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Achim Bergmanns Witwe Eva Mair-Holmes führt die Geschäfte nach seinem Tod weiter.

Alteingesessene Münchner Plattenfirma

Nach Tod des Firmengründers: So macht Trikont jetzt weiter

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Der Tod ihres Chefs hat die alteingesessene Münchner Plattenfirma Trikont in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ereilt. Nun muss sich das Label neu aufstellen.

Der Start dafür ist immerhin günstig: Die Stadt verleiht
Trikont ihren Musikpreis und das „Fraunhofer“ präsentiert ein Trikont-Live-Special.

Was die Münchner Plattenfirma Trikont derzeit auch tut, alles wirkt wie ein Requiem auf Achim Bergmann. Der war im März überraschend im Alter von 74 Jahren gestorben – nur wenige Monate nachdem das Label 50-jähriges Jubiläum gefeiert hatte. „Plötzlich bekommt alles ein anderes Gewicht“, sagt Eva Mair-Holmes, Bergmanns Witwe. Der Musikpreis der Stadt München etwa, den Trikont vor ein paar Tagen zugesprochen bekam – oder die Tatsache, dass Trikont-Künstler ab 24. April fünf Tage am Stück im Fraunhofer-Theater auftreten. „Es war so nicht geplant, aber wir machen jetzt alles für Achim.“

Mair-Holmes steht kurz vor Bad Reichenhall im Stau, sie ist gerade auf dem Weg zu Hans Söllner. Der Liedermacher nimmt bei sich zuhause sein neues Album auf, das Anfang Oktober bei Trikont erscheinen soll. „Da bin ich wenigstens ein bisschen abgelenkt“, sagt sie via Freisprechanlage. Mair-Holmes muss den Laden jetzt alleine schmeißen, was ganz abgesehen von ihrer Trauer in vielerlei Hinsicht schwer ist. Allein Bergmanns Erfahrung fehlt, er war Gesellschafter der GmbH. „Wir haben alles zusammen gemacht“, seufzt Mair-Holmes. „Ich werde gerade in ein neues Leben geworfen.“

Trikont erfreut sich einer treuen Klientel

Und das alles vor dem Hintergrund, dass die Musikindustrie eine „Sonnenuntergangsbranche“ ist, wie es beschönigend heißt. „Immer weniger Leute kaufen CDs, immer mehr streamen Musik“, sagt Mair-Holmes. „Da bleibt immer weniger für die Künstler und die Labels.“ Gott sei Dank habe man eine sehr treue Klientel. Und trotzdem bekommt das Unternehmen, das in einem Giesinger Hinterhof logiert, die Flaute zu spüren.

Achim Bergmann, immigrierter Sauerländer, startete Trikont 1967 als linken Buchverlag. Der Name stand für „drei Kontinente“, man wollte die Stimme Asiens, Lateinamerikas und Afrikas sein. Die Mao- Bibel wurde ein Bestseller, ebenso die Tagebücher Che Guevaras. Früh erkannte Bergmann die Kraft der bairischen Sprache – später spezialisierte er sich auf Musik.

Deshalb wird Trikont künftig kleinere Semmeln backen – oder zumindest weniger. „Wir haben mitunter 15 Platten im Jahr herausgebracht“, sagt die Chefin. „So viel Spaß uns das auch gemacht hat – da können wir jetzt nicht mehr so auf die Kacke hauen.“ Maximal fünf Veröffentlichungen sollen es künftig pro Jahr sein. Das betrifft insbesondere die Sparte Compilations. Die Zusammenstellungen waren in der Vergangenheit auf sehr großes Medienecho gestoßen: Boleros der Zwanziger, finnische Tangos, vietnamesische Straßenmusik, Disco aus Istanbul und griechische Mörder-Balladen – Musikstile, die einen zuvor womöglich nie interessiert hätten, machten plötzlich neugierig. Weil Trikont-Compilations stets unterhaltsam und mit informativen Begleittexten daherkamen. Ansonsten setzt man auf die eigenen Künstler, etwa Coconami, deren neue CD im November herauskommen soll. Außerdem will man sich verstärkt der Organisation und Vermittlung von Live-Auftritten widmen.

Immerhin die erfolgreiche Reihe „Stimmen Bayerns“ will Trikont heuer fortsetzen, und zwar mit einer speziellen München-Folge. „Das haben Achim und ich noch gemeinsam beschlossen“, sagt Mair-Holmes. Und selbstverständlich habe man sich auch längst auf die Verschlankung des Unternehmens verständigt. Nur müsse sie die neue Schwerpunktsetzung nun alleine umsetzen. Der mit 10 000 Euro dotierte Musikpreis der Stadt München kommt da wie gerufen. „Er ist ein Segen“, bestätigt Mair-Holmes. Und kein Trostpreis – das habe Kulturreferent Hans-Georg Küppers ihr noch am Telefon versichert.

Und ganz allein ist sie ja schließlich auch nicht: „Unsere Kinder sind meine Rettung“, sagt Eva Mair-Holmes und ringt hörbar mit den Tränen. Denn ein Sohn von Achim Bergmann und ihre eigene Tochter unterstützen sie mittlerweile im Geschäft. Eines will die Chefin darum betonen: „Wir machen weiter. Das ist unsere Botschaft.“

Trikont im Fraunhofer

Kommende Woche lässt sich der Geist des familiären Unternehmens einmal mehr erleben. Von 24. bis 28. April treten die Trikont-Künstler Eric Pfeil, Gampe, Black Patti, Zitronen Püppies und HP Falkner im Rahmen von Wohnzimmerkonzerten in der „Kulisse“ des Fraunhofertheaters auf – dort, wo auch die private Trauerfeier für Achim Bergmann stattfand. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr. Karten zu 12 bis 16 Euro unter 089/26 64 60.

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