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Um die Luft in von Autoabgasen belasteten Städten zu verbessern, denkt die Bundesregierung darüber nach, den ÖPNV kostenlos anzubieten.

Gratis-Pläne für Tram, Bahn und Bus

Kostenloser Nahverkehr in München? MVV bezieht klar Stellung

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Um die Luft in von Autoabgasen belasteten Städten zu verbessern, denkt die Bundesregierung darüber nach, den ÖPNV kostenlos anzubieten. Das stößt in München auf Skepsis. Wichtiger sei der Netzausbau. 

München - In Templin hat man es 1998 mal versucht. Bis ins Jahr 2003 gab es in dem 16.000 Einwohner starken Kurort im Landkreis Uckermark den ÖPNV gratis. Die Passagierzahlen stiegen binnen sechs Jahren von 41 000 auf 350 000. Seitdem gibt es ein freiwilliges Bürgerticket-System, das über Kurgäste mitfinanziert wird. Nun könnte auch in anderen Städten in Deutschland ein Verkehrsversuch gestartet werden.

Am Dienstag war bekanntgeworden, dass die Bundesregierung sich vorstellen kann, in fünf Modellstädten einen kostenlosen Nahverkehr einzuführen. Hintergrund ist die starke Luftbelastung. Die Regierung will den Autoverkehr reduzieren und somit für weniger Schadstoffausstoß sorgen. Daher soll in Städten getestet werden, die wenig, mittel oder stark von der durch Abgase verursachten Stickoxidbelastung betroffen sind: Bonn, Essen, Reutlingen, Mannheim und Herrenberg.

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OB Reiter will kostenfreien ÖPNV: „Die Botschaft hör’ ich gern, allein mir fehlt der Glaube“ 

München wäre da wohl eher in der letzt genannten Kategorie einzuordnen. Die Landeshauptstadt hatte unlängst Stuttgart als Stinkerhauptstadt in Deutschland abgelöst. Die Münchner Grünen forderten gestern einen ähnlichen Verkehrsversuch für München. OB Dieter Reiter (SPD) wäre indes dazu bereit, auch beim kostenfreien ÖPNV mitzumachen: „Die Botschaft hör’ ich gern, allein mir fehlt der Glaube. Trotzdem biete ich München sehr gern als Modellstadt für einen vom Bund finanzierten und damit für die Bürger kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an.“

Reiter und sein Stellvertreter Josef Schmid (CSU) mahnen allerdings, dass der Ausbau der Infrastruktur im Vordergrund stehen müsse, bevor man durch einen kostenlosen ÖPNV weitere Menschen zu einem Umstieg bewegt. Schmid: „Wir haben das Problem der Kapazitäten. Daher stellt sich doch die Frage, ob in den Stoßzeiten überhaupt noch jemand umsteigen könnte, selbst wenn es finanzielle Anreize gibt.“ Er freue sich jedoch, dass das Thema nun im Bewusstsein der Bundesregierung angekommen ist.

Den Nahverkehr als Alternative auszubauen, hat durchaus Sinn. Denn der Kfz-Bestand in München steigt munter weiter – trotz der alarmierenden Luftwerte. Rund 714 000 Pkw waren Ende 2017 zugelassen, gut 6500 mehr als noch Ende 2016. Die Zahl der Dieselfahrzeuge nimmt indes ab, die der Elektrofahrzeuge steigt dezent. Auch aus finanziellen Gründen lohnt sich eine Verkehrswende. Forscher der Uni Kassel haben herausgefunden, dass der Pkw-Verkehr die öffentliche Hand und die Allgemeinheit etwa das Dreifache kostet wie der ÖPNV.

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MVV nimmt jährlich 900 Millionen Euro durch Ticketeinnahmen ein

Der Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), Ingo Wortmann, sieht im Ausbau des ÖPNV die Chance zur Verkehrswende. Doch dazu müsse zuerst die Infrastruktur massiv ausgebaut werden. „Um dies zu schaffen, benötigen wir Fördermittel und vereinfachte Planungs- und Genehmigungsabläufe, die wir in der Vergangenheit nicht hatten.“ Daneben sei völlig ungeklärt, wie die Finanzierung des laufenden Betriebs ohne Fahrgeldeinnahmen erfolgen solle.

Im Münchner Verkehrsverbund (MVV) werden jährlich durch die Ticketeinnahmen 900 Millionen Euro generiert. „Das Geld wäre weg, und das brauchen wir, um das Angebot attraktiver zu machen und zu investieren“, sagt MVV-Chef Alexander Freitag. Man sei sehr erfreut, dass der Bund unlängst die Finanzierungsmittel für den Ausbau des ÖPNV von knapp 300 Millionen auf eine Milliarde Euro erhöht habe. „Aber diese Milliarde würde allein in München über Steuergelder eingesetzt werden müssen, wenn man den ÖPNV kostenlos anbieten wollte.“

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Erfahrungen aus anderen Städten

In folgenden Städten ist oder war der Öffentliche Personennahverkehr kostenlos:

  • Templin (Deutschland) hat zwischen 1998 und 2003 den ÖPNV freigegeben. Die Folge: Die Passagierzahlen stiegen von 41 000 auf 350 000!
  • In Tórshavn (Färöer) wird seit 2007 in den Bussen des Stadtverkehrs, jedoch nicht in den Überlandbussen, nichts von den Fahrgästen verlangt.
  • Und in Tallinn (Estland) gab es 2013 eine Volksabstimmung. Mit einer 75-prozentigen Mehrheit führte die estländische Hauptstadt einen Gratis-Nahverkehr für die Bewohner ein. Mittlerweile wurde das Angebot sogar auf Regionalzüge ausgedehnt.
  • In Hasselt (Belgien) fahren die Pendler seit 1997 ohne zu bezahlen. Nach 17 Jahren wurde umgestellt: Jetzt sind nur noch Senioren und Kinder gratis unterwegs.
  • In Aubagne (Frankreich) sind die Passagierzahlen von 1,9 Millionen (2008) auf 4,9 Millionen (2012) angestiegen, weil Busse und Trambahnen nichts kosten.
  • Auch in Vitré (Frankreich) gibt es den Gratis-ÖPNV. Zwischen 2001 und 2010 haben sich die Passierzahlen versiebenfacht.

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