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Nachtzügen nach Italien droht das Aus

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Alte Nachtzug-Wagen: Wenn die Behörden in Rom nicht einlenken, müssen die Züge umgerüstet werden, bevor sie wieder nach Italien dürfen. © oomen/FKN

München - Chaos bei den Nachtzügen nach Italien: Die Behörden in Rom halten die Türen der alten Wagen für unsicher und wollen keine Nachtzüge der Deutschen Bahn mehr über die Grenze lassen.

Die Bahn hat den Ticketverkauf vorerst gestoppt. Ab 1. Januar könnte Schluss sein mit den traditionsreichen Verbindungen ab München.

So lange sind die rosigen Zeiten der Nachtzüge noch gar nicht her: Im Internet ist eine Liste vom Sommer 1991 zu finden mit Abfahrtszeiten am Münchner Hauptbahnhof. Eher ganz als halb Europa war über Nacht direkt per Zug erreichbar. 18.07 Uhr Istanbul, 18.24 Uhr Warschau, 19.29 Uhr Athen, 19.31 Uhr Kopenhagen, so ging das bis nach Mitternacht. Kein Vergleich zu heute. Billigflieger und immer schnellere Tagverbindungen haben die Nachtreise unattraktiv gemacht. Die Folge, klagen Kritiker, waren ausbleibende Investitionen in die Züge.

Vor allem aber gibt es noch Italien-Verbindungen. Auch die wurden freilich zusammengestrichen. Den Zug nach Napoli Centrale gibt es nicht mehr. Und den verbliebenen Verbindungen nach Rom und Mailand (jeweils 21.03 Uhr) sowie Venedig (23.40 Uhr) droht nun Ungemach.

Die Deutsche Bahn (DB) verkauft für sie vorerst keine Tickets mehr. „Wir verweisen unsere Fahrgäste grundsätzlich auf die Tagzüge“, bestätigt DB-Sprecher Bernd Honerkamp Recherchen unserer Zeitung. Betroffen sind alle Reisen ab Januar.

Der Grund dafür ist die Unsicherheit über eine neue Sicherheitsbestimmung der italienischen Behörden, die am 1. Januar 2013 in Kraft treten soll. Sie schreibt eine so genannte „seitenselektive Türsteuerung“ vor, die verhindert, dass eine Zugtür auf der falschen Seite geöffnet werden kann, also auf der Seite, wo kein Bahnsteig ist. Obwohl es in Deutschland keine Vorschrift dafür gibt, sind alle Fernverkehrszüge, die in den letzten Jahren zugelassen wurden, mit der Technik ausgestattet, heißt es unisono bei Bahn und Behörden – das gilt auch für die Eurocity-Wagen, die tags nach Italien fahren. Nicht aber für die überalteten Nachtzüge. „Wer in Deutschland Oldtimer fahren möchte, geht zum Verein für historischen Schienenverkehr“, ätzt Matthias Oomen vom Fahrgast-Verband „Pro Bahn“ – „oder er fährt regulär mit dem Nachtzug“.

"Ein leerer Zug würde wohl nicht fahren" 

Dass die Jahrzehnte alten Wagen der neuen Vorschrift nicht entsprechen würden, war absehbar. Schon seit 2007 sei bekannt, dass die Vorgabe ab 2013 gilt, räumt die DB im Internet ein. Man sei aber davon ausgegangen, das es eine Ausnahmegenehmigung geben werde. Jetzt machen die Italiener offenbar Ernst. Ein Sprecher der Bahngesellschaft Trenitalia bestätigte unserer Zeitung, dass nach aktuellem Stand ab 1. Januar die alten deutschen Nachtzug-Wagen nicht mehr über den Brenner nach Italien einfahren dürfen. „Die DB kommuniziert scheinbar nicht nur mit ihren Kunden nicht richtig, sondern auch mit ihren Partnern“, sagt „Pro Bahn“-Mann Oomen.

Die „City Night Line“, unter diesem Namen verkauft die Bahn-Tochter „DB Autozug“ die Nachtverbindungen, wird im Internet sehr deutlich. „Als Wirtschaftsunternehmen“ sei es „natürlich auch eine Katastrophe, bereits geplante Leistungen nicht verkaufen“ zu können, heißt es. Matthias Oomen von Pro Bahn sagt: „Beim Nachtzug sieht es wirtschaftlich ganz schlimm aus.“ Für die nächsten Jahre sei damit zu rechnen, dass weitere Verbindungen gestrichen werden.

Die Bahn plant, die Züge entsprechend der Vorschriften nachzurüsten. „Wir müssten die Wagen dafür aber länger aus dem Betrieb nehmen“, sagt DB-Sprecher Honerkamp. Wie das vor sich gehen soll, ist momentan offen. In letzter Minute versuchen die deutschen, österreischen und italienischen Bahngesellschaften deshalb, die Behörden in Rom zu überzeugen. Wie zu hören ist, wird sogar diskutiert, die Türen mit Personal zu sichern.

„Die Gespräche stimmen uns derzeit zuversichtlich, dass wir die offenen Fragen lösen können“, sagte Michael Braun, Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen, auf Anfrage. Tatsächlich sind die Österreicher deutlich zuversichtlicher als die Deutschen. Aus Wien ist zu hören, dass dort Karten für die Züge aus Deutschland auch für den Zeitraum ab 1. Januar verkauft werden – aber nur für den Abschnitt zwischen Österreich und Italien. In Italien gibt es aktuell keine Tickets für die Nachtzüge aus München.

Bei der DB hält man im schlimmsten Fall für denkbar, dass die Züge leer in München losrollen könnten – so würde man seine Verträge einhalten und die Österreicher könnten selbst entscheiden, ob sie Fahrgäste zusteigen lassen. Sollten die Gespräche komplett scheitern, würden aber wohl gar keine Züge fahren. „Einen ganz leeren Zug, in den gar niemand einsteigen darf, werden wir wohl nicht fahren lassen“, sagt der DB-Sprecher. „Pro Bahn“ hingegen hält sogar das für denkbar. Leere Züge fahren zu lassen, könne sich für die Bahn unter bestimmten Umständen lohnen, sagt Oomen. „Eventuell kann man später Schadensersatzforderungen stellen.“

In der Kritik sind die Nachtzüge auch wegen ihrer Preise. Die Fahrt nach Venedig (Ankunft am Bahnhof Santa Lucia morgens um 8.43 Uhr) kostete gestern 116 Euro im Sitzwagen und bis zu 280 Euro im edelsten Schlafwagen-Abteil. Wer trotz der Preise eine spontane Nachtreise fürs neue Jahr geplant hat, hat jetzt ein Problem. Hätte er das gewusst, schreibt ein Kunde im Internet, hätte er sich schon im September nach einem billigen Flug umgesehen. Die aber sind jetzt für Kurzentschlossene noch viel teurer als es eine Nachtzugfahrt gewesen wäre.

Felix Müller und Christian Vordemann

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