+
Am falschen Ende gestempelt: Dass dies kein gültiger Fahrschein sein soll, will Friedhelm Dömges nicht akzeptieren.

Ticket falsch entwertet

Er wurde zum Schwarzfahrer gestempelt

München - Falsches Ticket, falsch gestempelt, Haltestelle verpasst – auch durch Versehen kann man zum Schwarzfahrer werden. Weil Vorsatz und Irrtum aber kaum zu unterscheiden sind, behandeln die Kontrolleure der MVG alle Fahrgäste ohne gültigen Fahrschein gleich, wie ein aktueller Fall zeigt.

„Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film“, sagt Friedhelm Dömges. Ihn empört, dass er wegen eines Versehens wie ein Schwarzfahrer behandelt worden sei.

Am 7. Dezember war der 55-jährige Verkaufstrainer abends in der U 6 unterwegs nach Hause. Bereits am Morgen hatte er sich ein Tagesticket gekauft. Allerdings hatte er es verkehrt herum in den Entwerter gesteckt und somit nicht oben, an der vorgesehenen Stelle, sondern unten gestempelt. Er sei müde gewesen, deshalb sei ihm das Versehen passiert, sagt Dömges. Das habe er auch den Kontrolleuren erklärt, die am Harras zu ihm kamen. Doch diese verlangten seinen Ausweis, um seine Personalien aufzunehmen. Der 55-Jährige weigerte sich. Schließlich sei er nicht schwarz gefahren, sagt er. Als die Kontrolleure ihn aufforderten auszusteigen, blieb Dömges sitzen. Erst an der Haltestelle Holzapfelkreuth, seinem Ziel, verließ er die U-Bahn. Dort seien dann sechs Kontrolleure „aus dem Wagen gesprungen“ und hätten ihn „eingekesselt“. Einer habe ihn am Mantelaufschlag festgehalten. Dann riefen die Kontrolleure die Polizei.

Seinen Ausweis händigte Dömges erst den Beamten aus – die wiederum reichten das Dokument an die Kontrolleure weiter. Den Bußgeldbescheid, den die Kontrolleure ihm hinhielten, wollte Dömges nicht annehmen. „Ich überlege, wie sich etwa meine Mutter in so einer Situation gefühlt hätte“, sagt er. Er habe sich „bedroht und genötigt“ gefühlt, Ton und Körpersprache der Kontrolleure seien „völlig unangemessen“ gewesen. Schließlich habe er kein Kapitalverbrechen begangen.

Aber er sei schwarz gefahren, hält die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) dagegen, in deren Auftrag die Kontrolleure unterwegs sind. Der Fahrschein durch den falschen Stempel ungültig gewesen. Die Mitarbeiter hätten deshalb alles richtig gemacht, bekräftigt MVG-Sprecher Matthias Korte. Es handle sich um ein „normales Prozedere“. Dömges sei „von Anfang an unkooperativ und uneinsichtig“ gewesen. „Durch sein Verhalten hat er die eingetretene Situation selber verursacht“, sagt Korte. Dass gleich sechs Kontrolleure den Münchner umstellt hätten, sei schlicht der Größe der Kontrollteams geschuldet.

Dömges sieht das anders. Die MVG, verlangt er, müsse ihre Kontrolleure besser schulen, damit die lernten, zwischen Schwarzfahrern und Menschen, die nur einen Fehler gemacht hätten, zu unterscheiden. Doch genau diese Unterscheidung gibt es nicht, sagt Matthias Korte. Wer keine gültige Fahrkarte vorweisen könne – und das sei eben auch bei falsch gestempelten Tickets der Fall –, fahre schwarz. Schließlich sei es unmöglich zu unterscheiden, ob jemand aus Versehen etwas falsch gemacht habe oder nicht. „Hier sehen wir uns einer strikten Gleichbehandlung verpflichtet und können deswegen kein Auge zudrücken“, sagt Korte. Außerdem bekämen all diejenigen, denen die Kontrolleure Vorsatz nachweisen könnten, eine Strafanzeige.

Insgesamt ist der Anteil der Schwarzfahrer in München gering: Drei Prozent der Fahrgäste ist laut MVG ohne gültiges Ticket unterwegs. Manche Fahrgäste besitzen alte Tickets, andere gar keines. Und wieder andere stempeln wie Friedhelm Dömges falsch – zum Beispiel indem sie den Fahrschein auf der Rückseite oder oben statt unten entwerten oder indem sie bei der Streifenkarte nicht Streifen eins, sondern Streifen Nummer zehn zuerst abstempeln. Weil all das grundsätzlich auch Methoden seien, mit denen Menschen versuchten, ein Ticket absichtlich mehrmals zu verwenden, müssten alle diese Fehler geahndet werden, betont Korte.

Etwa fünf Prozent der Erwischten beschweren sich. Das werde dann geprüft, denn schließlich könne auch der MVG einmal ein Fehler passieren, räumt Korte ein. Dass das Verfahren eingestellt werde, komme aber nur in Einzelfällen vor.

Friedhelm Dömges ist überzeugt, dass in seinem Fall ein Fehler gemacht worden ist. Sobald er den Bußgeldbescheid zugeschickt bekommt, will er deshalb einen Anwalt einschalten. Außerdem erwartet Dömges von der MVG „eine opulente Entschuldigung – und zwar von ganz oben“. Darauf wird er wohl vergeblich warten. Sprecher Korte bedauert zwar, dass die Situation entstanden sei. Für eine Entschuldigung gebe es jedoch „keinen Grund“.

Katharina Mutz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wutrede: Obststandl Didi stinksauer auf FC Bayern und Löwen
Die Münchner kennen und lieben ihn: Didi, alias Dieter Schweiger, und sein Obststandl Didi an der Universität in München. Jetzt ist dem Obstverkäufer wegen der Löwen der …
Wutrede: Obststandl Didi stinksauer auf FC Bayern und Löwen
Mann (82) erdrosselt Frau: „Die Krankheit hat ihn stark verändert“
59 Jahre lang war Alfred W. (82) mit seiner Frau Lydia (84) verheiratet. Sie war die Liebe seines Lebens und pflegte ihn, als er dement wurde. Am 27. August erdrosselte …
Mann (82) erdrosselt Frau: „Die Krankheit hat ihn stark verändert“
"Vom Alltag abschalten zu können, ist ein super Gefühl"
Lauftrainerin Sandra Trautmann gibt Tipps für Laufanfänger und erklärt, warum ein Gesundheits-Check beim Arzt ratsam ist.
"Vom Alltag abschalten zu können, ist ein super Gefühl"
Handys und Radios: Urteil gegen Münchner Müll-Mafia gefallen
Sie ließen sich bestechen und sahnten dadurch regelmäßig ab. Jetzt haben vier Mitarbeiter der Abfallwirtschaftsbetriebe (AWM) gestanden - und zwar in Dutzenden Fällen.
Handys und Radios: Urteil gegen Münchner Müll-Mafia gefallen

Kommentare