„350 durch zwei – Sie wissen schon...“

Münchner wurde Opfer des Schwulen-Paragrafen - jetzt wird er endlich entschädigt

Er ist schon 80 Jahre alt und musste Jahrzehnte auf die Entschädigung warten. Fritz Claasen wohnt in München und wurde noch wegen des Schwulen-Paragrafen verurteilt. Bei uns erzählt er seine Geschichte.

München - Fritz Claasen (*) wurde Anfang der 60er-Jahre verurteilt für einvernehmliche sexuelle Handlungen mit einem Mann. Grundlage: Paragraf 175 des Strafgesetzbuches – der sogenannte Schwulen-Paragraf, der aus der Nazizeit stammte und erst 1994 endgültig gestrichen wurde. Wirklich rehabilitiert fühlt sich Fritz Claasen aber erst heute. Im  Juni hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das Betroffene entschädigt. 3000 Euro gibt es pauschal, dazu 1500 Euro für jedes angefangene Jahr im Gefängnis. Vorstrafen auf Grundlage des 175er wurden gestrichen. Rund 64 000 Männer wurden verurteilt, 5000 davon, schätzt das Bundesjustizministerium, leben noch. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt der heute 80-jährige Fritz Claasen aus seinem Leben.

Die Erkenntnis

Anfang der 60er-Jahre in einer Kieler Schwulenkneipe: Zwischen tiefhängenden Tiffany-Lampen sitzt der zierliche Mann, den alle nur „die Callas“ nennen, und singt. Seinem Vorbild sieht er ziemlich ähnlich. „Nur seine Nase war nicht so groß“, erzählt Fritz Claasen. Das Maria-Callas-Double singt im Kieler Harlekin – damals der einzige Treffpunkt für die Schwulen der Stadt. Dunkelrot tapeziert und vollgequalmt, keine Fenster, tiefe Holzdecke, Kristallglas-Aschenbecher. „Da gingen alle hin. Die Jugendlichen, die Familienväter, die Senioren – die Möchtegern-Opernsänger.“ Claasen, Mitte zwanzig und im ersten Semester Textildesign, hat gerade erst den Bauernhof seiner Eltern in Schleswig-Holstein verlassen. Sein Kommilitone hat ihn das erste Mal mit in die Kneipe genommen: „Ich dachte beim Eintreten nur: Das kann nicht wahr sein. Wo kommen die denn alle her? So viele! Da ging für mich eine Welt auf.“

Die Anklage

Nur wenige Monate zuvor war Claasen dem jungen Koch vom Hotel gegenüber seiner Studentenbude begegnet. Ein hübscher Kerl, der eines Nachts kurz nach ihrem Kennenlernen Kieselsteine an sein Zimmerfenster warf. „Ich ließ ihn bei mir schlafen, aber mit einem Nümmerchen, wie man so schön sagt, war da nix. Der hatte Zahnschmerzen.“ Ein paar Wochen später, die beiden hatten sich nicht wiedergesehen, kam Post von der Kriminalpolizei. Wenn er sich nicht melde, würden sie ihn holen. Claasen ging also auf die Wache. Die Beamten legten ihm bloß einen Zettel vor. „Da standen zehn Dinge drauf, die Männer angeblich miteinander machen und von denen ich keine Ahnung hatte. Ich sollte ankreuzen.“ Er entschied sich für den untersten Punkt: „Gegenseitige Onanie. Das klang harmlos.“ Er unterschrieb, wurde angeklagt. Wer die beiden verpfiffen hat, weiß er bis heute nicht. Claasen sitzt am Esstisch in seinem Wohnzimmer in Neuhausen. Er gießt sich schwarzen Tee nach, nimmt ein Stück Streuselkuchen. „Die sind von mir“, sagt er und deutet auf hellorangene Gardinen und einen gepunkteten Lampenschirm. „Meine Muster, meine Farben.“ Der 80-Jährige designte in seinem Arbeitsleben „alles außer Teppiche“. Die meiste Zeit Heimtextilien, später auch Strickwaren. Umzugskartons voller Stoffe, Entwürfe und Skizzen hat er vor drei Jahren einem Museum in Bayern überlassen. „Ich möchte bloß, dass mal was von mir übrig bleibt“, sagt er.

