Lkw fällt auf A8 Richtung München um - Totalsperre - Riesenstau im Berufsverkehr

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Wer ist Täter, wer ist Opfer?

Ungewöhnlicher Prozess: Lokführerin bekommt Schmerzensgeld

München - Eine verzweifelte Frau wirft sich im Bahnhof Karlsfeld vor eine S-Bahn. Der tragische Fall nimmt ein unerwartetes Ende. Sie überlebt den Suizidversuch – und muss 1500 Euro Schmerzensgeld an die Lokführerin zahlen.

Das ist das rechtskräftige Urteil eines ungewöhnlichen Verfahrens vor dem Amtsgericht München (Aktenzeichen 122 C 4607/14), das auch die in solchen Fällen oft verwischten Begriffe Täter und Opfer klar definiert. Die Richterin stellte fest, dass die Beklagte durch ihren Suizidversuch bei der Lokführerin „eine Körperverletzung“ verursacht habe. Für die Frau sei vorhersehbar gewesen, dass sie bei dem Sprung vor den einfahrenden Zug bei der Zugführerin einen psychischen Schaden auslösen könne.

Die Frau im Triebwagen erlitt einen Schock, war über einen Monat krankgeschrieben und leidet seit dem Ereignis an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Mit diesem Schicksal steht sie in ihrer Berufsgruppe keinesfalls allein da – jedes Jahr sterben auf deutschen Gleisen zwischen 800 und 1000 Menschen.

Einige davon sind Opfer tragischer Unfälle, die meisten jedoch sogenannte „Schienensuizidfälle“. Um wie im Fall Robert Enke Nachahmungstäter nicht anzuregen, ist das Thema in der Öffentlichkeit weitgehend tabu. Deshalb will sich auch niemand namentlich äußern. Dabei ist fast jeder Lokführer in seiner Berufslaufbahn irgendwann einmal damit konfrontiert. „Und bei vielen reicht einmal nicht. Wir hatten schon Leute, die zehn bis 15 Unfälle gehabt haben“,sagt eine Vertreterin der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL).

Das Thema ist immer wieder aktuell. Die GDL hat mit der Deutschen Bahn 2014 den „Tarifvertrag über besondere Bedingungen bei Verlust der Fahrdiensttauglichkeit“ abgeschlossen. „Damit hat die GDL, erstmalig im Eisenbahnverkehrsmarkt, verbindliche Schutzbestimmungen für Lokomotivführer geschaffen, die unter anderem aufgrund traumatischer Ereignisse keinen Zug mehr führen können“, teilt der geschäftsführende GDL-Vorstand mit.

Was das konkret heißt, beschreib ein Sprecher der Deutschen Bahn: „Wir haben einen eigenen psychologischen Dienst, der sich betroffenen Lokführern annimmt. Sie müssen erstmal nicht mehr fahren. Es besteht im Extremfall sogar die Möglichkeit, sich umschulen zu lassen – zum Beispiel für die Verwaltung.“

Was in betroffenen Personen wirklich vorgeht, weiß auch das Krisen-Interventions-Team München (KIT) allzu gut. Die Notfall-Experten mussten im vergangenen Jahr im Raum München zu 116 Vorfällen mit „Personen unter dem Zug“ ausrücken.

Wichtigste Erkenntnis der KIT-Mitarbeiter: Viele Lokführer fühlen sich als „Selbstmord-Werkzeug“ missbraucht und würden an den „Rand der Berufsunfähigkeit“ gebracht. Überlebende von Suizidversuchen erzählten dagegen oft, dass sie „wie im Tunnel gewesen und nicht an die Lokführer gedacht“ hätten. Manchmal gebe es am Ende sogar eine Entschuldigung – vom Suizid-Täter an das Opfer im Triebwagen.

Die schrecklichen Unfall-Bilder werden viele Lokführer nicht mehr los. „Sicher leiden die Familien der Opfer. Aber es gibt eben auch Opfer auf der andere Seite. Die Lokführer können ja nichts dafür, dass da jemand das Leben nehmen will“, erklärt die Frau von der GDL.

Meist werden solche Vorfälle mit der Haftpflichversicherung der Selbstmörder über eine Verdienstausfall-Entschädigung und Schmerzensgeld abgewickelt. Dass solch ein Fall wie jüngst vor dem Amtsgericht München landet, ist eher selten. Aber für die Lokführerin der S-Bahn München war die Klage offenbar der beste Weg, die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten.

Lars Becker

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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