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Wirbt für ein selbstverständlicheres Miteinander: die blinde Anna Garbe.

Aktion Mensch

Annas erstes Mal

München - Die studierte Psychologin Anna Garbe aus München ist blind. In einem Internet-Video der „Aktion Mensch“ wirbt sie jetzt für ein entspannteres Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.

Ein kahles Castingstudio irgendwo in Deutschland: Eine junge Frau, die sich als Anna vorstellt, steht vor einer weißen Wand auf einer Markierung. Als ihr Spielpartner den Raum betritt, halten beide kurz Smalltalk, dann fragt Anna, scheinbar wie aus heiterem Himmel: „Bist du eigentlich normal oder hast du irgendeine Behinderung?“ Der Mann im roten Kapuzenpulli ist sichtlich verwirrt, bis Anna erklärt: „Also, ich sehe dich ja nicht, deswegen weiß ich’s nicht so genau.“ Erst da wird ihrem Gegenüber klar: Anna ist blind. Die Szenen in dem Castingstudio sind Teil des Kampagnenvideos „Das erste Mal“ der „Aktion Mensch“. Dazu hat der Verein Menschen mit und ohne Behinderung zu einem Werbespot-Casting eingeladen und dann gefilmt, was passiert, wenn Menschen aus beiden Gruppen völlig unvorbereitet aufeinander treffen. Was zuerst anmutet wie ein Sozialexperiment, hat einen ernsten Hintergrund: Laut „Aktion Mensch“ wünschen sich 93 Prozent der Deutschen ein selbstverständliches Miteinander zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Jedoch finde regelmäßiger Kontakt zwischen beiden Gruppen noch immer viel zu selten statt. Das Internet-Video, das Teil der sogenannten „Begegnungskampagne“ der „Aktion Mensch“ ist, will einen ersten Schritt gehen, um das zu ändern.

Das Casting und sämtliche darin auftretenden Bewerber sind echt. Anna aus dem Video, das im Internet schon über 350 000 Mal angeklickt wurde, heißt mit vollem Namen Anna Garbe, ist 28 Jahre alt und wohnt in München. Ihre Sehkraft hat sie wegen einer Autoimmunerkrankung, die bei ihr einen besonders schweren Verlauf nahm, fast vollständig verloren. „Ich habe einen zentralen Ausfall, das heißt, wenn ich nach vorne schaue, sehe ich in der Mitte gar nichts. Außenrum ist noch ein bisschen was da: Umrisse, Schemen und Farben, wenn sie gut kontrastiert sind“, erklärt sie. Besonders schlimm verlief die Krankheit erst in den letzten drei Jahren, davor halfen Medikamente, die Symptome in Zaum zu halten. Ob Anna der Rest ihrer Sehkraft bleiben wird, weiß sie nicht.

 Aufhalten lässt sich die 28-jährige von ihrer Behinderung aber nicht. Nach dem Abschluss ihres Psychologiestudiums macht sie momentan eine Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin und arbeitet jetzt schon praktisch in einer Klinik im Münchner Umland. Dass sie dem Beruf wegen ihrer Behinderung nicht gerecht werden könnte, glaubt Anna nicht. „Gerade in dem Bereich kommt es ja sehr aufs Fühlen und Zuhören an. Da kann es manchmal sogar von Vorteil sein, nicht von optischen Reizen abgelenkt zu werden.“ Vor kurzem behandelte sie sogar eine ebenfalls erblindende Patientin. Auch hat Anna sich gut vernetzt und sich auf eine E-Mail-Liste von und für blinde Psychologen setzen lassen, um so Erfahrungen austauschen zu können. Im Umgang mit Nicht-Behinderten hat Anna in der Vergangenheit überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Nur eines mag sie nicht: „Wenn mich Fremde einfach anfassen, auch um zu helfen, finde ich das schon übergriffig. Wer mir helfen will, kann mich gerne einfach fragen, ob ich Hilfe brauche.“ Ansonsten seien Leute, die sie zum ersten Mal träfen, „wenn überhaupt nur am Anfang etwas irritiert oder eingeschüchtert“. Auch in dem „Aktion Mensch“-Video wird der Umgang zwischen Anna und ihrem Spielpartner Klemens schnell immer selbstverständlicher: Fürs Casting entwickeln sie einen geheimen Handschlag, spielen eine Einkaufsszene nach und machen ein Foto zusammen.

Damit noch mehr Menschen die Chance auf Begegnungen wie die von Anna und Klemens haben, finden heute am europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung bundesweit Aktionen zum Thema Inklusion und Gleichberechtigung statt. Dafür hat die „Aktion Mensch“ auf ihrer Internetseite www.aktion-mensch.de einen Aktionsfinder eingerichtet auf dem man auch in München nach Veranstaltungen in der eigenen Nachbarschaft suchen kann.

Annika Schall

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