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Nur 15 Sekunden still sitzen, dann hat Daniel Hintersteiner mit seiner 150 Jahre alten Ausrüstung ein Foto geschossen.

Seltene Technik

Ein Münchner fotografiert wie anno 1850

München - Daniel Hintersteiner ist Fotograf. Das Besondere: Für seine Bilder benutzt er eine Technik aus dem 19. Jahrhundert. „Kollodium-Nassplatten-Fotografie“ nennt sich das Verfahren, das in den 1850er-Jahren modern war. Mit uns hat Hintersteiner über seine Kunst gesprochen.

Geradezu spartanisch ist sie, die Wohnung an der Claudius-Keller-Straße in Ramersdorf. Auf das Wichtigste reduziert. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Bücherregal. Alles andere steht im Zeichen der Kunst: Historische Kamera-Ausrüstung, wohin das Auge reicht. Manches davon erkennt man erst auf den zweiten Blick als Fotozubehör. Im Eingangsbereich steht ein großer, antik anmutender Holzkasten – ein portables Labor. In dieser Kiste entwickelt Daniel Hintersteiner seine Bilder. In Zeiten von Instagram und digitaler Schnappschuss-Fotografie wirkt sein Wohnzimmer wie das Reiseziel einer Zeitmaschine.

„Seit 2009 mache ich das“, erzählt der Fotograf und lächelt. „Meinen Film stelle ich komplett selbst her.“ Kaum hat er den Satz beendet, flitzt er auch schon in den Nebenraum. Als er kurz darauf wieder erscheint, hält er ein altes Objektiv in der Hand. „Das hier ist ein Weitwinkel-Objektiv von 1850, von Carl Zeiss entwickelt. Das macht so scharfe Bilder, dass es locker mit den heutigen Objektiven mithalten kann.“

Als es noch kein Fotopapier gab

Wenn Hintersteiner über Fotografie spricht, leuchtet in seinen Augen eine kindliche Euphorie. Zu Demonstrationszwecken baut er eine seiner historischen Kameras auf. Wichtiger Bestandteil: Ein flaches, rechteckiges Fach, das ins hintere Ende des Gehäuses geschoben wird. In diesem lichtdichten Kästchen entsteht das Bild. Die Kollodium-Nassplatten-Fotografie stammt noch aus einer Zeit, bevor die Bilder sich auf dem altbekannten Fotopapier manifestieren. Wenn Hintersteiner ein Foto macht, dann erscheint es auf einer dünnen Glasplatte – einem fragilen Unikat. Lässt man das Plättchen aus Versehen fallen, ist die Fotografie für immer dahin – Negative gibt es nicht.

„Für die Platten gehe ich einfach zum Glaser und hole normales Fensterglas“, erklärt Hintersteiner. „Aber das Glas ist ja nur der Träger.“ Damit auf der rechteckigen Scheibe eine Fotografie entstehen könne, müsse man zuerst eine Mixtur aus verschiedenen Chemikalien auftragen. „Das ist eine Mischung aus Kollodium – Kollodium ist eine Schießbaumwolle – Alkohol und Ether. Und dann kommen noch verschiedene Salze dazu.“

Eine abenteuerliche Mixtur ist nötig

Echte Unikate: Die Menschen auf den Glasplatten haben eine würdevolle Ausstrahlung.

Das Resultat gießt er dann auf die Glasplatte – die Mixtur ist ungefähr so zäh wie dünnflüssiger Honig. Anschließend kommt das gute Stück für drei Minuten in ein Silberbad, wo es durch die chemische Reaktion lichtempfindlich wird. Die so präparierte Glasplatte steckt Hintersteiner dann in das lichtdichte Kästchen, welches er hinten ins Kameragehäuse schiebt. Wenn er ein Foto macht, dauert die Belichtung – je nach verwendetem Objektiv – zwischen fünf und 15 Sekunden. „Deshalb hat sich das Kollodium damals durchgesetzt“, erklärt er. „Vorher gab es die Daguerrotypie, die haben auf Silberplatten fotografiert. Da war das Bild zwar komplett scharf, aber die hatten fünf Minuten Belichtungszeit. So lange kann keiner still sitzen. Deshalb haben die meistens Landschaften aufgenommen.“

