Münchner Homosexuelle

Nach Orlando-Attentat: „Die Szene ist in Schockstarre“

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    Stefanie Wegele
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München - Nach dem Massaker in einem Schwulen-Club in Orlando sind Münchens Homosexuelle entsetzt. Doch es gibt in den Wochen vor dem Christopher Street Day auch ein anderes Gefühl: Jetzt erst recht!

An jedem Laternenmast, in jedem Schaufenster, in der ganzen Stadt: Regenbogenfahnen! Marcel Rohrlack war gerade in Tel Aviv. In der liberalen israelischen Großstadt hat er die große Parade der Schwulen und Lesben gefeiert – mit 200 000 anderen Demonstranten. Zurück in München kommt er aus dem Schwärmen nicht heraus. „Wir in München“, sagt Rohrlack und klingt dabei ganz ungläubig, „diskutieren über ein paar schwule Ampelmännchen.“ Von Tel Aviv könne man noch viel lernen.

In Münchens schwuler Gemeinschaft geht es dieser Tage aber plötzlich nicht mehr um Ampelmännchen und bunte Fahnen. Nicht mehr um die stolze Symbolik einer Minderheit. Sondern um Leben oder Tod, das Massaker in einem Schwulen-Club in Orlando.

„Seht unseren Schmerz, seht unseren Stolz“, hat Rohrlrack, 19, der Chef der Grünen Jugend München, auf seine Facebook-Seite geschrieben. In der Szene gibt es, natürlich, nur noch das eine Thema. Bei Stadtrat Thomas Niederbühl, Rosa Liste, steht das Telefon nicht mehr still. Als „Schockstarre“ bezeichnet er die Stimmung, die seit dem Attentat in den USA unter Münchner Schwulen und Lesben herrsche. „Es gibt aber auch einen Trotz“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht kaputt machen.“ Niederbühl glaubt, dass das Attentat ein bereits vorhandenes Unsicherheitsgefühl noch verstärkt. „Man hätte so etwas einfach nicht in Amerika erwartet“, sagt er. „Das zeigt, dass es auch bei uns nicht sicher ist.“

Über Terrorismus hat man bisher nicht gesprochen. Aber von einer zunehmenden Feindseligkeit im Alltag berichten Münchner Schwule und Lesben schon länger – und das auch und gerade in „ihren“ Straßen im Glockenbachviertel. Niederbühl berichtet immer wieder von einer gesellschaftlichen Stimmung, die schärfer wird. Er sagt, er halte Attentate auf Schwulen nicht nur von islamistischer Seite für denkbar, sondern „auch von rechten Deppen“. Die Flüchtlingszuwanderung bringe für die Präventionsarbeit neue Aspekte mit sich. „Weil es für homosexuelle Flüchtlinge besonders schwierig ist.“ Aber auch, weil sich Schwule fürchten, dass Übergriffe durch Asylbewerber häufen könnten, die aus Gesellschaften kommen, in denen Homosexualität unter Strafe steht.

In wenigen Wochen, am 9. und 10. Juli, steht wieder der Christopher Street Day (CSD) mit seiner großen, bunten Demonstration durch München an. Niederbühl glaubt, dass sich heuer auch mehr heterosexuelle Münchner anschließen werden – aus Betroffenheit nach dem Anschlag und aus Solidarität mit der hiesigen Szene. Nico Erhardt, 21, setzt sich in einer Polit-Gruppe an der Universität für die Interessen von Schwulen, Lesben und Transgender ein. Ihm wurde im Glockenbachviertel schon häufiger mal „schwule Tunte“ hinterhergerufen. Ob er nach Orlando mehr Angst hat, auf den CSD zu gehen? Die politische Lage, sagt er, sei in den USA doch viel brisanter. Dennoch habe er Angst, dass in Deutschland die Stimmung kippt. Denn auch in München habe es bereits Übergriffe gegeben. „Ich fühle das Bedürfnis, noch sichtbarer zu sein und noch mehr Aufklärungsarbeit zu leisten.“

Es ist ein Stolz, ein Trotz, der auch von anderen Münchner Schwulen zu hören ist. „Wir haben keine Angst“, sagt einer, der selbst Aufklärungsaktionen initiiert. „Das wäre das absolut falsche Zeichen. Wenn wir Angst haben, dann haben die gewonnen.“

Seit 15 Jahren gibt es zur Weihnachtszeit den schwul-lesbischen Christkindlmarkt „Pink Christmas“ am Stephansplatz. Initiator Robert Maier-Kares betreibt das Café Eismeer, lebt selbst um die Ecke im Glockenbachviertel. Die Stimmung gegenüber Homosexuellen sei dort „drastisch aggressiver“ geworden, berichtet er. Anfeindungen kämen aber meist nicht von Migranten, sondern „durch die eigene Bevölkerung“. Als Hauptproblem im Viertel gilt das Party-Volk, das seit einigen Jahren die Müller- und Thalkirchner Straße für sich entdeckt hat und am Wochenende in Horden einfällt. Auf seinem Christkindlmarkt hatte Maier-Kares nach den Anschlägen von Paris mehr Sicherheitsleute beschäftigt. In zivil, damit die Gäste sich nicht gestört fühlen. Drohungen, sagt er, habe er von Islamisten bislang nicht erhalten – wohl aber von fundamentalistischen Katholiken.

Aber kommt es mitten in der Großstadt wirklich zu vielen homophoben Übergiffen? 33 solche Straftaten hat das Schwule Kommunikations- und Kulturzentrum Sub allein im Jahr 2015 registriert. Das ist keine Steigerung, aber die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Beim Sub landen nur jene Straftaten, die Betroffene selbst dort melden. Die Münchner Polizei führt keine eigene Statistik schwulenfeindlicher Vorfälle – Christopher Knoll vom Sub spricht von Beleidigungen, schweren Körperverletzungen, davon, dass die Täter sich ihre Opfer in schwulen Online-Plattformen suchten, nur um sie anschließend zu schlagen.

Den CSD selbst sieht die Polizei aktuell nicht als gefährdet an. Man beobachte und bewerte die Sicherheitslage aber genau, heißt es auf Nachfrage. Nur 150 Beamte waren 2015 notwendig, um 100 000 Besucher zu schützen. Alles blieb friedlich. Bis zum Abend. Marcel Rohrlack, der junge Grünen-Politiker, wurde auf dem Heimweg in Haidhausen zusammengeschlagen. Er war in Frauenkleidern unterwegs. Die Täter sind bis heute nicht gefunden. Ob Marcel Rohrlack trotzdem wieder zum CSD geht, in Frauenkleidern? „Natürlich“, sagt er. „Ich brauche nur noch ein neues Kleid.“

von F. Müller, A. Schall, S. Wegele und H. Ince

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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