Die Familie

„In unserer Familie gibt es so was nicht!“ Claasen äfft inbrünstig krächzend seinen Vater nach, dann imitiert er in beschwichtigender hoher Tonlage seine Mutter: „Ach Thomas, das habe ich dir doch schon immer gesagt.“ Seine Eltern sollten von der Anklage eigentlich nie etwas erfahren, aber einer seiner Brüder petzte. Fritz Claasen bekommt von diesem Tag an keine finanzielle Unterstützung mehr von seinen Eltern. „Ich war danach sieben Jahre lang nicht zu Hause. Erst wieder zur Beerdigung meines Vaters.“

Der Prozess

Claasen weiß, das Ersparte reicht höchstens drei Monate. Bei Eduscho trifft er seinen Professor für Kunstgeschichte. „Der war einer von uns“, sagt er. „Claasen, was machen Sie für ein Gesicht?“, habe der Professor gefragt. Claasen erzählt, was bisher nur die Familie weiß. Der Professor vermittelt ihm ein Darlehen, unterschreibt als Bürge. Und er kennt einen Anwalt in Hamburg-Altona, Friedrich Franz Reinhard. Spezialgebiet: Paragraf 175. Fritz Claasen kommt mit 100 Mark Geldstrafe davon. Der Anwalt besteht darauf, dass Claasen ihn erst bezahlt, wenn er im Berufsleben steht. Spricht Claasen von seinem Verteidiger, wird seine Stimme sanft. „Der Reinhard war ein feiner Mann“, sagt er.

Der Job

Die Gardinen in Claasens Wohnzimmer sind schwedisch, durchbrochen gewebt, somit lichtdurchlässiger. „In Schweden lässt man mehr Licht rein und schottet sich nicht so ab wie hier.“ Für ein Unternehmen nahe Stockholm entwirft Claasen nach dem Studium sieben Jahre lang Vorhangstoffe. Die schwule Szene dort hat Platz, zeigt sich stolz nach außen. Für die Bürgerrechtsorganisation „Riksföbundet för homosexuellas“ bastelt Claasen Transparente, an den Demos nimmt er nicht teil. „Das liegt mir nicht, öffentlich mein So-sein heraushängen zu lassen. Und ich hatte Angst.“

Die Morddrohung

Claasen schnippt Kuchenkrümel von seinem dunkelgrünen Pullover. „Das ist die Farbe der Jäger und Bauern, die Farbe meiner Familie“, sagt er. „Bei uns wurde immer Grün getragen.“ Auch an dem Tag, als sein Vater ihm im Matsch hinterm Kuhstall einen Brief seines ältesten Bruders vorliest. Der Inhalt ist dem Vater zu dreckig für die gewischten Küchenfliesen, die aufgeschüttelten Sofakissen, den laubbefreiten Hof. Sein Bruder droht, er werde Claasen erschießen, vergreife er sich an dessen Sohn. Claasens Vater sieht sich verantwortlich, die Worte des Ältesten an den Jüngsten auszurichten.

Der Botschafter

Claasen liebt Farben und war lange ihr Botschafter. Als Mitglied der „International Colour Authority“ flog er in den Siebzigern alle sechs Monate nach London, um mit 19 anderen Designern ein Farbkompendium zusammenzustellen. Ihre Empfehlungen bestimmten zwei Jahre im Voraus, was mal en vogue sein würde und beeinflussten die Modebranche. „Wir haben tagelang dagesessen und unsere Ideen auspalavert. Ich war so stolz, wenn ich meine Farbvorschläge dann in Tischdecken oder Frotteetüchern irgendwo in den Schaufenstern der Fußgängerzone wiedergefunden habe.“

Das Stigma

Jeden Montag trifft sich Claasen in der Münchner Seniorengruppe „Gay and Gray“. Er ist der einzige „175er“ und erzählt von Jobverlusten, die er darauf zurückführt. „Teilen Sie 350 durch zwei – Sie wissen schon, was ich meine!“ Das sei so ein Spruch gewesen. Hans, ein anderer schwuler Rentner ergänzt: „Auch ohne Vorstrafe war da ja immer die Angst.“ Man konnte nie in vorderster Front arbeiten, immer nur in der zweiten Reihe. „Auch deswegen haben so viele geheiratet und Kinder bekommen.“ Ein dritter, Klaus heißt er, sagt: „In meinen 37 Jahren als Lehrer hat sich niemand im Kollegium geoutet.“ Auch Klaus nicht.

Die Rehabilitation

Vor drei, vier Jahrzehnten hätte ich von einer Rehabilitierung stärker profitiert“, sagt Fritz Claasen. Jobverluste und Diskriminierung am Arbeitsplatz wären ihm womöglich erspart geblieben. Trotzdem ist er froh, dass er das Gesetz noch erleben darf. „Es ist überfällig und wichtig.“

(*) Name geändert

Leonie Gubela

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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