. Schließlich wird in den nächsten Jahren ein Privatinvestor den Gebäudekomplex sanieren. Doch nun steht fest, dass die Stadtpolitik einen Verbleib befürwortet. Wie jetzt bekannt wurde, brachte wohl ein Gespräch zwischen Kiethe, Oberbürgermeister Dieter Reiter und Ex-Fußballprofi Paul Breitner im September 2017 Klarheit. Breitner engagiert sich ehrenamtlich für die Tafel. Reiter sicherte zu, dass der Stadtrat hinter dem Verbleib der Tafel auf dem Gelände der Großmarkthalle stehe. 

Das sagen die Betroffenen

Ich komme schon seit zehn Jahren zur Tafel. Sie ist eine große Hilfe, da ich mit meinem Minijob nur wenig Geld verdiene. Über die Jahre sind immer mehr Menschen gekommen. Meiner Meinung nach liegt das an den teuren Mieten und der Schwierigkeit, Arbeit zu finden. Dazu ziehen immer mehr Menschen nach München. Hier findet man eine sehr bunte Mischung!
Gabi Meier (58), Reinigungskraft, München.

Komme schon seit 10 Jahren zur Tafel.

Meine Rente ist sehr gering, deswegen bin ich seit vier Jahren auf die Tafel angewiesen, um wenigstens bei den Lebensmitteln ein wenig sparen zu können. Ansonsten nimmt das meiste meiner Einkünfte die Miete in Anspruch. Außerdem steigen die Preise der Lebensmittel in den Läden immer weiter an. Ohne die Tafel wäre ich wirklich aufgeschmissen.
Jakob Luft (69), Rentner, Kirgistan.

Ohne die Hilfe geht es nicht.

Wegen einer schweren Erkrankung empfange ich Hartz IV und brauche die Spenden der Tafel. Seit zwei Jahren komme ich wöchentlich zur Großmarkthalle und spare so rund 70 Euro! Leider sehe ich manchmal Kunden, die die Ware schnell wieder wegwerfen und den Service nicht wertschätzen. Dabei geben sich alle so viel Mühe, und wir sollten einfach nur dankbar sein!
Sylvia Jovic (56), arbeitslos, München

Wir sollten dankbar sein!

Das sagt ein Helfer der Münchner Einrichtung

Wir helfen jeden Mittwoch vier Stunden beim Aufbau und der Ausgabe an die Kunden. Normalerweise kommen rund 200 Leute, seit einigen Jahren haben wir eine ansteigende Tendenz! Gründe dafür sind die immer teureren Lebensmittel, der Zuzug und die immer stärker anziehenden Mietpreise in München. Der Hartz-IV-Satz wird dagegen nur minimal angehoben – die paar Euro tun da nicht so viel zur Sache.
Rolf Graeber (73), Rentner, München.

Auch die Zahl der Wohnungslosen ist in München explodiert. Lesen Sie hier ein Interview mit Rudolf Stummvoll, Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration.

Eine Münchner Rentnerin muss mit 116,91 Euro im Monat auskommen. In ihrer Verzweiflung hat sie sich nun an den Münchner Verein „Ein Herz für Rentner“ gewandt. Lesen Sie hier die ganze Geschichte.

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

H. Ince

Immer noch ein Tabu:

Video: Glomex

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