Die Münchner trauern um ihren S-Bahn-Helden

„Dominik – verschluckt im Meer der Finsternis"

München - Es ist ein Meer der Stille, das sich an diesem Abend über dem Asphalt des Parkplatzes am Sollner S-Bahnhof ausbreitet. Rund 1500 Trauernde aus Solln und dem Rest der Stadt haben sich versammelt, um ihre Anteilnahme am Tod von Dominik Brunner zu zeigen.

Die katholische und evangelische Pfarrei aus Solln sowie der Bezirksausschuss haben zu einer Andacht zum Gedenken an den Mann eingeladen, der vier Kinder vor zwei jugendlichen Schlägern schützen wollte – und dabei selbst erschlagen worden ist.

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Genau in dem Moment, als die Räder der Busse und Bahnen zum Gendenken des wegen seiner Zivilcourage ums Leben gekommenen Unternehmers still stehen, schweigen auch die Bürger, die sich am Ort des Geschehens zur Andacht eingefunden haben. Die Sollner St. Georgs-Pfadfinder sowie die Pelikan-Pfadfinder stehen Spalier, als das getragene Lacrimosa aus Mozarts Requiem aus dem Klavier von Kirchenmusiker Harald Matschiner von St. Johann Baptist in Solln erklingt.

Der evangelische Pfarrer Dr. Christian Wendebourg spricht von einem „Meer der Finsternis“, das sich am Abend der tödlichen Schläge am S-Bahnhof Solln aufgetan habe. „Ein Abgrund, der Dominik Brunner unter unseren Füßen verschluckt hat.“

„Betroffenheit, Bestürzung, Fassungslosigkeit – ja, auch Wut – waren in den vergangenen Tagen unsere Begleiter. Und sie werden es wohl auch über diesen Abend hinaus sein“, so der katholische Dekan Wolfgang Neidl. „Mein Blick geht auch zu den Tätern, sie haben schwere Schuld auf sich geladen. Es ist nicht damit getan, sich über den Anwalt zu entschuldigen, man wollte nicht, dass Herr Brunner stirbt. Und auch die beiden müssen damit in ihrem Leben fertig werden,“ erklärt der katholische Geistliche.

“Dominik Brunners Einsatz war nicht umsonst“, betonen die beiden Sollner Gemeindepfarrer.

Der evangelische Pfarrer Wendebourg warnt: „Der Ruf nach staatlicher Gewalt, um uns davor zu schützen, lässt sich kaum unterdrücken.“ Aber damit würde nur die tödliche Spirale der Gewalt zementiert.“ „Wo bist du Mensch, wenn Jugendliche mitten untern uns so aufwachsen, dass ihre Aggressionen keine Grenze mehr kennt?“, fragt der evangelische Geistliche. Als Erstes solle nicht Dominik Brunners Tod in Erinnerung bleiben, sondern seine Tat. „Sein Einsatz hat die Spirale der Gewalt unterbrochen.“ Anschließend räumt der Pfarrer einen Stein aus der steinernen Spirale weg, die auf dem Platz ausgelegt war und setzt stattdessen eine weiße Rose, die Brunners Tat symbolisieren sollte. Als Sollner Eltern, Polizisten und Bahnmitarbeitern die Fürbitten vorlesen, heißt es auch „Wir bitten für dich und für die beiden Gewalttäter, die krank um Herz und Seele sind, stehe auch ihnen bei.“

Solln: Die Trauer am Bahnsteig

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Die Feier soll ein stilles Gedenken ohne Prominenz sein: „Eine Andacht der Sollner, deshalb haben wir auch keine Bischöfe eingeladen, um hier zu zelebrieren“, erklärt Dekanin Andrea Borger. Während die Stadt darum auch keine offiziellen Vertreter geschickt hat, steht Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) bei der Trauerfeuer in der ersten Reihe, Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP), selbst ohne Personenschutz mit der S-Bahn angereist, hält sich dezent im Hintergrund.

Im fernen Berlin würdigt Bundeskanzlerin Angela Merkel den verstorbenen Brunner in einer Kabinettssitzung: „Unser tiefes Mitgefühl gehört den Angehörigen.“ Der Getötete habe Zivilcourage gezeigt. „Dominik Brunner ist ein Vorbild.“ Und auch Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier erklärt bei einem Besuch in München: „Dominik Brunner hat wehrlose Kinder geschützt. Er hat Courage gezeigt, er hat seinen Mut mit dem Leben bezahlt. Für mich ist er ein wirklicher Held.“ Er wolle Brunners Familie seine Anteilnahme versichern.

Johannes Welte

Rubriklistenbild: © Jacob Mell

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