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Nacht- und Autozüge werden gestrichen

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München - Einst war München ein Zentrum der Nacht- und Autozüge. Doch die Bahn streicht sie immer mehr zusammen. Der traditionsreiche Nachtzug nach Paris rollt im Dezember für immer aufs Abstellgleis. Autozüge fahren nur noch nach Hamburg. Und auch diese Verbindung gilt als hochgefährdet.

Samt, Kronleuchter und eine sehr betuchte Kundschaft: In den 1920er-Jahren waren die Reisen mit dem Nachtzug ein Statussymbol für die Schönen und Reichen. Doch auch noch in den achtziger und neunziger Jahren war Zugfahren über Nacht sehr beliebt. Nach Neapel, nach Athen gar, natürlich nach Paris: Es gab viele Ziele, die die Münchner bevorzugt über Nacht ansteuerten. Doch diese besondere Art des Reisens ist vom Aussterben bedroht.

Billigflieger, günstige Mietwagen, deutlich schnellere Tageszüge als früher: Die Rahmenbedingungen sind ohnehin schon schlecht. Dass die Bahn darüber hinaus nachts oft Jahrzehnte alte Liegewagen rollen lässt, macht die Situation nicht besser. „An Schlaf ist nicht zu denken“, wird in Internet-Bewertungsportalen gemäkelt. Oder auch: „In der Sechser-Belegung reicht schon ein nicht kooperativer Fahrgast und die Fahrt wird zum Desaster.“ Die Bahn reagiert auf die sinkenden Fahrgastzahlen seit Jahren mit immer weiteren Streichungen im Angebot. Jetzt wird die nächste Streich-Welle bekannt. Und wieder ist München betroffen.

Zum Fahrplanwechsel im Herbst wird der Nachtzug nach Paris eingestellt (Abfahrt: 22.41 Uhr, Ankunft in Paris Est: 9.24 Uhr). Die Bahn erklärt auf Nachfrage, die Verbindung München-Paris habe zu den unwirtschaftlichsten Nachtzügen gehört und verweist auf die guten Möglichkeiten, am Tag mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV nach Paris zu fahren. Das ist mit Umsteigen in Stuttgart alle zwei Stunden möglich - und einmal am Tag sogar direkt von München (Abfahrt: 6.27 Uhr, Ankunft in Paris Est: 12.38 Uhr).

Im Nachtzug-Verkehr werden ab dem Fahrplanwechsel im Dezember von der Deutschen Bahn insgesamt nur noch zwei Dutzend Verbindungen angeboten - von denen viele auch noch auf Teilstrecken als Kurswagen gemeinsam geführt werden. München kommt im Vergleich zu anderen deutschen Städten noch sehr gut weg. Insbesondere nach Italien kann es sich weiterhin lohnen, über Nacht per Zug zu reisen, auch weil es dorthin tags immer weniger gute Direktverbindungen gibt. Erhalten bleiben alle drei aktuellen Nachtverbindungen ab München: nach Mailand, Rom und Venedig. Innerdeutsch fahren weiterhin Nachtzüge nach Berlin und Hamburg. Außerdem soll die Verbindung nach Amsterdam weiter bestehen. Zumindest vorerst.

Denn weitere Streichungen werden für die nächsten Jahre allgemein erwartet. „Für die Zeit ab 2016 ist es unser Ziel, auf der dann deutlich verkleinerten Umsatz- und Kostenbasis ein zukunftsfähiges Nachtreisekonzept zu entwickeln“, sagt der Bahn-Sprecher. Er verweist darauf, dass es in vielen europäischen Ländern gar keine klassischen Nachtzug-Verbindungen mit Schlaf- und Liegewagen mehr gibt. Und auf die nackten Zahlen. 2009 verzeichnete die Bahn noch 1,9 Millionen Fahrgäste in dem Segment, 2013 waren es nur noch 1,4 Millionen.

Kritiker wie der Fahrgastverband „Pro Bahn“ führen das auch auf Fehler des Unternehmens zurück. „Es sind sehr viele Investitionen unterlassen worden“, schimpft „Pro Bahn“-Vorstand Gerd Aschoff. „Mit diesem Wagenmaterial können Sie heute einfach niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken.“ Und das, obwohl es immer noch relativ günstige Angebote gebe, wie er betont. Selbst jetzt zur Hauptsaison kann es sich bei relativ kurzfristiger Planung noch lohnen: Nach Paris Mitte August etwa ist noch ab 94 Euro im Sitzwagen und ab 114 Euro im Liegewagen zu haben, nach Venedig im Sitzwagen ab 84 Euro. Spart man sich etwa noch eine Hotelnacht, kann das durchaus attraktiv sein.

Auf dem Weg in den Urlaub nutzt mancher auch den Autozug. Doch anders als bei den Nachtzügen ist das Ende dieses Modells schon endgültig beschlossen. 2017 soll Schluss sein. Die Verbindung München - Narbonne wurde schon eingestampft, vom Ostbahnhof nach Berlin-Wannsee fahren seit April keine Auto-Wagen mehr am Nachtzug mit. Die Bahn setzt hier vier Mal in der Woche auf ihr Modellprojekt „Auto & Zug“. Am Terminal hinter dem Ostbahnhof kann man dann bis 21.30 Uhr sein Auto abgeben. Es wird dann per Lkw nach Berlin gebracht. Der Passagier steigt wie gehabt in den Nachtzug. Laut Bahn funktioniert das Modell in aller Regel, wenn der Zug in Berlin-Wannsee einrollt, stünde das Auto fast immer schon bereit. Fahrgast-Vertreter Aschoff findet das Modell interessant, verweist aber auch darauf, dass es Bemühungen, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen, konterkariert.

Die technischen Zulassungen für die bisherigen Nachtzüge laufen 2017 aus. Spätestens dann dürfte es auch für die Wagen eng werden, die heute noch am Ostbahnhof beladen werden. Von dort kann man noch mit dem Nachtzug sein Auto mitnehmen (Abfahrt: 21.46, Ankunft in Hamburg-Altona 8.09 Uhr). Der Zug soll noch zu den am besten ausgelasteten gehören - auch, weil dänische und schwedische Urlauber sich auf dem Weg nach Italien fast die ganze Fahrtstrecke durch Deutschland sparen können. „Wie es ab 2015 weitergeht, ist noch nicht beschlossen“, sagt der Bahn-Sprecher. „Wir wollen erhalten, was am Markt in vernünftige Bahnen zu kriegen ist.“ Es klingt nicht, als sei er sehr zuversichtlich, dass am Terminal an der Friedensstraße in zwei oder drei Jahren noch Autos auf Züge verladen werden.

Felix Müller

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