Ist die chemisch behandelte Glasplatte fertig belichtet, hat Daniel Hintersteiner etwa fünf Minuten Zeit, sie mitsamt Kästchen zur abgedunkelten Holzkiste zu schaffen und das Bild darin zu entwickeln. „In der Regel dauert das Entwickeln so eine halbe bis eine Minute“, sagt er. Insgesamt sei das ein ganz schöner Aufwand. „Wenn ich draußen Fotos mache, muss ich alles mitnehmen – inklusive dem Entwicklerkasten.“

Ein Andenken der besonderen Art

Hintersteiner ist ein Autodidakt. Das ganze Verfahren hat er sich selbst beigebracht. Inspiriert habe ihn dazu die Arbeit der amerikanischen Künstlerin Sally Mann, die in den 1990er-Jahren mit Kollodium-Nassplatten-Technik fotografierte. „Mich hat es fasziniert, weil es so autark ist. Weil ich alles selbst machen kann.“

Viele von Hintersteiners Kunden stellen sich auf die historische Anmutung der Fotos ein – und kommen kostümiert zur Aufnahme. „Manche erscheinen als Ritter oder in viktorianischen Kleidern“, erzählt er. „Viele wollen auch ein einmaliges Hochzeitsfoto.“ 200 Euro verlangt Hintersteiner für ein 18 Mal 24 Zentimeter großes Glasbild.

Als er 2009 begonnen habe, sich mit dieser Form der Fotografie zu befassen, habe er im Internet nicht viel dazu gefunden, erinnert sich Hintersteiner. „Es gab vielleicht ein oder zwei Amerikaner, die das gemacht haben.“ Also habe er sich ein altes Buch besorgt. Aus den 1860er-Jahren. „Das Problem dabei war, dass da noch die alten Gewichtseinheiten drin waren. Da steht dann: eine Unze. Aber es gibt die westfälische Unze, die preußische Unze, die bayerisch-österreichische Unze. Die haben alle ein anderes Gewicht.“

Eigentlich ist Hintersteiner gelernter Schreiner

Hintersteiner begann, mit eigenen Chemikalien-Mischungen zu experimentieren. Fast ein Dreivierteljahr habe er gebraucht, bis ihm das erste Glasplatten-Foto gelungen sei. Vorher habe er mit solchen Prozessen keine Erfahrung gehabt, erzählt der gelernte Schreiner und lacht. „In der Schule habe ich Chemie gehasst.“

Im 19. Jahrhundert sei die Herstellung eigener Fotofilme nicht ganz ungefährlich gewesen. „Die hatten in ihren Fotolaboren immer Alkohol und Ether rumstehen. Als Lichtquelle hatten sie meistens eine Petroleumlampe mit gelbem Glas außenrum. Wenn dann so eine Zwei-Liter-Flasche Ether runtergefallen ist, ist denen die ganze Hütte um die Ohren geflogen.“ Eine explosive Mischung. Die Kollodium-Fotografie kannte aber auch stillere Wege, ihre Künstler über den Jordan zu schicken. „Fixiert haben die ihre Bilder damals mit Kaliumcyanid. Cyanid kann nur ein gewisser Teil der Menschheit riechen und schmecken. Der Rest bekommt das gar nicht mit. Auf diese Weise hat sich der eine oder andere schlichtweg vergiftet.“

Hintersteiner selbst verzichtet bei seinen Fotos gottlob komplett auf den hochgefährlichen Stoff. „Heute“, sagt er, „kann man da auch was anderes nehmen.“

Wer lernen will zu fotografieren wie anno 1850, kann bei Daniel Hintersteiner einen Workshop buchen. Er ist online erreichbar über die Internetseite collodium-nassplatten-photograpie.eu.

Marian Meidel

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