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Wollen mithelfen: Die Studenten Marwin Gihr und Katharina Koller vor der geplanten Unterkunft an der Neuherbergstraße.

Asyl-Unterkünfte

Nach vereiteltem Anschlag: Angst und Akzeptanz im Viertel

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    Monika Wehrl-Herr
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München - Nach dem vereitelten Brandanschlag auf eine Asyl-Unterkunft in Harthof gibt es in der Nachbarschaft nur dieses Thema. Gewalt lehnen fast alle Bürger ab – aber zur Flüchtlingsfrage hört man zunehmend kritische Stimmen. Ein Trend, der auch in anderen Bezirken der Stadt zu beobachten ist.

Es ist ein grauer Montagmittag im Münchner Norden. Im Mira-Einkaufszentrum eilen Menschen in die Läden, alles ist wie immer. Zumindest auf den ersten Blick. Denn spricht man die Milbertshofener auf das an, was an der benachbarten Neuherbergstraße geschehen ist, wird es schnell aufgeregt. Wie berichtet, haben drei Jugendliche versucht, eine geplante Asyl-Unterkunft in Brand zu setzen. Nur durch Zufall geriet sie nicht in Brand. Die Polizei konnte die Burschen festnehmen. Doch die Geschehnisse haben viele aufgeschreckt, auch hier im Norden, wo München nicht so aufpoliert daherkommt wie im Zentrum. Hier, wo sehr viele Münchner leben, die selbst einen Migrationshintergrund haben.

Eine Rentnerin kommt gerade mit ihren Einkäufen auf die Dülferstraße heraus. „Ich finde, dass irgendwann mal Schluss sein sollte mit der Aufnahme der Flüchtlinge“, sagt die 71-Jährige, die betont, sie sei „absolut“ gegen Gewalt. „Aber wenn in der U-Bahn fast kein deutsches Wort mehr fällt, fühlt man sich irgendwann nicht mehr zu Hause im eigenen Land.“ Die Münchnerin sagt, sie fühle sich falsch informiert von Politik und Medien. „Angeblich gab es nie Geld für Schulen und Straßen.“ Doch jetzt, in der Flüchtlingskrise, seien die Millionen plötzlich da.

Das Flüchtlingsheim: Stimmen dafür und dagegen

Am Mira-Einkaufszentrum sind an diesem Mittag auch Menschen unterwegs, die die Situation ganz anders sehen. Die es zum Beispiel für unchristlich halten würden, sollte die Zuwanderung begrenzt werden. Aber es gibt eben auch viele kritische Stimmen. Ein Mann, vielleicht Mitte 30, sitzt auf einer Mauer und trinkt ein Bier. Der Platz für das geplante Flüchtlingsheim sei vollkommen ungeeignet, findet er. „Hier sind so viele Spielplätze, Schulen und Kindergärten in der Nähe.“ Wenn die Flüchtlinge kommen, glaubt er, müsse man sich um die eigenen Kinder Sorgen machen.

Befürchtungen, Vorurteile, Wut, Sorgen – manchmal ist das in diesen Wochen schwer auseinanderzuhalten. Klar scheint: Die Eindrücke aus dem Münchner Norden sind kein Zufall. Eine Umfrage unserer Zeitung unter etlichen Münchner Bezirksausschuss-Vorsitzenden ergab, dass das Klima gegenüber den Flüchtlingen vielerorts kälter wird. Andererseits wird überall auch von einer nach wie vor sehr hohen Hilfsbereitschaft der Münchner berichtet.

BA-Chefs fürchten, dass die Stimmung kippt

In Sendling zum Beispiel, in Trudering-Riem oder in Hadern spricht man von einer „unproblematischen Situation“ oder einer „positiv-offenen Stimmung“. Romanus Scholz (SPD), der Bezirksausschuss-Chef aus Pasing, sagt, es gebe „keine Probleme“.

Äußern sich die Viertel-Politiker jedoch ausführlicher zum Thema, ist vielerorts schnell nicht mehr nur von Willkommenskultur die Rede. Angelika Pilz-Strasser (Grüne), BA-Chefin in Bogenhausen, sagt: „Die Stimmung drohte in den letzten Monaten immer dann zu kippen, wenn die Nachbarschaft nicht rechtzeitig informiert war und die – oft sehr vernünftigen – Änderungswünsche nicht in die Planung eingingen.“ BA-Chef Ludwig Weidinger (CSU) ist für den Stadtteil Obersendling zuständig, in dem in zwei größeren Bürokomplexen nochmals 800 und 500 neue Plätze geschaffen werden. Weidinger sagt: „Die Stimmung ist anders als vor einem Jahr. Zwar gebe es „immer noch genug Menschen, die helfen wollen“. Aber es sei spürbar, dass die Bedenken zunehmen. Das reiche von der Befürchtung, dass Immobilien an Wert verlieren bis zur „Angst vor sexueller Belästigung“.

Davor sorgten sich auch Bürger in Untergiesing-Harlaching, berichtet BA-Chef Clemens Baumgärtner (CSU). Ein Vater habe ihm berichtet, dass seine Töchter mehrfach am U-Bahnhof Mangfallplatz von Flüchtlingen angesprochen worden seien. „Noch überwiegt bei uns im Viertel die Akzeptanz“, sagt er. Auf dem Osram-Gelände werden 800 neue Plätze geschaffen, die Anzahl der Betten in der McGraw-Kaserne wird verdoppelt. Baumgärtner sagt aber, er halte für nicht unwahrscheinlich, dass die Stimmung in seinem Bezirk kippt – wenn die Zahl der Flüchtlinge noch weiter steige. „Dann könnte die Akzeptanz schnell in Ablehnung umschlagen“, sagt er. Auch Aubings BA-Chef Sebastian Kriesel (CSU) sagt, viele Menschen in seinem Bezirk seien im Bezug auf die neuen Einrichtungen „verunsichert“. Persönliche Gespräche, Begegnungen seien die beste Prävention, findet Kriesel.

Studenten aus dem nahen Wohnheim wollen sich engagieren

In allen Vierteln gibt es Menschen, die sich genau diese Begegnungen zur Aufgabe gemacht haben. Auch im Norden. In der Einrichtung an der Neuherbergstraße wollen sich 20 Studenten aus dem Wohnheim an der Dülferstraße engagieren. „Als ich erfahren habe, dass hier ein Flüchtlingsheim gebaut werden soll, wollte ich helfen“, erzählt Marwin Gihr, 21, BWL-Student. Gleich am 16. März, wenn die Asylbewerber einziehen, wollen er und seine Mitbewohner anfangen: Deutschkurse und Nachhilfe geben, die Menschen zum Arzt und zu Ämtern begleiten. „Jeder von uns Ehrenamtlichen macht einfach, was ihm Spaß macht“, erklärt Gihr. Er selbst gehe gerne joggen. „Da nehme ich dann einfach ein paar Flüchtlinge mit.“ Der Student sagt bestimmt: „Für uns ist es kaum Aufwand – und wir können so viel bewirken.“

Es klingt ganz unkompliziert. Viele, die derzeit vor allem Sorgen haben, würden wohl sagen: Es klingt ziemlich naiv. Doch so ist das in diesen Wochen in München: Es ist eine Frage der Perspektive. Ob man auf dieser Seite steht. Oder auf jener.

F. Müller, B. Wenninger, F. Weberstetter, C. Ick-Dietl und M. Wehrl-Herr

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